Selenskyj wirft Russland weiter massive Verstöße gegen Kiews Feuerpause vor
Die von der Ukraine einseitig ausgerufene Waffenruhe ist nach Darstellung Kiews schon in den ersten Stunden vielfach gebrochen worden. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zunächst von mehr als 1.800 registrierten Verstößen in den ersten zehn Stunden gesprochen. Am Abend bekräftigte er dann, Russland reagiere auf den ukrainischen Vorschlag einer Feuerpause bislang nur mit neuen Schlägen und Angriffen.
Wie Kiew weiter vorgehen will, ließ Selenskyj zunächst offen. In seiner abendlichen Videobotschaft sagte er, die Ukraine werde abhängig von der Lage am Abend und am folgenden Tag eine „völlig angemessene Antwort“ festlegen. Zugleich deutete er an, dass die Feuerpause noch nicht endgültig vom Tisch sei.
Nach seinen Worten hat Russland ein klares Angebot erhalten und wisse, wie es die Ukraine und deren Partner für Detailfragen erreichen könne. Damit gab Selenskyj der Waffenruhe faktisch noch eine zweite Chance.
Kiew knüpft Fortsetzung an russisches Verhalten
Die ukrainische Führung hatte den Beginn der Feuerpause auf Mitternacht festgesetzt und erklärt, sie gelte ohne festes Enddatum – allerdings nur, solange Russland seinerseits Angriffe unterlasse. Schon zuvor hatte Kiew klargemacht, auf Verstöße spiegelbildlich reagieren zu wollen.
Selenskyj machte zugleich deutlich, dass die Ukraine kein Interesse an einer bloß auf die russischen Feiern zum 9. Mai zugeschnittenen Kampfpause hat. Sollte es nur darum gehen, dass Kremlchef Wladimir Putin ungestört seine Militärparade in Moskau abhalten kann, werde das derzeitige ukrainische Angebot nicht aufrechterhalten, sagte er.
Zustandekommen einer Feuerpause weiter unklar
Nach ukrainischer Darstellung hat Moskau den Vorstoß aus Kiew bislang nicht aufgegriffen. Putin hatte Ende April laut Berichten in einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump über die Möglichkeit einer Waffenruhe rund um den 9. Mai gesprochen. Später kündigte das russische Verteidigungsministerium eine auf Freitag und Samstag begrenzte Feuerpause an.
Kiew reagierte darauf mit dem Vorschlag, die Waffen bereits ab dem 6. Mai schweigen zu lassen. Eine offizielle Zustimmung aus Moskau blieb dazu bislang aus.
Weniger Angriffe über Russland gemeldet
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, zwischen 21.00 Uhr und 7.00 Uhr Ortszeit seien 53 ukrainische Drohnen über russischem Gebiet und der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim abgefangen worden. Das wäre deutlich weniger als in den Nächten zuvor.
Allerdings fiel mindestens ein Teil dieser Angriffe noch in die Zeit vor Beginn der von Kiew ausgerufenen Feuerpause: Der Angriff auf die Krim ereignete sich russischen Angaben zufolge noch vor Mitternacht. In Dschankoj auf der Krim wurden nach Angaben der Besatzungsverwaltung fünf Zivilisten getötet. Seit Tagesbeginn gab es in staatlichen russischen Medien zudem kaum noch Meldungen über neue ukrainische Drohnengefahr.
Kiew: Russland griff weiter aus der Luft an
Die ukrainische Führung erklärte dagegen, Russland habe seine Angriffe trotz der angekündigten Waffenruhe nicht eingestellt. Außenminister Andrij Sybiha schrieb, Moskau habe erneut einen „realistischen und fairen“ Aufruf zur Beendigung der Feindseligkeiten ignoriert. Das zeige, dass Russland keinen Frieden wolle.
Sybiha warf dem Kreml außerdem vor, seine eigene Feuerpause zum 9. Mai nur vorzutäuschen. Putins Vorstoß habe nichts mit echter Diplomatie zu tun, sondern diene vor allem den Feierlichkeiten in Moskau. Der russische Präsident interessiere sich mehr für Militärparaden als für Menschenleben, schrieb der Minister und forderte mehr Druck auf Russland.
Auch die ukrainische Luftwaffe meldete nach Beginn der Waffenruhe weitere russische Angriffe. Nach ihren Angaben setzte Russland seit Dienstag, 18.00 Uhr, drei Raketen und 108 Drohnen ein. 89 Drohnen seien abgewehrt worden. In der Nacht zuvor hatte die Ukraine noch elf ballistische Raketen und 164 Drohnenangriffe registriert. Damit nahm die Intensität der russischen Luftangriffe zwar etwas ab, sie kam aus ukrainischer Sicht aber nicht zum Erliegen.
Russische Drohungen vor der Parade in Moskau
Aus Moskau kamen derweil erneut Warnungen für den Fall eines ukrainischen Angriffs auf die Militärparade zum Tag des Sieges. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, drohte mit Gegenschlägen, sollte Kiew versuchen, die Feierlichkeiten mit „terroristischen Attacken“ zu stören.
Sacharowa sprach dabei auch von möglichen Angriffen auf „Entscheidungszentren in Kiew“. Zudem rief sie ausländische Diplomaten auf, die ukrainische Hauptstadt rechtzeitig zu verlassen.
Tote im Gebiet Sumy
Im nordostukrainischen Gebiet Sumy kamen nach Behördenangaben zwei Menschen bei russischen Attacken ums Leben. Eine Frau wurde demnach am Morgen bei einem Drohnenangriff auf ein ziviles Auto getötet. Eine weitere Frau starb, als eine Drohne einen Kindergarten traf. Drei Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt. Die Berichte aus dem Kriegsgebiet lassen sich unabhängig kaum überprüfen.
Signale auch in Richtung Trump
Mit ihren konkurrierenden Vorstößen wollen sowohl Selenskyj als auch Putin offenbar auch US-Präsident Donald Trump von ihrem jeweiligen Friedenswillen überzeugen. Trump und Putin hatten Ende April laut Berichten telefonisch über eine mögliche Waffenruhe rund um den 9. Mai gesprochen.
Kiew fordert seit Langem einen umfassenden und dauerhaften Waffenstillstand, an den ein Friedensprozess mit Sicherheitsgarantien für die Ukraine anschließen soll. Moskau lehnt längere Feuerpausen bislang ab und hält trotz wachsender Probleme an seinen Kriegszielen fest. Direkte Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien liegen derzeit auf Eis; hinzu kommt, dass Trump und die US-Regierung laut Beobachtern durch andere Krisen gebunden sind.
Frühere Feuerpausen hielten nur begrenzt
Seit Beginn des von Putin befohlenen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor mehr als vier Jahren gab es mehrfach Versuche, das Kampfgeschehen zeitweise zu stoppen. Zuletzt war zum orthodoxen Osterfest eine begrenzte Feuerpause ausgerufen worden. Dabei gingen größere Luftangriffe auf beiden Seiten zurück, an der Front wurden Bewegungen des Gegners aber weiterhin mit kleineren Drohnen bekämpft.
Auch frühere, rund um symbolträchtige Termine angekündigte Waffenruhen erwiesen sich als brüchig. Moskau und Kiew warfen sich dabei regelmäßig gegenseitig Verstöße vor.
Viele Tote und Verletzte vor Beginn der Pause
Bis kurz vor dem von Selenskyj festgesetzten Beginn der Waffenruhe griffen sich beide Seiten weiter heftig an. Nach ukrainischen Angaben wurden am Dienstag durch russische Luftangriffe und Artilleriebeschuss in Saporischschja, Kramatorsk, Dnipro und weiteren Städten mehr als 25 Zivilisten getötet.
In Saporischschja kamen laut Regionalverwaltung bei russischen Bombenangriffen am späten Dienstagnachmittag mindestens zwölf Menschen ums Leben, mehr als ein Dutzend weitere wurden verletzt. Bilder zeigten schwere Gebäudeschäden und dichte Rauchwolken. Die Frontlinie verläuft nur etwa 20 Kilometer südlich der Stadt.
Auch aus Kramatorsk im Osten der Ukraine wurden schwere Verluste gemeldet. Dort sollen nach Behördenangaben mindestens neun Menschen durch drei russische Bomben getötet worden sein. Die Industriestadt im umkämpften Gebiet Donezk liegt nur rund 15 Kilometer von der Front entfernt. In Dnipro wurden zudem mindestens vier Menschen bei russischem Raketenbeschuss getötet.
Die Ukraine griff ihrerseits in der Nacht zum Dienstag mit Kampfdrohnen eine Rüstungsfabrik und eine große Raffinerie in Russland an und setzte die Attacken tagsüber fort. In Moskau kam es am Abend zu Störungen im Flugverkehr.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion