Wie so oft bei Augenblicken, auf die man jahrelang hinarbeitet, dauerte auch dieser nur kurz: Vor 40 Jahren schrieb Reinhold Messner Alpingeschichte. Am 16. Oktober 1986 um 13.45 Uhr erreichte er gemeinsam mit Hans Kammerlander den Gipfel des Lhotse im Himalaya. Mit 8.516 Metern ist er der vierthöchste Berg der Erde. Ein heftiger Sturm zwang die beiden Südtiroler jedoch nahezu sofort wieder zum Abstieg.
Ein kurzer Moment auf dem Gipfel
Für den historischen Augenblick blieb deshalb kaum Zeit: ein Händedruck, zwei Fotos, dann der Rückzug. Auf den Bildern ist Messner in seinem dicken Anorak kaum zu erkennen. Sichtbar ist allerdings, dass er keine Maske trägt. Der damals 42-Jährige bestieg seine Berge konsequent ohne Flaschensauerstoff – etwas, das viele unter solchen Bedingungen lange für unmöglich hielten.
In seinem Tagebuch beschrieb er die Lage drastisch: um ihn herum nur Sturm, Kälte und Abgrund. Von klassischem Gipfelglück wollte er deshalb wenig wissen. Dieses oft beschworene Gefühl sei eher eine Vorstellung jener, die im Tal geblieben seien. Dabei hatte er rund 15 Jahre auf diesen Moment hingearbeitet, der ihn endgültig zur Legende machte.
Der Weg zur Vollendung der 14 Achttausender
Seinen ersten Achttausender, den Nanga Parbat, bestieg Messner 1970. Die Expedition endete tragisch: Sein Bruder Günther Messner kam dabei ums Leben. 1978 stand Reinhold Messner erstmals auf dem Mount Everest. Im September 1986 erreichte er zusammen mit Kammerlander den Makalu, seinen vorletzten Achttausender. Danach fehlte nur noch der Lhotse, der über den Südsattel mit dem Everest verbunden ist. Für Messner war es ein schwieriger Berg: Zweimal war er dort zuvor bereits gescheitert.

Konkurrenz aus Polen und der Schweiz
Dass zwischen dem 13. und 14. Achttausender nur wenig Zeit lag, hatte auch mit dem damaligen Wettlauf zu tun. Weltweit wurde aufmerksam verfolgt, wer als Erster alle 14 höchsten Berge der Erde besteigen würde. Als größte Rivalen galten Jerzy Kukuczka aus Polen und der Schweizer Marcel Ruedi. Kukuczka hatte zu diesem Zeitpunkt elf Achttausender geschafft, Ruedi zehn. Die drei wurden in der Szene fast wie Stars gefeiert.
Messner war damals bereits seit 16 Jahren in extremen Höhen unterwegs und wurde auch wegen seiner eindringlichen Schilderungen bewundert. Vor allem Ruedi holte rasant auf – bis er im selben September am Makalu ums Leben kam und nicht ins Basislager zurückkehrte. Messner begegnete beim Aufstieg in etwa 8.200 Metern Höhe sogar dem Leichnam des Schweizers.
Messner sieht den Wettkampf heute anders
Heute, im Alter von 82 Jahren, will Messner von einem echten Konkurrenzkampf wenig wissen. Gegenüber der dpa sagte er, die Medien hätten aus der Sache einen Wettstreit gemacht, den die Beteiligten selbst so nicht gewollt hätten.
Sein damaliger Seilpartner Kammerlander erinnert sich allerdings anders. Er habe deutlich gespürt, dass der Druck enorm gewesen sei. Messner habe zwar einen kleinen Vorsprung gehabt, doch andere Spitzenbergsteiger seien ihm dicht gefolgt. Das Ziel sei damals klar gewesen: unbedingt noch auf den Lhotse.
Danach begann für ihn ein neues Leben
Am Ende gelang den beiden der entscheidende Aufstieg. Messner sagt, echte Erleichterung habe er erst später gespürt. Nach der Rückkehr sei er von der Last befreit gewesen, diese großen Berge weiter besteigen zu müssen. Tatsächlich stand er danach nie wieder auf einem Achttausender.
Heute, sagt Messner, spiele das Thema in seinem Leben kaum noch eine Rolle. Mit dem letzten Achttausender habe für ihn ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Den modernen Höhenberg-Tourismus betrachtet er kritisch: Der heutige, stark kommerzialisierte Betrieb habe mit dem, was seine Generation damals gemacht habe, aus seiner Sicht nichts mehr gemeinsam.
Diskussion um den Rekord
Ganz verstummt ist die Debatte um Messners Leistung dennoch nicht. Vor einigen Jahren sorgte ein Alpinismus-Statistiker für Wirbel, als er behauptete, Messner habe 1985 auf der Annapurna nicht den höchsten Punkt erreicht und sei deshalb gar nicht der Erste auf allen 14 Achttausendern gewesen. Das Guinness-Buch der Rekorde strich ihn daraufhin zeitweise als Rekordhalter. Inzwischen wird er dort wieder geführt.
Bis heute haben nach aktuellen Zählungen mindestens 39 Alpinisten alle 14 Achttausender bestiegen, darunter 15 Frauen. Kukuczka blieb in der Geschichte der „ewige Zweite“: Er vollendete die Serie elf Monate nach Messner. Anders als der Südtiroler machte er danach jedoch weiter. Ironischerweise wurde auch für ihn der Lhotse zum letzten Achttausender. Beim Versuch, 1989 als Erster die Südwand zu durchsteigen, riss sein Seil. Kukuczka stürzte rund 2.000 Meter in die Tiefe. Seine Leiche wurde nie gefunden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber