Ukraine

Putins Krieg rückt näher

Wärmefolie, Kerzen, Alarmstimmung: In Polen wächst die Angst vor einer Kriegs-Ausweitung – selbst Deutsche in Warschau trainieren.

27.09.2026, 10:59 Uhr

Krisenvorsorge in Warschau: Botschaftspersonal trainiert für den Ernstfall

Im Garten der deutschen Botschaft in Warschau üben Männer und Frauen zwischen Zelten und olivfarbenen Planen den Umgang mit Notsituationen. Michal Szubert von den polnischen Territorialstreitkräften zeigt, wie man sich draußen mit einer Alu-Rettungsdecke und einer Kerze notdürftig warmhalten kann. Sein Hinweis ist deutlich: Es gehe nicht um Komfort, sondern ums Überleben. Eine Mitarbeiterin der Botschaft testet die Methode direkt auf dem Rasen, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

Hintergrund der Übung ist die wachsende Unruhe in Polen wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Der deutsche Botschafter in Warschau, Miguel Berger, sagt, niemand wisse, was die kommenden Monate noch bringen könnten. In Polen sei die Vorbereitung auf mögliche Krisenlagen längst zu einem wichtigen Thema geworden. Auch unter den Beschäftigten der Botschaft sei das Bedürfnis nach Sicherheit gestiegen. Deshalb habe man sich entschieden, an dem landesweit angebotenen Armeekurs „In Bereitschaft“ teilzunehmen, der auf großes Interesse stößt.

Warum die Nervosität in Polen zunimmt

In Polen häufen sich Vorfälle, die als Warnsignale verstanden werden. Mehrfach schlugen russische Drohnen in der Ukraine nahe dem polnisch-ukrainischen Grenzübergang Dorohusk-Jahodyn ein. Auch ein Personenzug auf der Strecke Kiew–Warschau wurde dort attackiert. Zudem barg die polnische Marine vor Kurzem eine russische Drohne aus der Ostsee. Außerdem drang ein russischer Militärhubschrauber vom Typ Mi-8 für kurze Zeit in den Luftraum des Nato-Mitglieds ein.

Krisentraining der polnischen Armee
Soldat Michal Szubert von Polens Territorialstreitkräften erklärt, die man sich draußen schützen kann. Quelle: Doris Heimann/dpa

Regierungschef Donald Tusk erklärte zuletzt, er halte verdeckte Drohnenangriffe und Raketenattacken auf Polen für möglich. Das Land sichert seine Übergänge zur Ukraine inzwischen stärker ab und baut sie teils wie militärische Kontrollpunkte aus. Auch Soldaten der Bundeswehr unterstützen dabei, die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad mit Sperranlagen zu verstärken.

Dänischer Geheimdienst warnt vor begrenzten Angriffen

Zu dieser angespannten Lage passt eine neue Einschätzung des dänischen Militär- und Auslandsgeheimdienstes DDIS. In dem Bericht wird das Risiko beschrieben, dass Russland bereits in den kommenden Monaten begrenzte militärische Aktionen gegen einen oder mehrere an Russland grenzende Nato-Staaten unternehmen könnte. Ein solcher Schritt sei laut Analyse sogar dann denkbar, wenn der Krieg in der Ukraine weiter andauert und Moskau noch nicht über die Mittel für einen größeren Krieg mit der Nato verfügt.

Als mögliches Beispiel nennen die Analysten einen gezielten russischen Raketenangriff auf Infrastruktur, die für die Unterstützung der Ukraine wichtig ist. Danach könnte Moskau behaupten, die Rakete sei wegen ukrainischer Gegenmaßnahmen versehentlich auf Nato-Gebiet gelandet. Ebenso wird eine False-Flag-Aktion für vorstellbar gehalten, bei der ukrainische Drohnen als Tarnung dienen sollen.

Selbst ein begrenzter Einsatz russischer Bodentruppen auf Nato-Territorium wird nicht ausgeschlossen. Nach Einschätzung des Dienstes wäre dafür allerdings wohl zunächst ein sichtbarer Aufmarsch regulärer Kräfte an der Grenze nötig.

Die vermutete Absicht Russlands: den Zusammenhalt des Bündnisses auf die Probe zu stellen oder es zu spalten, besonders mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine. Dabei gehe es nicht mehr nur darum, Unsicherheit zu verbreiten. Moskau versuche offenbar auch, Hilfslieferungen direkt zu stören, etwa durch Sabotage an Rüstungsfirmen oder Bahntransporten.

Nato sieht wachsende Gefahr hybrider Attacken

Auch im Nato-Hauptquartier in Brüssel und in Berlin wird die Situation ähnlich bewertet. Zwar rechnet derzeit kaum jemand damit, dass Kremlchef Wladimir Putin einen offenen Angriff auf einen Bündnisstaat befehlen würde. Große Sorge bereiten aber sogenannte hybride Angriffe – also Sabotage, Cyberattacken oder Desinformation, die unterhalb der Schwelle eines klassischen militärischen Angriffs bleiben.

Ein hoher Nato-Vertreter sagte jüngst, Zahl, Intensität und Risikobereitschaft solcher Aktionen nähmen zu. Im vergangenen Jahr seien mehr als 200 hybride Angriffe registriert worden, alltägliche Cyberattacken noch nicht einmal mitgerechnet. Im Bündnis wächst deshalb die Furcht, Russland könne bei einer solchen Operation irgendwann zu weit gehen, viele Tote verursachen und so eine Eskalation auslösen.

Pistorius warnt vor verschärfter Bedrohung

Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte im Bundestag, die Sicherheitslage sei so angespannt wie seit Langem nicht mehr. Er verwies unter anderem auf eine mit Sprengstoff bestückte Drohne über Litauen, die von Nato-Kampfjets abgeschossen wurde, sowie auf den Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig Anfang August. Putin wolle die Bevölkerung verunsichern, sagte Pistorius. Deutschland müsse deshalb seine Verteidigungsfähigkeit rasch weiter ausbauen.

Vier Stunden Training und eine klare Richtung im Ernstfall

Das Krisentraining der polnischen Armee für die Beschäftigten der deutschen Botschaft dauert vier Stunden. In dieser Zeit lernen sie unter anderem, verschmutztes Wasser zu filtern, mit Birkenrinde Feuer zu machen und warum ein einfaches Taschenmesser mitunter nützlicher sein kann als ein teures Multifunktionswerkzeug.

Am Ende steht der Notfallrucksack auf dem Programm. Auch ein Kompass gehört nach Ansicht des Ausbilders dazu – vorausgesetzt, man weiß ihn zu benutzen. Seine wichtigste Empfehlung für den Krisenfall ist jedoch denkbar schlicht: „Gehen Sie nach Westen.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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