Die deutsche Pharmaindustrie sieht den Arznei-Standort Deutschland durch das Sparpaket von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) massiv gefährdet. Der Verband forschender Pharma-Unternehmen (VFA) wirft der Bundesregierung vor, mit den geplanten Vorgaben ausgerechnet eine Schlüsselbranche auszubremsen, die politisch eigentlich gestärkt werden soll.
VFA-Präsident Han Steutel sagte, das Spargesetz werde den bisherigen Aufwärtstrend der Branche in Deutschland beenden. Künftige Investitionen und zusätzliche Arbeitsplätze würden dann eher im Ausland entstehen. Zugleich verwies er darauf, dass die Pharmaindustrie trotz schwieriger Rahmenbedingungen zuletzt die einzige Industriebranche in Deutschland gewesen sei, die noch Beschäftigung aufgebaut habe.
Für das laufende Jahr rechnet der Verband mit einem Umsatzminus von 1,0 Prozent. Die Produktion dürfte um 0,7 Prozent sinken. Bei der Beschäftigung erwartet der VFA dennoch einen moderaten Zuwachs auf gut 130.000 Menschen, auch die Investitionen sollen noch steigen. Für 2027 seien eigentlich deutliche Zuwächse bei allen wichtigen Kennzahlen absehbar gewesen. In dieser Prognose sei das Sparpaket allerdings noch nicht enthalten gewesen – und genau diese Perspektiven stünden nun infrage.
Widerspruch kommt vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Dessen Sprecher Florian Lanz erklärte, die Pharmaindustrie verdiene sehr gut an den hohen Arzneimittelausgaben, die von den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern der gesetzlichen Kassen getragen würden. Die Kosten einer Tagesbehandlung mit neuen Wirkstoffen seien seit 2012 um rund 180 Prozent gestiegen, zudem sei Deutschland einer der stärksten Pharmamärkte weltweit. Aus Sicht des GKV-Spitzenverbands wurden die Sparvorgaben beim Herstellerrabatt sogar weniger stark verschärft als zuvor von der Finanzkommission empfohlen.
Politik macht Sparvorgaben
Mit dem sogenannten Beitragssatzstabilisierungsgesetz will Warken die gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr um 16,3 Milliarden Euro entlasten und weitere Anhebungen der Zusatzbeiträge verhindern. Vergangene Woche gab das Bundeskabinett dafür grünes Licht. Teil des Pakets sind auch schärfere Sparvorgaben für Arzneimittelhersteller.
Konkret sollen die Herstellerrabatte steigen, die Pharmaunternehmen den Krankenkassen gewähren müssen. Nach Berechnungen des VFA könnte dieser Rabatt von derzeit 7 Prozent des Listenpreises bis 2030 auf rund 20 Prozent steigen. Steutel kritisiert vor allem den dynamischen Mechanismus, der den Unternehmen aus seiner Sicht jede Planungssicherheit nehme.
Auch bei den Exporten erwartet der Verband Belastungen. Weil deutsche Arzneipreise in vielen Ländern als Referenz gelten, könnten niedrigere Preise den Wert der Pharmaausfuhren drücken. Hinzu kommt, dass sich nach Einschätzung des VFA künftig auch die USA stärker an internationalen Vergleichspreisen orientieren könnten. Hintergrund sind Vorstöße von US-Präsident Donald Trump, die Medikamentenpreise in den Vereinigten Staaten an Richtwerte anderer Industrieländer zu koppeln.
Milliardeneinbußen im US-Geschäft?
VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen bezifferte die möglichen Verluste im Exportgeschäft mit den USA bis 2030 auf rund zwölf Milliarden Euro. Hinzu kämen weitere indirekte Belastungen. Nach Darstellung des Verbands stünden geringeren Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen Milliardeneinbußen bei Steuern und Sozialabgaben gegenüber.
Aus Sicht des VFA würden die Gesetzespläne die Unternehmen insgesamt deutlich schwächen. Bis 2030 könnten dadurch deutlich mehr als vier Milliarden Euro an Investitionen in Forschung und Hightech-Produktion ausbleiben.
Noch 2025 hatte sich die Branche trotz schwacher Konjunktur robust gezeigt. Vorzieheffekte im Zollstreit mit den USA sorgten damals für eine Sonderkonjunktur. Laut VFA stieg die Produktion um 4,6 Prozent, der Umsatz legte um 5,6 Prozent zu.
Inzwischen hat sich das Umfeld jedoch merklich eingetrübt. Neben der Politik Trumps belastet auch der Iran-Krieg beziehungsweise der Nahost-Konflikt die Branche. Vor allem höhere Logistikkosten, etwa in der Luftfracht, drücken auf die Margen der Unternehmen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion