Wirtschaft

Pharma: Warkens Sparpaket bringt Standort ins Wanken

Pharmaboom vorbei? Nicht nur Trumps Zölle bremsen die Branche – Warkens Sparpaket könnte Deutschland teuer treffen.

05.05.2026, 04:00 Uhr

Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist auf den niedrigsten Stand seit 1977 gesunken. Ende März gab es nach Daten der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände bundesweit noch 16.541 Apotheken – 60 weniger als zum Jahreswechsel. Seit Jahresbeginn standen 19 Neueröffnungen 79 Schließungen gegenüber. Erfasst werden dabei sowohl Hauptapotheken als auch Filialen. Damit setzt sich der Rückgang fort, nachdem es 2022 noch rund 18.000 Apotheken gegeben hatte.

Sorge um die Versorgung

Der Deutsche Apothekerverband sieht die Arzneimittelversorgung zwar derzeit noch gesichert, warnt aber vor den Folgen des weiteren Rückgangs. Jede geschlossene Apotheke bedeute für viele Patientinnen und Patienten längere Wege. Der Sozialverband Deutschland mahnt, vor allem in ohnehin schwächer versorgten Regionen würde ein weiterer Abbau die Lage spürbar verschlechtern – besonders für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität.

Aus Sicht der Apothekerschaft liegt die Entwicklung nicht in erster Linie an Fehlentscheidungen einzelner Betreiber oder an stärkerem Wettbewerb, sondern an einer dauerhaft unzureichenden Finanzierung.

Streit um das Apothekenhonorar

Die Branche drängt deshalb seit Längerem auf eine Anhebung des seit 2013 unveränderten Fixhonorars pro verschreibungspflichtiger Packung von 8,35 Euro auf 9,50 Euro. Union und SPD hatten diesen Schritt zwar im Koalitionsvertrag angekündigt, ihn wegen der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen aber zunächst vertagt. Die erwarteten Mehrausgaben liegen bei rund einer Milliarde Euro. Gesundheitsministerin Nina Warken hat inzwischen angekündigt, die Erhöhung anzugehen. Einen konkreten Zeitplan gibt es aus Sicht der Apotheken aber weiterhin nicht; gefordert wird eine Umsetzung spätestens zum 1. Juli 2026.

Der GKV-Spitzenverband widerspricht der Darstellung einer flächendeckend prekären Lage. Aus Sicht der Kassen ist die wirtschaftliche Situation der Apothekeninhaber insgesamt solide. Die Versorgung sei nicht schlechter geworden, sondern auf weniger Standorte konzentriert worden. Zudem steige die Vergütung der Apotheken mit den wachsenden Arzneimittelausgaben. Nach Kassenangaben erhöhten sich die Zahlungen an Apotheken von 5,6 Milliarden Euro im Jahr 2013 auf 7,1 Milliarden Euro 2024 – ein Plus von 26 Prozent.

Der Apothekerverband hält dagegen, dass die Kosten deutlich stärker gestiegen seien. Allein die Tarifgehälter der Beschäftigten legten seit 2013 um 39 Prozent zu, hinzu kämen höhere Ausgaben für Energie, Mieten und andere Betriebskosten. Zudem verliere die Branche Fachkräfte an Kliniken, Industrie und Krankenkassen, wo höhere Gehälter gezahlt würden.

Umsatz steigt, Beschäftigung sinkt

Laut Apothekenwirtschaftsbericht stieg der Umsatz der Apotheken im vergangenen Jahr auf 74,2 Milliarden Euro nach 70,3 Milliarden Euro im Vorjahr. Verkauft wurden 1,37 Milliarden Medikamentenpackungen, davon 40,7 Prozent rezeptfreie Präparate. Eine durchschnittliche Apotheke erzielte demnach 2025 ein Betriebsergebnis von 168.000 Euro nach 162.000 Euro 2024. Dennoch schrieben nach Verbandsangaben sieben Prozent der Apotheken Verluste. Die Zahl der Beschäftigten sank zugleich von 162.186 auf 159.484.

Zusätzlichen Ärger löst in der Branche das geplante Spargesetz der Bundesregierung zur Stabilisierung der Kassenfinanzen aus. Apotheken rechnen mit höheren Preisabschlägen. Außerdem kritisieren sie die geplante Anhebung der Zuzahlungen je Arzneimittelpackung von bisher mindestens 5 und höchstens 10 Euro auf 7,50 bis 15 Euro. Das werde in den Apotheken zu deutlich mehr Erklärungsbedarf gegenüber den Patienten führen.

Pharmaindustrie sieht Standort Deutschland unter Druck

Auch die forschende Pharmaindustrie läuft gegen das Sparpaket Sturm. Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (VFA) wirft der Bundesregierung vor, mit den geplanten Vorgaben ausgerechnet eine Schlüsselbranche zu bremsen, die politisch eigentlich gestärkt werden soll. VFA-Präsident Han Steutel warnt, das Gesetz könne den bisherigen Aufwärtstrend der Branche in Deutschland stoppen. Künftige Investitionen und zusätzliche Jobs würden dann eher im Ausland entstehen.

Für das laufende Jahr rechnet der Verband mit einem Umsatzrückgang von 1,0 Prozent und einem Produktionsminus von 0,7 Prozent. Bei der Beschäftigung erwartet der VFA zwar noch einen moderaten Anstieg auf mehr als 130.000 Menschen, auch die Investitionen dürften zunächst zulegen. Für 2027 seien ursprünglich deutlich bessere Perspektiven erwartet worden – diese Prognosen hätten das nun geplante Sparpaket allerdings noch nicht berücksichtigt.

Konkret sollen die Herstellerrabatte steigen, die Pharmafirmen den gesetzlichen Krankenkassen gewähren müssen. Nach Berechnungen des VFA könnte dieser Rabatt von derzeit 7 Prozent des Listenpreises bis 2030 auf rund 20 Prozent steigen. Vor allem der aus Sicht des Verbands dynamische Mechanismus nehme den Unternehmen Planungssicherheit.

Risiken auch im Exportgeschäft

Belastungen erwartet die Branche auch im Auslandsgeschäft. Da deutsche Arzneimittelpreise in vielen Ländern als Referenz dienen, könnten niedrigere Preise in Deutschland den Wert der Exporte drücken. Hinzu kommt die Sorge, dass sich auch die USA künftig stärker an internationalen Vergleichspreisen orientieren könnten. Hintergrund sind Vorstöße von US-Präsident Donald Trump, Medikamentenpreise in den Vereinigten Staaten stärker an Richtwerten anderer Industrieländer auszurichten.

VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen beziffert mögliche Einbußen im US-Exportgeschäft bis 2030 auf rund 12 Milliarden Euro. Zusätzlich drohten indirekte Belastungen. Nach Berechnungen des Verbands könnten bis 2030 außerdem mehr als 4 Milliarden Euro an Investitionen in Forschung und Hightech-Produktion ausbleiben.

Der GKV-Spitzenverband weist die Kritik der Industrie zurück. Die Pharmaunternehmen verdienten sehr gut an den hohen Arzneimittelausgaben, die von den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern finanziert würden. Nach Darstellung der Kassen wurden die Sparvorgaben beim Herstellerrabatt im Regierungsentwurf sogar weniger stark verschärft als zuvor von einer Expertenkommission empfohlen.

Noch 2025 hatte sich die Pharmaindustrie trotz schwacher Konjunktur robust gezeigt. Vorzieheffekte im Zollstreit mit den USA sorgten damals für Rückenwind: Die Produktion stieg um 4,6 Prozent, der Umsatz um 5,6 Prozent. Inzwischen hat sich das Umfeld jedoch eingetrübt – neben der US-Politik belasten nach Einschätzung der Branche auch der Nahost-Konflikt und höhere Logistikkosten, etwa in der Luftfracht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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