Ukraine

Alarm in Tschernobyl: Atommüll-Anlage getroffen

Alarm in Tschernobyl: Nach neuen Angriffen meldet die IAEA einen hochbrisanten Vorfall in der Sperrzone.

07.06.2026, 11:26 Uhr

Nach ukrainischen Angaben hat ein russischer Drohnenangriff in der Nacht ein Gebäude des zentralen Lagers für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone von Tschernobyl getroffen. Der staatliche Betreiber Energoatom teilte mit, der Bereich zur Annahme von Lagerbehältern sei teilweise zerstört worden. In dem betroffenen Gebäudeteil habe sich jedoch kein abgebrannter Kernbrennstoff befunden. Die gemessene Strahlung liege weiterhin innerhalb der festgelegten Grenzwerte.

Auf einer Fläche von rund 40 Quadratmetern war demnach ein Feuer ausgebrochen, das inzwischen gelöscht wurde. In dem zentralen Zwischenlager nahe des stillgelegten Atomkraftwerks Tschernobyl werden abgebrannte Brennelemente aus anderen ukrainischen Kernkraftwerken langfristig aufbewahrt.

IAEA meldet erhebliche Schäden

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) erklärte, sie sei von ukrainischer Seite über erhebliche Schäden an dem Gebäude informiert worden. Demnach wurden Fassade, Fenster und Türen beschädigt. Auch benachbarte Gebäude seien durch die Druckwelle in Mitleidenschaft gezogen worden. Ein Team der IAEA will die Anlage in Kürze besuchen, um die Folgen des Angriffs zu begutachten.

IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi nannte den Vorfall auf X äußerst besorgniserregend. Nur wenige Meter vom getroffenen Gebäude entfernt würden große Mengen an Kernmaterial gelagert. Angriffe auf kerntechnische Anlagen seien völlig inakzeptabel und verstießen direkt gegen grundlegende Prinzipien der nuklearen Sicherheit in einem militärischen Konflikt, betonte er.

Selenskyj spricht von gezieltem Angriff

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Moskau vor, die Anlage bewusst attackiert zu haben. Auf Telegram sprach er von einem „außerordentlich hinterhältigen russischen Angriff“ und erklärte, Russland habe absichtlich genau diese nukleare Infrastruktur getroffen. Zwar gebe es keine Überschreitung der Strahlengrenzwerte, sagte Selenskyj, wohl aber „eine Überschreitung der ohnehin schon himmelhohen russischen Unverschämtheit“.

Nach seinen Angaben informieren die zuständigen Ministerien und Dienste nun die internationalen Partner der Ukraine über den Vorfall. Selenskyj forderte die Weltgemeinschaft erneut auf, entschlossener gegen Russland vorzugehen.

Auch Außenminister Andrij Sybiha erhob schwere Vorwürfe gegen Moskau. Russland habe nicht zum ersten Mal eine nukleare Anlage in Gefahr gebracht. „Russlands nukleare Erpressung und Gefährdung der nuklearen Sicherheit sind systematisch, absichtlich und inakzeptabel“, schrieb er bei X. Die internationale Gemeinschaft müsse dieses Vorgehen verurteilen und den Druck auf den Aggressor erhöhen.

Thema auch beim Ukraine-Treffen in London

Der Vorfall dürfte auch bei einem neuen Ukraine-Treffen in London eine Rolle spielen. Dort kommen Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Keir Starmer und Selenskyj zusammen.

Selenskyj verwies zudem auf weitere russische Angriffe im Land. In der Nacht seien auch zivile Objekte in 13 Regionen attackiert worden. Im Verlauf der Woche habe Russland nach ukrainischen Angaben 88 Raketen und Marschflugkörper, mehr als 3.250 Kampfdrohnen sowie rund 1.800 Gleitbomben gegen die Ukraine eingesetzt.

Aus der umkämpften Region Saporischschja meldeten die Behörden außerdem, dass eine russische Gleitbombe in einem Dorf drei Menschen getötet habe. Die Opfer hätten sich an einer Bushaltestelle aufgehalten.

Wiederholte Zwischenfälle an Atomanlagen

Im Verlauf des seit mehr als vier Jahren andauernden russischen Angriffskriegs kam es wiederholt zu Zwischenfällen an kerntechnischen Anlagen. Besonders häufig steht dabei das von Russland besetzte Kernkraftwerk Saporischschja im Süden im Fokus. Moskau wirft der Ukraine immer wieder Angriffe auf das Kraftwerk vor, während Kiew die Rückgabe des größten Atomkraftwerks Europas fordert.

Auch in der Sperrzone von Tschernobyl kommt es immer wieder zu Angriffen. Am 26. April 1986 geriet bei einem Test im damaligen sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl alles außer Kontrolle; es kam zum größten anzunehmenden Unfall (GAU). Radioaktive Wolken breiteten sich damals über die Ukraine hinaus bis nach Nord- und Westeuropa aus. Das Unglück jährt sich inzwischen zum 40. Mal.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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