Politik

Pflegekasse im Minus: Jetzt wird’s ernst

Pflege am Limit: Die Milliardenkosten explodieren. Muss die Koalition jetzt schneller liefern als geplant?

31.08.2026, 10:45 Uhr

Die finanzielle Lage der Pflegeversicherung spitzt sich weiter zu. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands stand im ersten Halbjahr bereits ein Defizit von 770 Millionen Euro. Schon im Oktober dürften die laufenden Einnahmen nicht mehr ausreichen, um alle Pflegeleistungen vollständig zu finanzieren. Bis Ende des Jahres fehlen nach Schätzung der Kassen weitere 500 Millionen Euro. Für das kommende Jahr rechnen sie zudem mit einer Finanzierungslücke von rund zehn Milliarden Euro.

Verbandschef Oliver Blatt sprach von einer akuten Notlage. Die soziale Pflegeversicherung pfeife finanziell „aus dem letzten Loch“. Pflegebedürftige müssten sich dennoch keine Sorgen machen, betonte er. Die Pflege könne nicht pleitegehen, Leistungen würden weiter bezahlt. Falls nötig, müsse der Bund kurzfristig Liquidität bereitstellen.

Defizit trotz Milliarden-Darlehen

Für das Gesamtjahr erwartet der Spitzenverband ein Minus von 1,2 Milliarden Euro – trotz eines Bundesdarlehens von 3,2 Milliarden Euro. Ohne diese Hilfe läge das Defizit nach Darstellung der Kassen bei 4,4 Milliarden Euro.

Der GKV-Spitzenverband vertritt die soziale Pflegeversicherung mit knapp 75 Millionen Versicherten. Rund sechs Millionen Menschen bezogen 2025 Leistungen. Die Finanznot dürfte damit mittelfristig weit über die Pflegekassen hinaus spürbar werden – für Beitragszahler, Steuerzahler und Pflegebedürftige.

Ausgaben steigen deutlich schneller als Einnahmen

Die Probleme verschärfen sich, weil die Kosten wesentlich stärker wachsen als die Einnahmen. Von Januar bis Ende Juni stiegen die Ausgaben der Pflegeversicherung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 um elf Prozent auf 39,5 Milliarden Euro. Die Beitragseinnahmen legten im selben Zeitraum nur um 3,9 Prozent zu.

Blatt sprach deshalb von einer offensichtlichen Schieflage: Die Ausgaben wüchsen fast dreimal so stark wie die Einnahmen.

Warum die Kosten so stark steigen

Ein zentraler Kostentreiber ist die steigende Zahl der Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen. 2025 waren es rund 370.000 mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2017 hat sich die Zahl der Leistungsbezieher damit von etwa drei auf sechs Millionen ungefähr verdoppelt.

Neben der Alterung der Gesellschaft verweist der Spitzenverband auf politische Entscheidungen. So sei der Zugang zur Pflege seit der Reform von 2017 großzügiger ausgestaltet worden, als es wissenschaftliche Empfehlungen nahegelegt hätten. Die Kriterien für Pflegebedürftigkeit wurden weiter gefasst, sodass mehr Menschen Anspruch auf Leistungen haben. Hinzu kommen milliardenschwere Zuschüsse, mit denen Pflegekassen Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen bei ihren Eigenanteilen für die reine Pflege entlasten.

Was die Pflegekassen kurzfristig fordern

Aus Sicht der Kassen braucht es neben einer Reform sofortige Entlastung. Der Bund solle kurzfristig 5,2 Milliarden Euro an noch offenen Corona-Kosten an die Pflegeversicherung zurückzahlen. Außerdem solle er die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen, die bislang von der Pflegeversicherung finanziert werden. Das würde um weitere 5,3 Milliarden Euro entlasten.

Nach Darstellung des Spitzenverbands ließe sich damit auch die erwartete Finanzierungslücke von rund zehn Milliarden Euro im kommenden Jahr schließen – allerdings zulasten des Bundeshaushalts. Unterstützung für diese Forderungen kommt sowohl von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände als auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund.

Auch die Länder nimmt der Spitzenverband in die Pflicht. Sie sollten die Investitionskosten der Pflegeheime übernehmen. Dadurch könnte sich der Eigenanteil von Pflegebedürftigen in Heimen von zuletzt rund 3.000 Euro im Monat nach Angaben von Blatt sofort um etwa 500 Euro verringern.

Reform soll im September ins Kabinett

Die schwarz-rote Koalition arbeitet für den Herbst an einer Reform der Pflegeversicherung, die zu den wichtigen Vorhaben von Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) zählt. Nach Angaben eines Ministeriumssprechers soll die Reform noch im September durchs Kabinett gehen. Zu den neuen Finanzzahlen und zur Forderung nach einer kurzfristigen Finanzspritze äußerte sich das Ministerium zunächst nicht näher.

Linnemann hat einen Entwurf seiner Vorgängerin Nina Warken (CDU) auf dem Tisch. Vorgesehen sind Ausgabenbremsen und zusätzliche Einnahmen, um allgemeine Beitragserhöhungen möglichst zu vermeiden. Im Gespräch ist unter anderem, den Beitragssatz für Kinderlose leicht auf 4,3 Prozent anzuheben. Der reguläre Beitragssatz liegt seit 2025 bei 3,6 Prozent, Kinderlose zahlen derzeit 4,2 Prozent. Für Versicherte mit zwei oder mehr Kindern gelten niedrigere Beiträge.

Außerdem werden Einschränkungen bei der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern sowie strengere Voraussetzungen bei der Einstufung in Pflegegrade erwogen. Warken hatte zudem Kürzungen bei den Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige vorgesehen. Linnemann hat jedoch signalisiert, dass er darauf möglichst verzichten will.

Mittelfristig drohen unbequeme Entscheidungen

Aus Sicht der Pflegekassen reicht eine kurzfristige Finanzspritze allein nicht aus. Mittelfristig müsse auch der Zugang zu Leistungen überprüft werden. Damit könnten künftig wieder weniger Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. Ebenso könnte die Einnahmeseite erneut in den Blick geraten – auch wenn höhere Beiträge Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusätzlich belasten würden.

Arbeitgeber und Gewerkschaften mit unterschiedlichen Konzepten

Die Arbeitgeber warnen vor höheren Beiträgen. BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter forderte, Leistungen stärker auf Menschen zu konzentrieren, die dauerhaft und intensiv pflegebedürftig sind. Aus seiner Sicht sollten Leistungen grundsätzlich erst nach einer gestaffelten Karenzzeit einsetzen.

Die Gewerkschaften dringen dagegen auf eine Pflegevollversicherung, in die alle einzahlen und die sämtliche Kosten übernimmt. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel erklärte, Pflege dürfe nicht dauerhaft in die Armut führen. Der Patientenvertreter Eugen Brysch sprach sich zusätzlich dafür aus, private und gesetzliche Pflegeversicherung zusammenzuführen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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