Politik

Vom Wunderkind zum Warner: Kurz wird 40

Vom Wunderkind zum Polit-Abgang: Warum Sebastian Kurz trotz Ermittlungen offenbar doch nicht ganz von der Bühne ist.

26.08.2026, 10:00 Uhr

Für einen Moment wirkt Sebastian Kurz wieder ganz wie in seiner früheren Rolle als Politiker. Der frühere österreichische Kanzler, der seit Jahren für einen harten Kurs in der Migrationspolitik steht, erwartet in den kommenden Jahren eine weitere Verschärfung. Nach seiner Einschätzung werde es künftig nicht nur um Zurückweisungen an den Grenzen gehen, sondern verstärkt auch darum, Flüchtlinge außerhalb Europas unterzubringen. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte Kurz, es werde irgendwann als selbstverständlich gelten, möglichst niemanden mehr hereinzulassen — ohne dabei ausdrücklich den Begriff Remigration zu verwenden.

Appell an Konservative: Klarer sprechen

Kurz rät konservativen Parteien in Europa grundsätzlich dazu, ihre Positionen deutlicher zu formulieren. Seiner Ansicht nach scheuen sich bürgerliche Kräfte häufig davor, offen auszusprechen, was sie tatsächlich denken. Während seiner Kanzlerschaft war Kurz selbst für zugespitzte politische Botschaften bekannt, mit denen er auch Wähler aus dem rechtspopulistischen Lager ansprach. Dieses Vorgehen zahlte sich für die ÖVP aus: Unter seiner Führung gewann die Partei zwei Nationalratswahlen.

Den Erfolg der AfD in Deutschland erklärt Kurz vor allem mit der Migrationspolitik unter Angela Merkel und dem Verhalten der übrigen Parteien. Die Politik offener Grenzen habe das Wachstum der AfD begünstigt, sagt er. Zudem verschaffe die konsequente Abgrenzung durch andere Parteien der AfD ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal.

Sebastian Kurz ist inzwischen Unternehmer
Nach seinem Ausscheiden aus der Politik ist Sebastian Kurz als Unternehmer erfolgreich. Quelle: Michael Baumgartner/Kito.Archi/dpa

Auftritt wie früher, Thema heute: Wirtschaft und KI

Anlässlich seines 40. Geburtstags am 27. August empfängt Kurz in seinem Büro in bester Wiener Lage. Äußerlich ist vieles geblieben wie früher: maßgeschneiderter Anzug, höfliches Auftreten, fokussierte Kommunikation.

Der frühere Hoffnungsträger der Konservativen in Österreich und darüber hinaus galt zeitweise auch in Deutschland als Vorbild für CDU und CSU. Sein Rückzug aus der Politik im Jahr 2021 erfolgte allerdings nicht freiwillig. Nachdem die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der sogenannten Inseraten-Affäre gegen ihn ermittelte, drängte ihn der grüne Koalitionspartner zum Rücktritt.

Danach startete Kurz als Unternehmer neu. Einen festen Plan habe er zunächst nicht gehabt, sagt er selbst. Über Gespräche und Kontakte sei dann die Möglichkeit entstanden, das KI-Unternehmen Dream mitzugründen. Die Firma entwickelt Produkte für Regierungen und Betreiber kritischer Infrastruktur.

Beteiligung an Milliardenfirma

Von seinem anfänglichen Anteil von 33 Prozent hält Kurz heute noch 15 Prozent. Das Unternehmen beschäftigt nach seinen Angaben rund 350 Mitarbeiter in Wien, Abu Dhabi und Tel Aviv und wurde zuletzt mit rund drei Milliarden Dollar bewertet. Kurz betont, er sei finanziell unabhängig.

Sorge um Europas Wettbewerbsfähigkeit

Inhaltlich sieht der Ex-Kanzler derzeit vor allem ein großes Thema: die wirtschaftliche Zukunft Europas. Aus seiner Sicht unterschätzen viele Menschen in Deutschland und Österreich, wie stark Wohlstand und wirtschaftliche Stärke in einer von Künstlicher Intelligenz geprägten Welt unter Druck geraten könnten.

Als entscheidend nennt Kurz große Energieprojekte, bessere Bildung, den Wettbewerb um Spitzenkräfte und den klaren politischen Anspruch, bei den Gewinnern der neuen technologischen Epoche zu sein. Sein Eindruck sei derzeit allerdings eher, dass Europa in die entgegengesetzte Richtung laufe.

Treffen mit Herbert Kickl sorgt für Spekulationen

Trotz solcher politischen Aussagen weist Kurz Spekulationen über ein mögliches Comeback zurück. Er sehe sich lediglich als politischer Beobachter. Von 2017 bis zur Ibiza-Affäre 2019 führte er eine Regierung aus ÖVP und FPÖ, von 2020 bis 2021 dann eine Koalition mit den Grünen, die er damals als Verbindung des „Besten aus zwei Welten“ beschrieb.

Für Diskussionen sorgte zuletzt ein Treffen mit FPÖ-Chef Herbert Kickl. Das hat besonderes Gewicht, weil Kickl bei künftigen Wahlen gute Chancen eingeräumt werden und er einst unter Kurz Innenminister war, ehe er auf Druck des Kanzlers sein Amt verlor. Kurz versucht, die Bedeutung des Treffens herunterzuspielen. Er treffe sich regelmäßig mit verschiedenen Politikern und früheren Weggefährten, sagt er. Gleichwohl räumt er ein, dass auch Vergangenes zur Sprache gekommen sei.

Gelassenheit trotz möglicher Anklage

Juristisch ist die Causa für Kurz noch nicht abgeschlossen. In der Inseraten-Affäre wird weiterhin gegen ihn ermittelt. Im Raum steht der Verdacht, dass mit Wissen von Kurz Steuergeld aus Ministerien verwendet worden sein könnte, um für ihn und die ÖVP vorteilhafte Umfragen und wohlgesonnene Berichterstattung zu finanzieren.

Kurz weist die Vorwürfe entschieden zurück und spricht von einem „haarsträubenden Verfahren“. Mit Verweis auf seinen Freispruch im Verfahren wegen des Vorwurfs der Falschaussage vor einem Untersuchungsausschuss zeigt er sich zuversichtlich: Ein Verfahren habe er bereits gewonnen, das zweite werde er ebenfalls für sich entscheiden.

Geburtstag auf dem Familienhof

Privat beschreibt sich Kurz als glücklichen Familienmenschen. Er ist Vater von zwei Söhnen, die ein Jahr beziehungsweise viereinhalb Jahre alt sind. Mit dem älteren Kind gehe er bereits bergwandern, radfahren und Tennis spielen. Beruflich sei er allerdings mehr als die Hälfte jeder Woche auf Reisen.

Seinen 40. Geburtstag will er dennoch ganz klassisch feiern: auf dem Bauernhof der Familie in Niederösterreich — mit ihm selbst am Grill.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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