Fußball

Azteca-Kracher: Wovor England hier wirklich zittert

Aztekenstadion, Kane, Tuchel und Karma: Warum England ausgerechnet gegen Mexiko ein altes WM-Trauma fürchten muss

03.07.2026, 09:30 Uhr

England vor Hexenkessel im Aztekenstadion

Harry Kane und Englands Nationalteam wollen in Mexiko-Stadt nicht nur den WM-Gastgeber bezwingen, sondern auch ein altes Kapitel der Fußballgeschichte hinter sich lassen. Im legendären Aztekenstadion wartet im Achtelfinale jedoch weit mehr als nur ein starker Gegner: Die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel muss sich auf die enorme Höhe, ein frenetisches Publikum und die besondere Wucht dieses Spiels einstellen.

„Ich hoffe, wir schließen endlich Frieden mit diesem Stadion“, sagte Tuchel mit Blick auf die bitteren Erinnerungen an frühere WM-Dramen in Mexiko-Stadt. Für den englischen Coach steckt in der Partie auch eine symbolische Dimension: Das alte Schicksal solle diesmal ins Gegenteil verkehrt werden.

Höhe als großer Nachteil

Schon sportlich ist das Duell hochklassig, die Bedingungen machen es zusätzlich extrem anspruchsvoll. Kane sprach von einer der größten Herausforderungen, die eine Weltmeisterschaft bieten könne. Auch Tuchel nannte die Begegnung eines der reizvollsten Spiele des Turniers – zugleich aber eines, bei dem viele Hürden auf seine Mannschaft warteten.

Eine davon ist die Lage des Stadions auf mehr als 2200 Metern über dem Meeresspiegel. Tuchel sieht darin einen klaren Nachteil für seine Elf. Eine echte Anpassung sei in der kurzen Zeit nicht möglich, erklärte er. Deshalb reist England zwar früher an, doch die optimale Akklimatisation wäre laut medizinischer Empfehlung entweder ein Aufenthalt von rund zehn Tagen vor dem Spiel oder eine Anreise in letzter Minute – beides sei nicht realisierbar.

WM 2026 - England - DR Kongo
Auf Kane wird es auch gegen Mexiko wieder ankommen. Quelle: Bradley Collyer/PA Wire/dpa

Der Mediziner Matthias Krüll erklärte, dass die Engländer in dieser Höhe wahrscheinlich schneller ermüden und bei der Laufarbeit Nachteile haben würden. Aus seiner Sicht wäre es ideal, das Spiel möglichst effizient zu gestalten und früh Tore zu erzielen, um lange intensive Belastungsphasen zu vermeiden.

England kommt aus dem WM-Quartier bei Kansas City, das nur rund 280 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Mexiko dagegen ist an die Bedingungen bestens gewöhnt, das Team ist nur wenige Kilometer vom Stadion entfernt untergebracht.

Mexiko mit viel Selbstvertrauen

Die Gastgeber gehen mit breiter Brust in das Spiel. Vier Siege aus vier Partien, dazu kein einziges Gegentor – Mexikos Nationalmannschaft präsentiert sich bislang in beeindruckender Form. Stürmer Santiago Giménez machte deutlich, dass auf dem Weg zum Titel ohnehin jeder Gegner geschlagen werden müsse. Trainer Javier Aguirre verlieh der Partie sogar historischen Rang und sprach vom wichtigsten Spiel für das Land und für seine eigene Laufbahn.

Mexiko erreichte bislang zweimal ein WM-Viertelfinale – beide Male im eigenen Land. 1986 war im Elfmeterschießen gegen Deutschland Endstation. Aguirre stand damals selbst auf dem Platz und wurde vom Schiedsrichter des Feldes verwiesen. Seitdem gilt das fünfte WM-Spiel für Mexiko als eine Art Fluch, der nun endlich enden soll.

Ein passenderen Ort als das Aztekenstadion kann es dafür kaum geben. Bei einer Weltmeisterschaft hat Mexiko dort noch nie verloren. Im gesamten 21. Jahrhundert gab es in diesem Stadion überhaupt nur zwei Niederlagen, die letzte ist schon 13 Jahre her.

Fußballfieber in ganz Mexiko

In Mexiko besitzt das Aztekenstadion längst Kultstatus. Medien im Land beschreiben es nicht nur als Sportstätte, sondern als Symbol für Leidenschaft, Stolz und die fußballerische Identität der Nation. Mehr als 80.000 Zuschauer werden erwartet, das Stadion ist selbstverständlich ausverkauft.

Auch außerhalb der Arena dürfte Ausnahmezustand herrschen. Auf der Prachtstraße Reforma werden wieder riesige Menschenmengen erwartet, die das WM-Märchen ihres Teams feiern. Das ganze Land scheint derzeit im Fußballrausch.

Für England bedeutet das eine ganz andere Atmosphäre als bei den bisherigen Turnierpartien. Mexikos Verteidiger Jorge Sánchez betonte, die Fans seien wie ein zusätzlicher Spieler. Wenn die Mannschaft müde werde, trage sie das Publikum weiter.

Sorge vor einer unruhigen Nacht

Englands Team beschäftigt noch ein anderes Thema: mögliche Störaktionen mexikanischer Fans vor dem Spiel. Vor Ecuadors Hotel war es vor der vorherigen Runde zu nächtlichen Lärmszenen gekommen. Mit hupenden Autos, aufheulenden Motoren und Lautsprechern sorgten Fans für Unruhe, bis die Polizei eingriff. Der ecuadorianische Verband protestierte anschließend.

Britische Medien spekulieren nun, dass England Ähnliches drohen könnte. Der Verband soll deshalb versuchen, den Aufenthaltsort des Teams geheim zu halten. Allerdings werden die Hotels bei der WM von der FIFA vorgegeben.

Erinnerungen an 1986

Der letzte Auftritt Englands im Aztekenstadion ist bis heute unvergessen. Am 22. Juni 1986 schied die Auswahl dort im Viertelfinale aus – in jener denkwürdigen Partie gegen Argentinien, die durch Diego Maradonas „Hand Gottes“ und sein überragendes Solo weltberühmt wurde. Wegen des Falkland-Krieges war das Spiel damals auch politisch hoch aufgeladen.

Nun soll das Stadion für England endlich mit besseren Erinnerungen verbunden werden.

Mexikos Offensivhoffnung gegen Pickford

Auch wenn zwischen Mexiko und England keine klassische Rivalität besteht, dürfte die Stimmung explosiv sein. Im Aztekenstadion erreichen die Fans Lautstärken von bis zu 150 Dezibel. Die Hoffnungen der Gastgeber ruhen unter anderem auf Jungstar Gilberto Mora, der beim 2:0 gegen Ecuador im Sechzehntelfinale herausragte.

Dazu kommt mit Raúl Jiménez ein Angreifer, der in der Premier League bestens bekannt ist. Die mexikanische Presse erinnerte bereits daran, dass Jiménez gegen Englands Torhüter Jordan Pickford in der englischen Liga mehrfach erfolgreich war. Das nährt im Land zusätzlich die Hoffnung auf den nächsten großen Auftritt.

Für die Three Lions wird es damit zu einer gewaltigen Bewährungsprobe. England jagt weiter dem ersten WM-Titel seit 60 Jahren hinterher. Ein Sieg im Aztekenstadion gegen den Gastgeber würde daher zweifellos als einer der bedeutendsten Auswärtserfolge der englischen Fußballgeschichte gelten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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