Norwegen steht erstmals im WM-Viertelfinale
Norwegens beeindruckender Lauf bei der WM geht weiter: Dank eines späten Doppelpacks von Erling Haaland setzte sich das Team mit 2:1 (0:0) gegen Brasilien durch und erreichte erstmals überhaupt das Viertelfinale einer Weltmeisterschaft. Der Angreifer traf in der 79. und 90. Minute, ehe Neymar in der langen Nachspielzeit per Foulelfmeter nur noch verkürzen konnte (90.+10).
Nach dem Schlusspfiff war die norwegische Euphorie unübersehbar: Haaland gab an der Trommel den Rhythmus für die Fans vor, sein Vater Alf-Inge feierte ausgelassen in der VIP-Loge zu „Take on Me“.
Für Haaland, einst bei Borussia Dortmund in der Bundesliga aktiv, waren es bereits seine Treffer sechs und sieben im laufenden Turnier. „Es gab schon einige Höhepunkte in diesem Turnier von mir. Das war heute ein weiterer Höhepunkt. Wenn ich eine oder zwei Chancen habe, dann treffe ich meistens. Das ist einfach das, was ich mache“, sagte der 25-Jährige nach der Partie.
Für Rekordweltmeister Brasilien endet die WM dagegen schon im Achtelfinale – so früh wie seit 36 Jahren nicht mehr. Vor 80.663 Zuschauern in East Rutherford muss die Seleção damit weiter auf den ersten WM-Titel seit 2002 warten.
Bewegende Szenen bei Brasilien – Neymar hört auf
Nach dem Schlusspfiff bot sich auf brasilianischer Seite ein emotionales Bild. Neymar weinte, Vinícius Júnior lag am Boden, Trainer Carlo Ancelotti suchte seine Spieler sofort aufzurichten. Im Finalstadion von East Rutherford, in dem Brasilien am 19. Juli eigentlich um den Titel spielen wollte, endete der Traum stattdessen mit dem nächsten bitteren Rückschlag.
Besonders einschneidend: Neymar tritt aus dem Nationalteam zurück. „Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist es zu Ende“, sagte Brasiliens Rekordtorschütze. Mit seinem verwandelten Strafstoß in der Nachspielzeit erzielte der 34-Jährige zwar noch sein 80. Tor im 130. Länderspiel, am Aus konnte das aber nichts mehr ändern.
Auch Ancelotti sprach von großer Enttäuschung. Man müsse nun mit der Traurigkeit dieser Niederlage umgehen und neue Ideen entwickeln, erklärte der 67-Jährige. Zugleich betonte der Italiener, dies sei nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Zeit für die Seleção.
Wilde Anfangsphase im Finalstadion
Die Partie begann äußerst turbulent. Schon nach wenigen Minuten jubelte Norwegen über das vermeintliche 1:0 durch Patrick Berg, doch Alexander Sörloth hatte in der Entstehung im Abseits gestanden.
Kurz darauf bekam Brasilien die große Chance zur Führung. Nach einem klaren Foul von Kristoffer Ajer an Matheus Cunha zeigte Schiedsrichter Ismail Elfath erst nach Eingriff des Videoassistenten auf den Punkt. Die Szene sorgte für Diskussionen, auch weil ein mögliches vorausgegangenes Foul an Antonio Nusa nicht berücksichtigt wurde.
Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich kritisierte bei MagentaTV die Entscheidungsfindung auf dem Platz und verwies zugleich darauf, dass die Videoassistentin die mögliche vorausgegangene Szene gegen Nusa offenbar nicht eingeblendet hatte. Dadurch hätte es womöglich gar nicht erst zum Strafstoß kommen dürfen.
Nyland hält Norwegen im Spiel
Den fälligen Elfmeter konnte Brasilien jedoch nicht nutzen. Bruno Guimarães scheiterte in der 14. Minute mit seinem verzögerten Anlauf an Norwegens Torwart Örjan Nyland. Der frühere Leipziger überzeugte auch später mit einer starken Parade gegen Vinícius Júnior (40.) und war einer der entscheidenden Akteure der ersten Halbzeit.
Haaland blieb zunächst weitgehend abgemeldet – auch vor den Augen von Erbprinzessin Ingrid Alexandra und Prinz Sverre Magnus. Stattdessen hatte Norwegens Kapitän Martin Ödegaard kurz vor der Pause die beste Gelegenheit seines Teams, fand mit seinem Abschluss aber in Alisson seinen Meister.
Dass Guimarães den frühen Elfmeter vergab, erwies sich rückblickend als Schlüsselmoment. Bei einem Treffer hätte die Partie womöglich eine andere Richtung genommen. So blieb Brasiliens einzige Niederlage bei diesem Turnier zugleich die entscheidende.
Endrick und Neymar kommen – Haaland entscheidet
Mit zunehmender Spieldauer wurde die Begegnung offener. Brasiliens Nachwuchshoffnung Endrick sorgte kurz nach seiner Einwechslung sofort für Gefahr, verfehlte das Tor jedoch knapp (59.). Viele Fans der Seleção würden den 19-Jährigen gern einmal in der Startelf sehen, bislang blieb ihm unter Trainer Carlo Ancelotti bei diesem Turnier aber nur die Jokerrolle.
Auf der anderen Seite kamen auch die Norweger wieder gefährlich nach vorn, wobei Haaland eine gute Möglichkeit nur um Haaresbreite verpasste (67.). Später brachte Ancelotti auch Altstar Neymar, doch der große Auftritt gehörte Haaland.
Nach einer Flanke von Andreas Schjelderup erzielte der Stürmer von Manchester City in der 79. Minute das 1:0. Kurz vor Beginn der Nachspielzeit legte er mit einem Schuss von der Strafraumgrenze in die lange Ecke das 2:0 nach und entschied damit die Partie.
Brasilien gelang in der Schlussphase nur noch Ergebniskosmetik: Neymar verwandelte in der Nachspielzeit einen Foulelfmeter zum 1:2-Endstand. Am historischen Erfolg der Norweger änderte das nichts mehr.
Brasiliens WM-Bilanz bleibt hinter den Erwartungen
Ancelotti zog trotz des K.-o. ein nüchternes Fazit und sprach von keiner spektakulären, aber insgesamt ordentlichen WM seiner Mannschaft. Der erste ausländische Nationaltrainer in der Geschichte Brasiliens war angetreten, die seit 24 Jahren andauernde Titellosigkeit bei Weltmeisterschaften zu beenden – dieses Ziel verpasste die Seleção jedoch deutlich.
Offensiv konnte vor allem Vinícius Júnior überzeugen, der bei diesem Turnier auf vier Treffer kam. Matheus Cunha zeigte ebenfalls gute Ansätze und erzielte drei Tore. Andere Leistungsträger blieben dagegen hinter den Erwartungen zurück: Raphinha musste schon nach dem zweiten Gruppenspiel mit einer Oberschenkelverletzung passen, Neymar war wegen anhaltender Wadenprobleme nur noch zu zwei Kurzeinsätzen fähig.
Schon seine Nominierung hatte in Brasilien Diskussionen ausgelöst, weil der frühere Weltklassestürmer längst nicht mehr an seine große Zeit in Barcelona oder Paris anknüpft. Ancelotti hatte die Berufung unter anderem mit Neymars Erfahrung begründet. Immerhin zeigte er vom Punkt noch einmal seine Klasse.
Doch insgesamt trat Brasilien bei diesem Turnier nie wie ein echter Titelfavorit auf. Bereits nach dem 1:1 gegen Marokko zum Auftakt war in der Heimat Kritik laut geworden. Zwar steigerte sich die Mannschaft danach, der ganz große Glanz blieb aber aus. Während frühere Weltmeister wie Ronaldo, Ronaldinho, Roberto Carlos oder Kaká auf der Tribüne saßen, fehlten auf dem Platz die prägenden Ausnahmefiguren früherer Jahre.
Ancelotti kündigte dennoch einen Neuanfang an. Bis zur WM 2030 soll sich Brasilien neu aufstellen – nach einem Turnier, das für die stolze Fußball-Nation in einem tiefen Tal der Enttäuschung endete.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber