Politik

Rente mit 63: Kommt jetzt die Rettungs-Regel?

Rente mit 63 vor dem Aus? Trotz Bürgerprotest zeichnet sich jetzt ein brisanter Kompromiss mit sozialem Schutz ab.

09.08.2026, 13:35 Uhr

Union und SPD nähern sich im Streit um die abschlagsfreie Frührente an

Im Konflikt innerhalb der Koalition über das geplante Ende der abschlagsfreien Frührente nach 45 Versicherungsjahren zeichnet sich Bewegung ab. Nachdem sich bereits die SPD für soziale Ausnahmen ausgesprochen hatte, signalisiert nun auch Unionsfraktionschef Thorsten Frei Offenheit für Schutzregelungen. Der CDU-Politiker erklärte gegenüber der Funke Mediengruppe, bei einer Abschaffung der sogenannten „Rente mit 63“ sei eine Härtefallregelung auf jeden Fall sinnvoll. Auch über eine Übergangsphase müsse gesprochen werden.

Die abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren ist derzeit faktisch ab 64,5 Jahren möglich, wird im allgemeinen Sprachgebrauch aber weiterhin als „Rente mit 63“ bezeichnet. Ihre Abschaffung gehört zu den zentralen Vorhaben der geplanten Rentenreform. Dagegen gibt es jedoch spürbaren Widerstand – sowohl im Bundestag als auch bei Sozialverbänden.

Debatte über Ausnahmen für besonders belastende Berufe

Aus der SPD kam zuletzt der Vorschlag, Ausnahmen für Menschen in besonders belastenden Tätigkeiten einzuführen. Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese brachte dabei ein Modell nach österreichischem Vorbild ins Gespräch. In Österreich können Menschen früher in Pension gehen, wenn sie über längere Zeit unter schweren körperlichen oder psychischen Bedingungen gearbeitet haben. Genannt werden etwa Nachtschichten, Einsätze bei großer Hitze oder Kälte, Tätigkeiten mit Chemikalien sowie harte körperliche Arbeit.

Thorsten Frei
Unionsfraktionschef Thorsten Frei beharrt auf Abschaffung der abschlagsfreien Frührente nach 45 Beitragsjahren, sieht aber auch die Notwendigkeit einer sozialen Abfederung. (Archivfoto) Quelle: Michael Kappeler/dpa

Solche Übergangs- und Härtefalllösungen sind auch im Konzept der Alterssicherungskommission vorgesehen, die von der Bundesregierung eingesetzt worden war. Die Fachleute empfehlen eine Sonderregelung für Versicherte, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur regulären Altersgrenze arbeiten können. Zudem müsse es Vertrauensschutz für Menschen geben, die kurz vor dem Renteneintritt stehen. Konkrete Modelle legte die Kommission zwar nicht vor, sie sprach sich aber dafür aus, die abschlagsfreie Frührente möglichst bald zu beenden.

Gefahr für das gesamte Rentenpaket?

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hatten sich im Juli dafür ausgesprochen, das Reformkonzept der Kommission insgesamt umzusetzen. Doch aus den Ländern kam Widerspruch: Die CDU-Regierungschefs von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen – Sven Schulze, Michael Kretschmer und Mario Voigt – stellten die geplante Streichung der „Rente mit 63“ infrage.

Gerade in Ostdeutschland sei es wichtig, dass Menschen nach 45 Beitragsjahren ohne Abschläge in den Ruhestand wechseln könnten, argumentierten sie. Viele Betroffene verfügten dort nur über die gesetzliche Rente und hätten keine zusätzlichen Einkünfte. Unterstützung erhielten sie auch von mehreren anderen Ministerpräsidenten, darunter Sozialdemokraten.

Im Stern erneuerte Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt seine Forderung nach Änderungen. Zugleich verwies auch er auf mögliche Übergangs- und Härtefallregelungen. Er räumte ein, dass die geltende Regelung nicht immer treffsicher sei und teils Fehlanreize geschaffen habe. Deshalb müsse über präzisere Kriterien sowie über soziale Ausnahmen gesprochen werden.

Der Ökonom Martin Werding, Mitglied des Sachverständigenrats, hält dagegen weiter an der Forderung fest, die umstrittene Frührente abzuschaffen. Aus seiner Sicht profitieren davon häufig Menschen, die vergleichsweise gesund seien und zudem überdurchschnittlich hohe Renten bezögen. Gegenüber der Rheinischen Post warnte Werding jedoch davor, das gesamte Reformpaket wieder aufzuschnüren. Wenn ein Baustein herausgenommen werde, könnten die übrigen Reformpläne ebenfalls ins Wanken geraten.

Klare Mehrheit gegen die Abschaffung

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass eine deutliche Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger das Ende der „Rente mit 63“ ablehnt. In einer Erhebung des Instituts Insa für die Bild am Sonntag sprachen sich 68 Prozent gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren aus. 24 Prozent befürworteten den Schritt, 8 Prozent machten keine Angabe.

Zugleich wird deutlich, dass das Thema für viele Menschen ganz persönlich relevant ist: 56 Prozent der Befragten gaben an, die Regelung selbst nutzen zu wollen oder bereits genutzt zu haben. 32 Prozent verneinten dies, 12 Prozent äußerten sich nicht. Für die Umfrage wurden laut Zeitung am 6. und 7. August 2026 insgesamt 1.005 repräsentativ ausgewählte Personen befragt.

Kritik auch von Gewerkschaften

Auch Gewerkschaften stellen sich gegen die Pläne der Bundesregierung. Verdi-Chef Frank Werneke sagte der Bild am Sonntag, die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte werde der Lebensleistung vieler Menschen nicht gerecht. Die Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, formulierte ihre Kritik noch deutlicher: Wer die Regelung streichen wolle, solle sich die Arbeitsbedingungen etwa in Stahlwerken, auf Werften oder in der Schichtarbeit am Fließband ansehen – dann werde schnell verständlich, warum viele Beschäftigte auf einen früheren abschlagsfreien Renteneintritt angewiesen seien.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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