Nato-Gipfel in Ankara startet unter Hochspannung – Trump provoziert, Merz wirbt für „Geist von Ankara“
Zum Auftakt des Nato-Gipfels in Ankara ist die Stimmung im Bündnis so angespannt wie lange nicht. Über dem Treffen der 32 Staats- und Regierungschefs liegen mehrere Krisen zugleich: der Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie der Dauerstreit über die Verteilung der Verteidigungslasten.
Bis Mittwoch wollen die Bündnispartner beraten, wie mehr Verantwortung auf die europäischen Alliierten und Kanada verlagert werden kann. Gleichzeitig muss sich die Allianz darauf einstellen, dass die USA weniger Kräfte für Nato-Planungen bereitstellen und einen Truppenabzug aus Deutschland angekündigt haben.
Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte vor dem Abflug die deutsche Linie mit dem Ziel einer „europäischeren Nato“. „Von diesem Gipfel soll die Botschaft ausgehen: Wir bauen eine europäischere Nato, damit die Nato transatlantisch bleiben kann“, sagte er. Er hoffe auf einen „Geist von Ankara“, der neue Geschlossenheit ausstrahle. Merz reiste gemeinsam mit seiner Ehefrau Charlotte in die türkische Hauptstadt.
Trump in Ankara angekommen – und sofort mit neuer Kritik
US-Präsident Donald Trump landete am frühen Nachmittag in Ankara und nutzte für die Reise erstmals bei einem Auslandsbesuch seine neue Air Force One – einen Jumbojet, den er im vergangenen Jahr in einem umstrittenen Schritt als Geschenk aus Katar angenommen hatte.
Empfangen wurde Trump zunächst am Militärflugplatz Etimesgut direkt von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Später folgte am Präsidentenpalast ein zweiter, besonders aufwendiger Empfang. Trumps Limousine wurde von einer hellblau gekleideten Reiterstaffel eskortiert, an deren Spitze Reiter mit türkischer und amerikanischer Flagge ritten. Dazu kamen Kanonenschüsse und ein Überflug von Kampfjets in den Farben der US-Flagge. Erdogan nutzte den Gipfel damit auch, um die Türkei mit ihrer großen Armee als unverzichtbaren Machtfaktor im Bündnis zu inszenieren.
Trump zeigte sich demonstrativ freundschaftlich gegenüber dem türkischen Präsidenten. „Wir sind gute Freunde“, sagte er und lobte die Türkei erneut für ihre Loyalität. Vor dem Gipfel hatte er sogar angedeutet, vor allem wegen Erdogan nach Ankara gereist zu sein. Erdogan sprach seinerseits von einem besonders wichtigen Besuch seines „geschätzten Freundes“.
Schon kurz nach seiner Ankunft verschärfte Trump jedoch den Ton gegenüber anderen Verbündeten. Bei einem Treffen mit Erdogan erklärte er, er sei von der Nato „sehr enttäuscht“ gewesen. Wenig später erneuerte er seinen Vorwurf, mehrere europäische Verbündete hätten die USA im Iran-Krieg im Stich gelassen. Namentlich nannte er Großbritannien, Italien, Deutschland und Frankreich.
Trump hält an Anspruch auf Grönland fest
Zusätzlich sorgte Trump in Ankara mit Äußerungen zu Grönland für Unruhe. Beim Treffen mit Erdogan sagte er, es bleibe dabei, dass die zum Königreich Dänemark gehörende Insel aus seiner Sicht von den Vereinigten Staaten und nicht von Dänemark kontrolliert werden sollte. Konkrete Schritte oder direkte Drohungen kündigte er dabei allerdings nicht an.
Zugleich holte Trump erneut zu scharfer Kritik an Europa aus. Hypothetisch stellte er in den Raum, die USA könnten alle ihre Soldaten aus Europa abziehen. Europa sei heute ein völlig anderer Ort als noch vor 20 Jahren, sagte Trump. Wenn die Europäer bei Einwanderung und Energiepolitik nicht vorsichtig seien, werde es „kein Europa mehr geben“.
US-Regierung sieht Übernahme Grönlands als derzeit beste Lösung
Bereits am Wochenende hatte ein hochrangiger US-Regierungsbeamter klargemacht, dass Washington eine Übernahme Grönlands derzeit als einzigen Weg ansieht, um langfristig auf Sicherheitsrisiken rund um die strategisch wichtige Arktisinsel zu reagieren. Aus Sicht der USA sei dies momentan die beste Möglichkeit, den Verteidigungsbedarf der Nato mit Blick auf Grönland abzudecken.
Der Beamte verwies auf rege Marineaktivitäten in der Region und sagte, Trump strebe eine „dauerhafte“ Lösung an. Man prüfe zwar auch andere Optionen, ließ aber offen, wie diese aussehen könnten. Nach jetzigem Stand sehe die Regierung den Erwerb Grönlands durch die Vereinigten Staaten als einzige Lösung.
Alte Grönland-Debatte belastet das Bündnis erneut
Trumps unverhohlene Besitzansprüche hatten Nato-Partner bereits zu Jahresbeginn schockiert. Damals hatte er offen mit einer Übernahme der geostrategisch wichtigen Insel gedroht und damit nicht nur Dänemark brüskiert, sondern auch Zweifel an der Geschlossenheit des Bündnisses geweckt. Seine Begründung lautete, das Gebiet sei sonst nicht ausreichend vor Russland und China geschützt – und damit letztlich auch nicht die USA.
Später nahm Trump die Drohung zurück, notfalls auch militärische Mittel einzusetzen. Auch angedrohte Strafzölle gegen Deutschland und andere europäische Länder, falls diese einem Verkauf nicht zustimmen sollten, verfolgte er zunächst nicht weiter. An seinem Anspruch auf Grönland hielt er jedoch fest. Dänemark und Grönland lehnen eine Annexion durch die USA entschieden ab. Inzwischen laufen Gespräche mit Washington, um einen Kompromiss zu finden.
Große Spannung um Trumps Auftreten
Mit seinen Äußerungen gefährdete Trump gleich zu Beginn des Gipfels das für die Nato wichtige Signal der Geschlossenheit. Gerade auf einem Spitzentreffen des Bündnisses gilt Einigkeit als zentral für Glaubwürdigkeit und Abschreckung.
Trump hatte in den vergangenen Monaten immer wieder die aus seiner Sicht zu niedrigen Verteidigungsausgaben großer europäischer Partner kritisiert. Hinzu kommt sein Ärger über die Haltung einzelner Verbündeter im Iran-Krieg. Aus Sicht des US-Präsidenten fehlte es an Unterstützung etwa bei Stützpunkten, Überflugrechten und bei einer möglichen Rolle zur Sicherung der Straße von Hormus. Auch kritische Aussagen zum amerikanischen Vorgehen gegen den Iran, unter anderem aus Deutschland, sorgten in Washington für Unmut.
Für Trump spielt Loyalität in Bündnissen offenkundig eine Schlüsselrolle. Auf die Frage, was er von Alliierten erwarte, hatte er zuletzt sinngemäß geantwortet: vor allem Loyalität. Die Türkei hob er in Ankara ausdrücklich als positives Gegenbeispiel hervor.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte bemüht sich derweil um Beruhigung. Nach seinen Angaben geben die europäischen Mitgliedstaaten und Kanada inzwischen zusammen rund vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung und sicherheitsrelevante Bereiche aus. Davon entfallen nach dpa-Informationen etwa 2,5 Prozent auf klassische Verteidigungsausgaben und 1,5 Prozent auf andere sicherheitsrelevante Felder wie Infrastruktur.
Deutschlands Erwartungen an den Gipfel
Trump hatte den deutschen Nato-Beitrag zuletzt als unzureichend verspottet. Merz will das in Ankara nicht unbeantwortet lassen, sieht dem Treffen nach Angaben aus seinem Umfeld insgesamt aber zuversichtlich entgegen. Die Botschaft aus Berlin lautet: Europa soll in der Nato mehr Verantwortung übernehmen, damit das Bündnis zugleich transatlantisch stabil bleibt.
Rückenwind sieht der Kanzler in einem neuen Rüstungsprojekt mit Kanada. Das Land will bei der Kieler Werft TKMS bis zu zwölf U-Boote bestellen. Merz sprach von einem der größten, womöglich dem größten Rüstungsauftrag der Bundesrepublik. Das Geschäft sei ein starkes Signal für transatlantische und europäische Zusammenarbeit. Deutschland und Norwegen haben das Modell für die gemeinsame Nutzung der U-Boote gemeinsam entwickelt.
Mit Blick auf den Ukraine-Krieg sagte Merz zudem, Ankara könne zu einem Einschnitt in dem Konflikt werden. Dem Kreml müsse klar werden, dass Russland seine Kriegsziele nicht erreichen werde.
Deutschland meldet Verteidigungsausgaben auf Rekordniveau
Zum Gipfelauftakt meldete die Bundesregierung der Nato für das laufende Jahr 2026 erneut Verteidigungsausgaben in Rekordhöhe. Nach den vom Bündnis veröffentlichten Daten beläuft sich der deutsche Wert auf 124,7 Milliarden Euro.
Das entspricht einem Anstieg um 25,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für 2025 waren rund 99,3 Milliarden Euro angegeben worden. Mit einem Plus von etwa 25,4 Milliarden Euro verzeichnet Deutschland damit den größten Ausgabensprung der jüngeren Geschichte. Innerhalb der Nato geben in absoluten Zahlen nur die USA mehr für Verteidigung aus als die Bundesrepublik.
Festliches Abendessen zum Auftakt
Gastgeber Erdogan lud zum offiziellen Beginn des Gipfels zu einem festlichen Abendessen in seinen Präsidentenpalast. Erwartet wurden neben den Staats- und Regierungschefs der Nato auch Vertreter der Partnerstaaten Ukraine, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland sowie Repräsentanten der Europäischen Union.
Neue Zusagen für die Ukraine
Anders als beim Gipfel im Vorjahr soll die Ukraine diesmal nicht nur bilaterale Hilfszusagen einzelner Staaten erhalten. In Ankara will die Nato selbst ein neues Unterstützungspaket auf den Weg bringen.
Vorgesehen ist eine Mindestfinanzierung für militärische Hilfe, Ausrüstung und Ausbildung von 70 Milliarden Euro pro Jahr über zwei Jahre. Insgesamt wären das 140 Milliarden Euro. Darin enthalten ist allerdings ein bereits bestehendes EU-Paket, das bis Ende 2027 rund 60 Milliarden Euro für verteidigungsrelevante Ausgaben der Ukraine vorsieht. Damit müssten die Nato-Staaten zusätzlich rund 80 Milliarden Euro aus ihren nationalen Haushalten aufbringen.
Merz sagte vor seiner Abreise, auf deutsche Initiative solle es eine Vereinbarung der europäischen Bündnismitglieder geben, die Ukraine mit weiteren Mitteln auszustatten. Zudem wolle man die beim G7-Gipfel in Évian gezeigte Geschlossenheit im Umgang mit Trump ausbauen.
Trump will sich am Rande des Gipfels zudem mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj treffen. Das verleiht dem Thema zusätzliche politische Bedeutung.
Kommt Bewegung in die Friedensfrage?
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen im fünften Jahr an. Trump hatte einst angekündigt, den Konflikt binnen eines Tages nach Amtsantritt beenden zu können. Tatsächlich sind die amerikanischen Vermittlungsbemühungen bislang kaum vorangekommen.
Am Vorabend des Gipfels äußerte sich Trump jedoch überraschend optimistisch. Nach einem Telefonat mit Russlands Präsident Wladimir Putin zeigte er sich überzeugt, dass Moskau den Krieg beenden wolle. Eine Einigung sei näher, als viele glaubten. Mit Blick auf Ankara kündigte Trump an, man werde darüber sprechen – ein Durchbruch sei möglich.
Selbstbewusster Selenskyj wirbt für mehr Unterstützung
Selenskyj drängte die Nato zu schnelleren Vorbereitungen auf Kriegsführung mit und gegen Drohnen. Auf einem Rüstungsforum am Rande des Gipfels bot er den Verbündeten eine engere Zusammenarbeit bei der Produktion unbemannter Systeme an.
Zugleich warb er erneut für einen Nato-Beitritt seines Landes. „Die Nato mit der Ukraine ist das Bündnis der Zukunft“, sagte er sinngemäß. Das Thema bleibt im Bündnis jedoch hoch umstritten, zumal Trump einen Beitritt der Ukraine mehrfach ausgeschlossen hat. Angesichts anhaltender russischer Raketenangriffe forderte Selenskyj außerdem erneut zusätzliche Patriot-Flugabwehrraketen.
Nato bereitet sich auf Drohnenkriege vor
Die Allianz stellt sich zugleich auf eine starke Ausweitung der Kriegsführung mit Drohnen ein. Nach Angaben von Rutte wollen die Verbündeten in den kommenden fünf Jahren mehr als 40 Milliarden Dollar in Fähigkeiten zur Drohnenabwehr investieren. Zudem sollen bis Ende 2027 fünfmal so viele Soldaten für den Einsatz von Drohnen ausgebildet werden.
Rutte betonte, Drohnen seien auf dem Schlachtfeld inzwischen ein entscheidender Faktor – in der Ukraine, im Nahen Osten und auch im Bündnisgebiet. Mehrfach waren russische Drohnen bereits in den Nato-Luftraum eingedrungen.
Nato setzt bei Awacs-Nachfolge auf Kanada
Auch bei der Modernisierung der in Deutschland stationierten Nato-Aufklärungsflotte spielt Kanada nun eine zentrale Rolle. Wie Rutte ankündigte, sollen künftig Flugzeuge des Herstellers Bombardier eingesetzt werden, ausgerüstet mit dem Frühwarn- und Aufklärungssystem GlobalEye des schwedischen Konzerns Saab.
Ursprünglich wollte die Nato US-Maschinen vom Typ Boeing E-7A Wedgetail als Ersatz für die bisherigen Awacs-Flugzeuge beschaffen. Dieses Vorhaben wurde jedoch vorerst aufgegeben, nachdem die US-Regierung ihren Ausstieg aus dem Programm angekündigt hatte. Hauptstützpunkt der Awacs-Flotte bleibt der Nato-Flugplatz Geilenkirchen bei Aachen.
USA und Europa planen neue Rüstungskooperationen
Parallel zum Gipfel wollen die USA und europäische Verbündete ihre Zusammenarbeit bei modernen Lenkflugkörpern ausbauen. Der US-Unterstaatssekretär für Beschaffung, Michael P. Duffey, kündigte auf einem Nato-Rüstungsforum an, gemeinsam mit Partnern die Produktion von AMRAAM-Raketen auszuweiten. Außerdem soll für PAC3-Lenkflugkörper des Flugabwehrsystems Patriot ein Wartungszentrum in Europa entstehen.
Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall vereinbarte darüber hinaus mit dem US-Hersteller Lockheed Martin eine Absichtserklärung zur Produktion von Kurzstreckenraketen vom Typ ATACMS. Nach Unternehmensangaben wäre dies die erste Koproduktion dieses Systems in Europa.
Trump lässt Türkei auf F-35-Lieferung hoffen
Erdogan verbindet den Gipfel auch mit der Hoffnung auf Bewegung bei einem lange blockierten Rüstungsstreit. Die Türkei will moderne US-Kampfjets vom Typ F-35 kaufen, was bislang wegen Sicherheitsbedenken und gesetzlicher Hürden in den USA ausgeschlossen ist.
Trump stellte nun in Aussicht, Sanktionen gegen die Türkei aufheben zu wollen. Unabhängig davon bleibt jedoch ein US-Gesetz in Kraft, das einen Verkauf solcher Jets nur zulässt, wenn Ankara sich deutlich bewegt. Dafür gibt es bislang keine offiziellen Anzeichen.
Ankara war ursprünglich als Partner am F-35-Programm beteiligt und sollte rund 100 Maschinen erhalten. 2019 schlossen die USA die Türkei jedoch aus dem Programm aus, nachdem sie das russische Luftabwehrsystem S-400 gekauft hatte. Washington befürchtete damals, Russland könne über das System sensible Daten zur Tarnkappentechnik gewinnen.
Streit um den Iran-Krieg bleibt heikel
In der geplanten Abschlusserklärung des Gipfels spielt der Krieg gegen den Iran bislang nur eine Nebenrolle. Genannt wird vor allem das Interesse an freier Schifffahrt durch die Straße von Hormus, die für Öl- und Gastransporte von zentraler Bedeutung ist.
Trump macht jedoch deutlich, dass der Konflikt die Spannungen im Bündnis verschärft hat. Sein zentraler Vorwurf lautet, mehrere europäische Alliierte hätten die USA in dieser Auseinandersetzung nicht ausreichend unterstützt. Auch aus seiner Regierung kam dazu bereits scharfe Kritik. Verteidigungsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio nannten das Verhalten mancher Partner „beschämend“ und stellten eine Neubewertung der Beziehungen Washingtons zur Nato in Aussicht.
Festnahmen bei Protesten
Begleitet wird der Gipfel auch von Protesten. Nach Angaben der türkischen Anwaltsvereinigung CHD nahm die Polizei bei Anti-Gipfel-Demonstrationen mehr als 20 Menschen fest. Die Behörden hatten rund um das Treffen ein weitreichendes Demonstrationsverbot verhängt. Bereits im Vorfeld waren demnach Aktivisten, Gewerkschafter und Journalisten festgenommen worden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber