Fußball

Chaos bei 1860 München: Droht jetzt der Absturz?

Investor-Zoff, Absturz, Schockstarre: 1860 erlebt den nächsten Tiefpunkt – und diesmal fehlt sogar die letzte Hoffnung.

04.06.2026, 11:54 Uhr

Fans des TSV 1860 München reagierten am Mittwoch zunächst mit blanker Wut. Vor der Geschäftsstelle forderten Anhänger der "Löwen" lautstark personelle Konsequenzen. Kurz darauf überwogen jedoch Entsetzen und tiefe Ernüchterung.

Nach dem Scheitern einer Einigung mit Investor Hasan Ismaik steht der Traditionsclub vor dem Absturz in die Regionalliga – wie schon 2017. Um die Lizenz für die 3. Liga zu erhalten, hätte der Verein dem Deutschen Fußball-Bund bis Mittwoch, 17.00 Uhr, seine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit nachweisen müssen. Dazu kam es nicht.

Präsident Gernot Mang sprach nach turbulenten Tagen von einer "sehr, sehr enttäuschenden" Entwicklung. Ismaik erklärte, der Verein sei größer als eine einzelne Saison und auch größer als jede Krise. Anders als beim letzten Absturz ist rund um den Club diesmal jedoch kaum Aufbruchsstimmung zu spüren.

Was unterscheidet die Lage von 2017?

Schon im Juni 2017 hatte Ismaik nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga die für die Drittliga-Lizenz nötige Zahlung verweigert. Damals musste 1860 ebenfalls in der Regionalliga neu anfangen.

Trotzdem war die Stimmung damals anders. Nach der verlorenen Relegation gegen Jahn Regensburg zog der Club aus der bei vielen Fans ungeliebten Allianz Arena aus und kehrte ins Grünwalder Stadion zurück. Das wurde als Rückkehr zu den Wurzeln verstanden.

Zudem stand damals mit der zweiten Mannschaft ein stabiles Gerüst bereit. Die Reserve war in der Regionalliga stark aufgetreten und schaffte mit Trainer Daniel Bierofka sowie erfahrenen Kräften wie Sascha Mölders und Jan Mauersberger den direkten Wiederaufstieg. Ein vergleichbarer Schub ist diesmal nicht in Sicht.

Hasan Ismaik
Hasan Ismaik empfindet nach eigener Aussage «große Traurigkeit». (Archivbild) Quelle: Felix Hörhager/dpa

Was geschah unmittelbar vor Fristende?

Bis zuletzt liefen intensive Gespräche. Ende Mai hatte Ismaik Darlehensverträge gekündigt und anschließend Bedingungen formuliert, die der Mutterverein nach eigenen Angaben aus juristischen und wirtschaftlichen Gründen nicht akzeptieren konnte. Am Ende fehlten offenbar 2,7 Millionen Euro, um die Lizenz zu sichern.

Nach Angaben aus dem Umfeld lagen schließlich zwei unterschiedliche Vertragslösungen auf dem Tisch: Eine wäre für den e. V. tragbar gewesen, die andere für die HAM-Seite. Für die KGaA waren grundsätzlich beide Varianten relevant – dennoch kam keine Einigung zustande.

Zur Einordnung: Gesellschafter der KGaA sind einerseits HAM International Limited von Hasan Ismaik und andererseits der TSV München von 1860 e. V. Die Budgethoheit liegt seit 2021 ausschließlich beim Aufsichtsrat der KGaA, in dem HAM die Mehrheit der Stimmen besitzt.

Präsident Mang sagte, die Kündigung der Darlehen habe den Verein völlig unvorbereitet getroffen. Man habe zwar verhandelt, aber es habe Punkte gegeben, bei denen der Club nicht zustimmen konnte.

Wie begründet Ismaik sein Vorgehen?

Der Investor, der seit 2011 bei 1860 engagiert ist, hatte mit der Kündigung der bestehenden Darlehen die Lage weiter verschärft. Gegen diesen Schritt geht die Geschäftsführung juristisch vor.

Ismaik argumentiert, das Grundproblem sei seit Jahren bekannt: Der Verein gebe regelmäßig mehr aus, als er wirtschaftlich tragen könne. Dadurch seien immer wieder zusätzliche Mittel nötig gewesen, um Finanzierungslücken zu schließen.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zeigte sich Ismaik nach eigenen Worten "sehr traurig". Er hoffe, dass die aktuelle Krise zu einer ehrlichen Analyse und schließlich zu einer besseren Zukunft führen könne.

Bleibt Ismaik dem Verein erhalten?

Über seine Firma HAM hält Ismaik 60 Prozent der Anteile an der KGaA. Nach eigenen Angaben hat er seit seinem Einstieg fast 80 Millionen Euro in den Club investiert, ohne dass sich nachhaltiger sportlicher Erfolg eingestellt hätte. Eigentlich strebt er seit Längerem einen Verkauf an. Ein geplanter Deal mit einem Schweizer Unternehmer im Sommer 2025 kam allerdings nicht zustande. Zuletzt war auch Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger als Interessent genannt worden.

Welche Folgen hat der Absturz für die 3. Liga?

Durch das Ausscheiden des TSV 1860 aus der 3. Liga wird ein Platz frei. Diesen würde im Fall einer entsprechenden Zulassung wohl der TSV Havelse erhalten. Nach den Regularien hätte der bestplatzierte der vier sportlichen Absteiger Anspruch auf den freien Startplatz. Havelse hat nach eigenen Angaben die erforderlichen Unterlagen bereits eingereicht.

Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, der Club wolle möglicherweise gar nicht in der 3. Liga antreten. Dadurch hatte sich beim ebenfalls abgestiegenen FC Erzgebirge Aue noch Hoffnung erhalten – diese dürfte nun aber kaum noch realistisch sein.

Wie sieht der Bayerische Fußball-Verband die Situation?

Der Bayerische Fußball-Verband verweist zunächst darauf, dass die Entscheidung über die Drittliga-Lizenz beim DFB liegt, der den Fall aktuell prüft. Für die Regionalliga Bayern hat der TSV 1860 das reguläre Zulassungsverfahren für die Saison 2026/27 bereits erfolgreich durchlaufen und einen positiven Bescheid erhalten.

Das ist üblich, weil bayerische Drittligisten vorsorglich an diesem Verfahren teilnehmen. Sollte 1860 in der kommenden Spielzeit tatsächlich in der Regionalliga antreten, würde die Liga mit 19 statt 18 Vereinen starten.

Gibt es Unsicherheit auch für die Regionalliga?

Der Club will nach eigenen Angaben in der vierten Liga antreten. Geschäftsführer Manfred Paula kündigte an, nun alle Kräfte auf die Zusammenstellung eines konkurrenzfähigen Kaders für die Regionalliga Bayern zu richten.

Offen ist jedoch, ob Ismaik seinen Teil zur Finanzierung beiträgt. Für einen Regionalliga-Betrieb soll rund eine Million Euro nötig sein. Bleibt dieses Geld aus, droht der KGaA die Insolvenz.

Hinzu kommt, dass Hauptsponsor "Die Bayerische" bereits von einem vertraglich vereinbarten Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht hat. Damit fällt die wichtigste Einnahmequelle vorerst weg. Vorstandschef Martin Gräfer ließ offen, ob dies das Ende der Zusammenarbeit oder der Anfang eines echten Neustarts ist.

Der Verein teilte außerdem mit, die Geschäftsführung arbeite eng mit Experten und Beratern aus dem Insolvenzrecht zusammen. Ziel sei es, den Geschäftsbetrieb geordnet aufrechtzuerhalten und eine tragfähige Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Wie könnte der Kader aussehen – und was passiert mit dem Trainer?

Nach Informationen der "Bild" besitzen derzeit nur acht Spieler einen Vertrag für die Regionalliga, die bereits Ende Juli beginnt. Das Team dürfte sich deshalb massiv verändern. Bekannte Namen wie Kevin Volland, Florian Niederlechner oder Torjäger Sigurd Haugen werden voraussichtlich nicht zu halten sein.

Große Bedeutung könnte nun der zweiten Mannschaft zukommen. Die U21 beendete die Saison in der fünften Liga immerhin als Tabellenführer. Ihr Trainer Alper Kayabunar wird bereits als möglicher Nachfolger von Markus Kauczinski gehandelt – für den Fall, dass dieser den Gang in die Viertklassigkeit nicht mitgehen möchte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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