Ukraine

Kiews Coup zur Waffenruhe überrascht Moskau

Kurz vor Putins wichtigstem Feiertag überrascht Kiew mit eigener Waffenruhe – zieht Moskau mit oder droht die nächste Eskalation?

05.05.2026, 04:00 Uhr

Vor den von Moskau und Kiew mit unterschiedlichem Beginn angekündigten Feuerpausen setzen beide Seiten ihre Angriffe im Ukraine-Krieg fort. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland deshalb offenen Zynismus vor. Es sei absurd, für propagandistische Feierlichkeiten eine Waffenruhe zu verlangen und zugleich in den Tagen davor weiter Raketen und Drohnen einzusetzen, schrieb er in sozialen Medien. Russland könne den Beschuss jederzeit stoppen – dann würden auch der Krieg und ukrainische Gegenangriffe enden.

Ukraine kündigt eigene Waffenruhe ab 6. Mai an

Überraschend hatte auch die Ukraine vor dem in Russland besonders wichtigen Tag des Sieges am 9. Mai eine eigene Waffenruhe angekündigt. Selenskyj erklärte, sie solle in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai um 0.00 Uhr Ortszeit beginnen. Wenn Russland sich nicht ebenfalls daran halte, werde die Ukraine entsprechend reagieren. Einen Endzeitpunkt nannte er nicht.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha forderte die internationale Gemeinschaft auf, den Schritt aus Kiew zu unterstützen. Frieden dürfe nicht von „Paraden“ oder „Feiertagen“ abhängen, schrieb er auf X. Sollte Russland es ernst meinen, könne es die Kämpfe sofort einstellen.

Russland plant Feuerpause zum 9. Mai

Zuvor hatte das russische Verteidigungsministerium eine eigene Feuerpause für Freitag und Samstag angekündigt – rund um die Feierlichkeiten zum 9. Mai, an dem Russland traditionell den Sieg der Sowjetunion über NS-Deutschland mit einer Militärparade auf dem Roten Platz begeht. Moskau erklärte, man gehe davon aus, dass die Ukraine diesem Beispiel folgen werde.

Gleichzeitig betonte das Ministerium, die russischen Streitkräfte würden alles tun, um die Feierlichkeiten zu schützen. Medienberichten zufolge könnten deshalb mobile Internetverbindungen in Moskau in den kommenden Tagen eingeschränkt sein.

In diesem Zusammenhang verwies die russische Militärführung auch auf Äußerungen Selenskyjs über die Sorge Moskaus vor möglichen ukrainischen Drohnenangriffen rund um den 9. Mai. Für den Fall solcher Attacken drohte das Ministerium mit einem „massiven Raketenschlag auf das Zentrum Kiews“. Zivilisten und ausländische Diplomaten wurden aufgefordert, die ukrainische Hauptstadt vorsorglich zu verlassen.

Tote und Verletzte nach schweren russischen Angriffen

Auslöser für Selenskyjs neue Kritik waren schwere russische Angriffe auf die Region Poltawa in der Zentralukraine. Nach Angaben des Gouverneurs wurden im Umland der Großstadt Poltawa vier Menschen getötet und 37 weitere verletzt. Russland habe dabei Raketen und Drohnen eingesetzt.

Nach Angaben des ukrainischen Zivilschutzes wurde der Einschlagsort sogar ein zweites Mal attackiert. Unter den Opfern seien zwei Einsatzkräfte; mehr als 20 Verletzte gehörten ebenfalls zu den Rettungskräften.

Auch in der Region Charkiw kam nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Mensch bei einem Angriff auf ein Industrieunternehmen im Kreis Isjum ums Leben, zwei weitere wurden verletzt. Verletzte meldeten die Behörden zudem aus dem Gebiet Tschernihiw und aus dem Raum Kiew.

Auch Kiew greift Ziele tief in Russland an

Vor Beginn der angekündigten Waffenruhe verstärkte aber auch die Ukraine ihre Angriffe auf das russische Hinterland. In der Wolga-Stadt Tscheboksary wurden regionalen Behörden zufolge bei ukrainischen Drohnenangriffen drei Menschen verletzt. Einer von ihnen musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Angriffe seien Teil einer zweiten Welle gewesen.

Nach Berichten des Portals Astra traf bei einer ersten Attacke ein Marschflugkörper die Rüstungsfabrik „WNIIIR Progress“, in der Navigationsmodule für Drohnen, Marschflugkörper und Raketen hergestellt werden.

Selenskyj bestätigte später den Einsatz ukrainischer Marschflugkörper vom Typ Flamingo. Getroffen worden seien „unter anderem Objekte des militärisch-industriellen Komplexes in Tscheboksary“. Nach seinen Angaben legten die Raketen dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück.

Insgesamt wurde in 18 russischen Regionen Raketenalarm ausgelöst, darunter erstmals auch im autonomen Kreis der Chanten und Mansen im asiatischen Teil Russlands. Die Ukraine produziert Flamingo-Marschflugkörper seit dem vergangenen Jahr; ihre Reichweite soll bei bis zu 3.000 Kilometern liegen.

Außerdem wurde im Norden Russlands erneut die Raffinerie Kirischinefteorgsintes angegriffen. Der Gouverneur des Leningrader Gebiets bestätigte einen Brand im Industriegebiet von Kirischi, der inzwischen unter Kontrolle sei.

Drohnenangriff in Moskau und angespannte Lage vor der Parade

Bereits in der Nacht auf Montag war eine ukrainische Drohne in ein Wohnhochhaus in Moskau eingeschlagen – nur gut sechs Kilometer vom Roten Platz entfernt, wo traditionell die große Militärparade zum Tag des Sieges stattfindet. In diesem Jahr sollen dort erstmals seit 2007 weder Panzer noch Raketensysteme gezeigt werden.

Waffenruhen gab es schon mehrfach – Verstöße ebenfalls

Über eine mögliche Feuerpause rund um den russischen Feiertag hatten Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump bereits Ende April in einem Telefonat gesprochen. Direkte Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, bei denen zuletzt die USA vermittelten, liegen derzeit jedoch auf Eis. Ein neuer Termin ist nicht bekannt, ein Kriegsende bleibt weiter außer Sicht.

Zeitlich begrenzte Waffenruhen gab es in diesem Krieg bereits mehrfach, zuletzt zu Ostern. Auch bei früheren Feuerpausen warfen sich beide Seiten immer wieder gegenseitig Verstöße vor.

Kiew hat sich wiederholt für einen dauerhaften Waffenstillstand ausgesprochen, auf den ein Friedensschluss mit klaren Sicherheitsgarantien für die Ukraine folgen solle. Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Unterstützung gegen die russische Invasion und greift inzwischen mit Drohnen und Marschflugkörpern auch weit entfernte Ziele tief in Russland an.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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