Balogun gegen Belgien spielberechtigt: FIFA weist Beschwerde mangels Befugnis ab – Infantino bestätigt Gespräch
Die amerikanische Nationalmannschaft kann im WM-Achtelfinale gegen Belgien mit Stürmer Folarin Balogun antreten. Nachdem die FIFA die Rotsperre des Angreifers überraschend zur Bewährung ausgesetzt hatte, wurde eine Beschwerde des belgischen Verbands nun offiziell als unzulässig zurückgewiesen. Damit ist der 25-Jährige für die Partie am Dienstag um 2.00 Uhr MESZ in Seattle spielberechtigt.
Für die USA ist das sportlich von großer Bedeutung. Balogun zählt neben Christian Pulisic zu den wichtigsten Offensivkräften im Team von Mauricio Pochettino und kommt bei diesem Turnier bereits auf drei Tore.
FIFA: Belgien ist keine Verfahrenspartei
Nach Angaben der FIFA wurde der belgische Vorstoß mit der Begründung zurückgewiesen, dass der Verband keine Verfahrenspartei sei und deshalb keine Beschwerdebefugnis gegen die Entscheidung habe. Hintergrund ist offenbar, dass die Rote Karte aus einem Spiel stammt, an dem Belgien nicht beteiligt war.
Der belgische Verband hatte vom Weltverband schriftlich eine Erklärung verlangt. Die FIFA wertete dieses Schreiben jedoch als formalen Einspruch und wies ihn als unzulässig ab. Eine Kehrtwende blieb damit aus.
Trump bestätigt Einflussversuch – Infantino äußert sich
Im Fall Balogun war zuvor spekuliert worden, dass US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino interveniert habe, um eine Aussetzung der Sperre für das Achtelfinale zu erreichen. Trump bestätigte später, dass er eine Überprüfung angestoßen habe.
Er sagte, er habe um eine Überprüfung gebeten, weil er die Szene nicht für ein Foul gehalten habe. Zugleich stellte er dar, an der eigentlichen Entscheidung selbst nicht beteiligt gewesen zu sein.
Auch Infantino bestätigte inzwischen ein Gespräch. Nach seinen Worten habe er dabei erklärt, dass ein laufendes Verfahren von den unabhängigen FIFA-Justizorganen entschieden werde. Dieses Prinzip werde er stets verteidigen. Zudem betonte der FIFA-Chef, er spreche regelmäßig auch mit Staats- und Regierungschefs sowie mit Vertretern aus Fußball und Wirtschaft.
Internationale Kritik hält an
Die Berichte über den ungewöhnlichen Ablauf hatten international deutliche Reaktionen ausgelöst. Zuvor hatten laut New York Times und AP mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen entsprechende Kontakte bestätigt.
Jürgen Klopp, designierter Bundestrainer, kritisierte bei MagentaTV scharf, ein möglicher Einfluss von Trump und Infantino auf eine sportrechtliche Entscheidung sei völlig unangemessen.
Auch aus Europa kam Widerspruch. Die UEFA sprach davon, dass mit diesem Schritt eine rote Linie überschritten worden sei. Nach ihrer Einschätzung geraten Integrität und Glaubwürdigkeit des Sports in Gefahr, wenn die Verlässlichkeit der Regeln nicht mehr gesichert sei.
Die britische Daily Mail warf Trump und Infantino vor, dieses Turnier schwer beschädigt zu haben.
DFB fordert Aufklärung
Vor dem Achtelfinale verlangte auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf eine rasche Erklärung des Weltverbands. Die FIFA müsse sich zu Berichten äußern, wonach der Aussetzung der Sperre ein Telefonat zwischen Trump und Infantino vorausgegangen sein soll.
Mit den inzwischen bestätigten Kontakten hat der Fall zusätzliche politische Brisanz erhalten.
US-Coach spricht von fairer Lösung
US-Nationaltrainer Mauricio Pochettino begrüßte die Entscheidung. Er bezeichnete es als fair, dass seine Mannschaft nicht zusätzlich bestraft werde. Aus dem US-Team hieß es zudem, einige Spieler hätten die Nachricht zunächst für eine KI-Fälschung gehalten.
Belgien reagierte dagegen mit Unverständnis. Nationaltrainer Rudi Garcia sagte, die Angelegenheit wirke eher wie ein schlechter Scherz als wie ein Vorgang bei einer Weltmeisterschaft.
Umstrittener Platzverweis nach VAR-Eingriff
Balogun war beim 2:0 gegen Bosnien und Herzegowina vom Platz gestellt worden, nachdem er Tarik Muharemovic in einem Zweikampf getroffen hatte. Die Szene wurde kontrovers diskutiert, weil das Einsteigen zwar hart, aber wohl nicht absichtlich war.
Besonders heikel ist der Vorgang, weil die Rote Karte nicht sofort auf dem Feld gezeigt wurde, sondern erst nach einer Überprüfung durch den Video Assistant Referee. Balogun hatte zuvor in der Partie das Führungstor erzielt.
FIFA beruft sich auf Artikel 27
Der Weltverband stützte seine Entscheidung auf Artikel 27 des Disziplinarreglements. Dieser erlaubt es, Disziplinarmaßnahmen ganz oder teilweise auszusetzen. Im Fall Balogun wurde die Sperre für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt.
Kommt es in diesem Zeitraum zu einem weiteren vergleichbaren Vergehen, könnte die Sanktion doch noch wirksam werden. Bleibt ein solcher Vorfall aus, hat die ausgesetzte Strafe für dieses Turnier keine unmittelbaren Folgen mehr.
Ein ähnlicher Fall hatte sich im Vorjahr bei Cristiano Ronaldo ergeben. Damals wurde allerdings nur ein Teil einer längeren Sperre zur Bewährung ausgesetzt – die automatische Sperre für das nächste Spiel musste er trotzdem absitzen. Genau darin sehen Kritiker den wesentlichen Unterschied zum Balogun-Fall.
Sportrechtler warnt vor möglichen Folgen
Der Münchner Sportrechtsexperte Thomas Summerer bewertet den FIFA-Beschluss äußerst kritisch. Aus seiner Sicht tritt eine Sperre nach einer Roten Karte automatisch für das nächste Spiel in Kraft und lässt keinen Ermessensspielraum zu.
Sollte Balogun trotz dieser Ausgangslage eingesetzt werden, könnten laut Summerer erhebliche juristische Folgen entstehen. Bei einer belgischen Niederlage wäre nach seiner Einschätzung sogar eine Anfechtung des Spielergebnisses denkbar. Auch der belgische Verband deutete an, dass ein Einsatz Baloguns weitere Debatten über mögliche juristische Konsequenzen nach sich ziehen könnte.
Historischer Sonderfall mit Sprengkraft
Dass eine Rot-Sperre bei einer WM in dieser Form ausgesetzt wird, gilt als außergewöhnlich. Manche Beobachter erinnern an die WM 1962, als Brasiliens Garrincha nach einem Platzverweis im Finale dennoch eingesetzt wurde.
Unabhängig vom Ausgang des Achtelfinales dürfte der Fall Balogun die Diskussionen über Regeln, Einflussnahme und die Glaubwürdigkeit der FIFA weiter prägen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber