Ukraine

Moskaus Krieg gegen Kiew – Putins nächste Eskalation

Trifft Kiew Moskau an der wunden Stelle? Soll die Drohnenoffensive Putin zum Einlenken zwingen – oder eskaliert alles?

13.08.2026, 04:55 Uhr

Im russischen Krieg gegen die Ukraine deutet derzeit vieles auf eine weitere Zuspitzung hin. Gespräche über eine politische Lösung sind nicht absehbar, und entlang der Front gibt es kaum Veränderungen. Der zermürbende Stellungskrieg bringt weder Moskau noch Kiew einen entscheidenden Vorteil. Gleichzeitig haben beide Seiten ihre Angriffe aus der Luft und zur See verstärkt und dabei wiederholt Ziele weit hinter der eigentlichen Front getroffen.

Wie ist die Lage an der Front?

An der mehr als 1.200 Kilometer langen Frontlinie hat sich seit Monaten nur wenig verschoben.

Trotz des nur langsamen russischen Vorrückens berichten selbst ukrainenahe Militärbeobachter von DeepState seit Jahresbeginn von Gebietsverlusten von über 700 Quadratkilometern. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj konnte die Ukraine zugleich ungefähr eine ähnlich große Fläche wieder unter ihre Kontrolle bringen.

Russland richtet seinen Schwerpunkt nach der weitgehenden Kontrolle über Kostjantyniwka nun vor allem auf jene Teile des Gebiets Donezk, die weiterhin von der Ukraine gehalten werden, insbesondere rund um Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka. Größere Durchbrüche russischer Truppen werden nach wie vor vor allem durch ukrainische Drohneneinheiten erschwert.

Der Militärexperte Dmitri Kusnez vom kremlkritischen Portal Meduza hält eine vollständige Eroberung des Donbass noch in diesem Jahr für unrealistisch. Sollte das derzeitige Tempo jedoch anhalten, könnte ein solches Ziel aus seiner Sicht bis 2027 erreichbar werden.

Ukrainekrieg - Odessa
Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit zerstörerischen Luftangriffen. (Archivbild) Quelle: Ukrainian Emergency Service/AP/dpa

Was passiert im Hinterland?

Ukrainische Drohnen greifen seit Wochen immer wieder russische Ölraffinerien sowie Logistikstandorte des großen Onlinehändlers Wildberries an. Nach Einschätzungen entstehen dabei wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe, die die russische Kriegswirtschaft zusätzlich belasten. Einnahmen aus dem Ölgeschäft gehen zurück, das Haushaltsloch wächst, und im Land wird über Benzinmangel geklagt. Zugleich steht der Rubel so schwach da wie seit Monaten nicht mehr.

Weniger öffentlich sichtbar sind offenbar die Folgen ukrainischer Angriffe auf den russischen Schiffsverkehr. Nach ukrainischen Angaben wurden seit dem 6. Juli mehr als 200 Tanker und Frachter beschädigt. Umgekehrt haben russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Schiffe mit Kurs auf ukrainische Schwarzmeerhäfen dazu geführt, dass der für die Ukraine wichtige Seehandel beim Getreideexport gestoppt wurde.

Entscheidend für den weiteren Verlauf sei jedoch nicht der Schlagabtausch im Hinterland, sondern die Situation am Boden, meint Kusnez. Sowohl Wladimir Putin als auch Wolodymyr Selenskyj haben ihren Streitkräften zuletzt neue Kommandeure gegeben, die nun den weiteren Kriegsverlauf prägen sollen.

Erreicht die Ukraine mit Angriffen auf Russland ihre Ziele?

Kiew erhöht mit seinen Angriffen zusätzlich zu den westlichen Sanktionen die Kosten für Russlands Krieg. Selenskyj verfolgt erklärtermaßen das Ziel, den Krieg stärker nach Russland hineinzutragen. Das entfaltet vor allem psychologische Wirkung, auch weil Bilder großer Brände in Russland in sozialen Netzwerken und Medien starke Aufmerksamkeit erzeugen. Hinweise auf gravierende Störungen der russischen Militärlogistik wurden bislang allerdings nicht bekannt.

Selenskyj setzt außerdem darauf, Putin mit weiterem militärischem Druck zu Verhandlungen zu bewegen. Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass diese Strategie aufgeht. Im Gegenteil: Das unabhängige Umfrageinstitut Lewada registrierte zuletzt wieder mehr Menschen in Russland, die für eine Fortsetzung des Krieges sind. Gleichzeitig spricht sich laut derselben Erhebung weiterhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung für Friedensgespräche aus.

Die Politologin Tatjana Stanowaja kommt zu einem nüchternen Schluss: Druck allein verändere Putins Haltung nicht. Auch die Hoffnung, innere Probleme in Russland könnten ihn zu einem Umdenken bei seinen Kriegszielen zwingen, habe sich bislang nicht erfüllt.

Wie reagiert Russland?

Die russische Führung räumt zwar Probleme ein, betont jedoch regelmäßig, alles sei unter Kontrolle. Putin, der sich erst kürzlich in Militäruniform auf einem Kriegsschiff zeigte, vermittelt bei öffentlichen Auftritten Zuversicht auf einen Sieg, obwohl seine Kriegsziele auch im fünften Jahr der Invasion noch weit entfernt erscheinen. Bei schweren Angriffen vor allem auf Kiew und das Umland setzte Russland zuletzt verstärkt ballistische Raketen ein und nutzt dabei die Schwächen der ukrainischen Luftverteidigung aus.

Nachdem ukrainischerseits zuletzt keine ballistische Rakete mehr abgefangen werden konnte, nennt die Luftwaffe nach russischen Angriffen keine genauen Zahlen zu den eingesetzten Raketen mehr. Als besonders wirksam bei der Abwehr gelten weiterhin Patriot-Systeme. Selenskyj kritisiert allerdings, dass zugesagte Lieferungen westlicher Partner nicht in ausreichendem Maß erfolgen.

Welche Rolle spielt die Parlamentswahl in Russland?

Bei der Abstimmung vom 18. bis 20. September treten nach dem Ausschluss der Anti-Kriegs-Partei Jabloko nur noch kremlnahe Parteien an, die den Angriff auf die Ukraine unterstützen. Putin dürfte die Wahl, die von Oppositionsvertretern als bloße Inszenierung bezeichnet wird, auch dazu nutzen zu zeigen, dass Russland im Unterschied zur Ukraine selbst im Krieg Wahlen abhält. Erstmals sollen dabei auch die von Russland besetzten Teile der annektierten ukrainischen Regionen Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja einbezogen werden.

Den erwarteten Sieg von Geeintes Russland dürfte Putin als politische Bestätigung für eine Fortsetzung und womöglich Ausweitung des Krieges deuten. Stanowaja schreibt in einer Analyse für die Denkfabrik Carnegie, Putin sei so stark darauf konzentriert, die Ukraine um jeden Preis niederzuringen, dass innenpolitische Schwierigkeiten dahinter zurückträten.

Ihrer Einschätzung nach reagiert der Kreml auf wachsenden Druck, auch aus dem Westen, nicht mit Nachgeben, sondern mit noch größerer Härte. Der russische Krieg gegen die Ukraine trete damit in eine neue Phase ein: mit mehr Eskalation, geringerer Berechenbarkeit und steigender Gefahr, dass sich der Konflikt geografisch noch weiter ausdehnt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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