Politik

Schon als Kind reich in Rente? Die Frühstartrente

10 Euro vom Staat für jedes Kind – und am Ende eine Mini-Rente? Die Koalition setzt auf einen überraschenden Renten-Baustein.

16.10.2026, 04:30 Uhr

Bundestag berät über Frühstartrente für Kinder

Kinder sollen künftig schon in jungen Jahren staatlich gefördertes Kapital für ihre Altersvorsorge aufbauen können. Vorgesehen ist, dass der Staat monatlich 10 Euro für Sechs- bis 18-Jährige in ein Vorsorgedepot einzahlt. Über den entsprechenden Gesetzentwurf der Bundesregierung soll der Bundestag am Freitag abstimmen, anschließend muss sich auch noch der Bundesrat damit befassen.

Was vorgesehen ist

Für anspruchsberechtigte Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren soll jeden Monat ein Betrag von 10 Euro in einen speziellen Altersvorsorge-Depotvertrag fließen. Die Eltern können dafür ein Depot auswählen. Alternativ ist eine öffentliche Anlagelösung geplant, die von der Bundesbank verwaltet werden soll.

Die Erträge aus dem Depot sollen bis zum Beginn der Auszahlungsphase steuerfrei bleiben. Nach den Plänen des Finanzministeriums darf das geförderte Vermögen grundsätzlich erst ab dem 65. Lebensjahr genutzt werden. Zusätzlich können Eltern oder Großeltern freiwillig Geld einzahlen; möglich sind Beiträge von bis zu 6.840 Euro pro Jahr.

Gefördert werden soll nur ein standardisierter Depotvertrag mit einer Kostenobergrenze von 1 Prozent. Bis zur Volljährigkeit dürfen Anbieter zudem keine Abschluss- oder Vertriebskosten verlangen. Im Finanzausschuss wurde außerdem festgelegt, dass das Geld ausschließlich in breit gestreute globale Aktien beziehungsweise Aktienfonds investiert werden darf.

Geplanter Start ab 2027

Das Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Beginnen soll die Frühstartrente mit den Kindern, die im Jahr 2026 sechs Jahre alt sind – also dem Geburtsjahrgang 2020. Die Förderung soll dafür rückwirkend gelten. Ab 2027 kommt dann jedes Jahr der neue Jahrgang der jeweils Sechsjährigen hinzu.

Rentner
Bis zur Rente ist es noch weit weg für Kinder. Quelle: Jens Büttner/dpa

Kinder, die heute bereits sieben Jahre oder älter sind, würden damit nicht mehr einbezogen. Bis zur Volljährigkeit zahlt der Staat in das Depot ein, danach soll es in eine steuerlich geförderte private Altersvorsorge übergehen.

Warum ein früher Einstieg als Vorteil gilt

Nach Ansicht des Finanzministeriums liegt der größte Nutzen im frühen Beginn. Durch die lange Laufzeit könne der Zinseszinseffekt besonders stark wirken. Wer früh investiert, hat demnach bessere Chancen, über Jahrzehnte Vermögen aufzubauen.

Den Berechnungen des Ministeriums zufolge könnten allein die staatlichen Einzahlungen bis zur Volljährigkeit ein Depotvermögen von rund 2.200 Euro ergeben. Ohne weitere Beiträge könnte daraus bis zum 65. Lebensjahr etwa ein Betrag von 53.000 Euro werden. Zahlen Eltern zusätzlich jeden Monat 10 Euro ein, könnte das Guthaben auf rund 107.000 Euro wachsen. Bei 50 Euro monatlicher Zusatzleistung nennt das Ministerium einen möglichen Wert von etwa 320.000 Euro.

Grundlage dieser Modellrechnungen ist eine angenommene durchschnittliche Rendite von 7 Prozent pro Jahr nach Kosten, wie sie weltweit gestreute Aktienanlagen langfristig erzielt hätten. Allerdings ist auch klar: Die tatsächliche Entwicklung kann besser oder schlechter ausfallen. Im Gesetzentwurf steht ausdrücklich, dass kein Anspruch auf einen Ausgleich durch den Bund besteht, falls das Kapital am Ende unter den eingezahlten staatlichen Förderbeträgen liegt.

Kosten für den Bund

Die Ausgaben des Bundes für die Frühstartrente werden anfangs auf 198 Millionen Euro jährlich geschätzt. Bis 2030 sollen sie auf 411 Millionen Euro steigen.

Was junge Menschen damit lernen sollen

Mit dem Modell verfolgt die Bundesregierung nicht nur das Ziel, früh Vermögen für das Alter aufzubauen. Junge Menschen sollen sich auch stärker mit dem Kapitalmarkt beschäftigen. Wer die Entwicklung des eigenen Depots verfolgt, soll besser verstehen, dass Kursschwankungen dazugehören und sich Verluste auf lange Sicht oft wieder ausgleichen können.

Damit soll zugleich ein Anreiz entstehen, die private Altersvorsorge später mit eigenen Einzahlungen fortzuführen. Aus Sicht der Bundesregierung wird private Vorsorge künftig an Bedeutung gewinnen. Die Frühstartrente ist deshalb auch Teil eines breiteren Konzepts, das an die Stelle der wenig beliebten Riester-Rente treten soll.

Zustimmung aus Teilen der Finanzbranche

Die Deutsche Kreditwirtschaft bewertet die Pläne positiv. Nach ihrer Einschätzung ergänzt die Frühstartrente das geplante Altersvorsorgedepot sinnvoll um ein Angebot für Kinder und Jugendliche und erleichtert den Einstieg in eine kapitalgedeckte Vorsorge.

Auch Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, sieht Vorteile. Zwar werde ein monatlicher Betrag von 10 Euro die Rentenlücke nicht schließen. Dennoch könne die Regelung Millionen junge Menschen frühzeitig und ganz selbstverständlich mit langfristigem Investieren und dem Kapitalmarkt vertraut machen.

Deutliche Kritik von Gewerkschaften und Verbraucherschützern

Kritik kommt hingegen vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Dort wird die Frühstartrente als "Mogelpackung" bezeichnet. Der DGB argumentiert, es handle sich nicht um eine echte Rente und die sozialen sowie ethischen Risiken des Kapitalmarkts würden ausgeblendet. Außerdem sei das Modell vor allem ein staatlich finanzierter Weg, privaten Finanzdienstleistern, Banken und Versicherungen neue Kundschaft zuzuführen.

Auch aus dem Verbraucherschutz gibt es Einwände. Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband bemängelt, dass die Politik bei der Finanzbildung hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibe. Informationen von Finanzanbietern seien zwar nützlich, könnten aber keine unabhängige Finanzbildung ersetzen. Kinder und Familien bräuchten verlässliche Bildungsangebote statt Werbematerialien.

Fazit

Die Frühstartrente soll Kindern unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern ein erstes Polster für das Alter verschaffen. Befürworter sehen darin einen wichtigen Einstieg in langfristiges Sparen und Investieren. Kritiker halten das Modell dagegen für sozial fragwürdig und zu stark am Kapitalmarkt orientiert. Ob das Vorhaben kommt, entscheidet sich nun im parlamentarischen Verfahren.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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