Politik

Ost und West: Frust eint alle

Ost und West im Vergleich: Diese YouGov-Studie sprengt Klischees – und enthüllt eine brisante Sorge um die Demokratie.

24.07.2026, 08:00 Uhr

Studie zu Ost und West: Vieles ähnelt sich – doch das Vertrauen in Politik und Demokratie ist stark beschädigt

Politisch gilt Ostdeutschland oft als deutlich anders als der Westen. Eine neue YouGov-Untersuchung zeigt tatsächlich einige klare Unterschiede – etwa bei der Bewertung der AfD, die im Osten auf mehr Zustimmung stößt. Zugleich fallen viele Einschätzungen in beiden Landesteilen erstaunlich ähnlich aus. Besonders brisant: In Ost und West sehen jeweils rund zwei Drittel der Befragten die Demokratie in Gefahr. Das Misstrauen gegenüber Regierung, Parteien und Politikern ist insgesamt hoch.

Wenige Wochen vor den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin befragte YouGov jeweils knapp 1.600 Menschen in Ost- und Westdeutschland zu politischen und gesellschaftlichen Themen. Der direkte Vergleich macht deutlich, wo sich die Einschätzungen gleichen – und wo sie auseinandergehen.

Große Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West

Zufriedenheit mit dem eigenen Leben

Bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit liegen Ost und West nahezu gleichauf. Im Westen bezeichnen sich 47 Prozent als zufrieden, im Osten 48 Prozent. Sehr oder vollständig zufrieden sind 29 Prozent im Westen und 28 Prozent im Osten. Unzufrieden oder gar nicht zufrieden äußern sich in beiden Teilen Deutschlands jeweils 23 Prozent.

Eigene Zukunft eher positiv gesehen

Mit Blick auf die kommenden zwölf Monate für das eigene Leben zeigen sich 43 Prozent im Westen und 40 Prozent im Osten eher oder sehr optimistisch. Weitere 37 Prozent in beiden Gruppen antworten mit "teils, teils". Pessimistisch blicken 19 Prozent im Westen und 22 Prozent im Osten auf ihre persönliche Zukunft.

Ostdeutschland
In einigen Punkten unterscheidet sich die Sicht der befragten Ostdeutschen. (Symbolbild) Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Deutlich düsterer Blick auf das Land

Anders sieht es bei der Einschätzung der Entwicklung Deutschlands aus. 57 Prozent der Westdeutschen und 63 Prozent der Ostdeutschen erwarten für das Land in den kommenden zwölf Monaten eher oder sehr negative Entwicklungen. Optimistisch sind lediglich 11 Prozent im Westen und 9 Prozent im Osten. Zudem meinen 73 Prozent im Westen und 78 Prozent im Osten, dass sich Deutschland insgesamt in die falsche Richtung bewegt.

Ähnliche Sorgen im Alltag

Bei den größten Sorgen ergibt sich ebenfalls ein ähnliches Bild. An erster Stelle steht die Absicherung im Alter: 59 Prozent im Westen und 63 Prozent im Osten machen sich darüber große oder sehr große Sorgen. Es folgt die Angst, sich Wohnen künftig nicht mehr leisten zu können – mit 40 Prozent im Westen und 41 Prozent im Osten. Die Furcht, Opfer einer Straftat zu werden, nennen 26 Prozent im Westen und 30 Prozent im Osten. Den möglichen Verlust des Arbeitsplatzes sehen in beiden Landesteilen jeweils 12 Prozent als große Sorge.

Wo sich Ost und West unterscheiden

Niedrigere Selbsteinschätzung im Osten

Befragte in Ostdeutschland ordnen sich gesellschaftlich im Schnitt niedriger ein als Menschen im Westen. Auf einer Skala von 1 bis 10 sieht sich im Osten niemand ganz oben, im Westen immerhin 1 Prozent. Im unteren Bereich der Skala – also auf den Stufen 1 bis 4 – verorten sich 35 Prozent der Ostdeutschen, aber 29 Prozent der Westdeutschen.

Gefühl mangelnder Anerkennung

Deutlich stärker verbreitet ist im Osten das Empfinden, von anderen Teilen Deutschlands nicht respektiert zu werden. 36 Prozent der ostdeutschen Befragten stimmen der Aussage zu, dass Menschen im übrigen Deutschland die Lebensweise in ihrer Region nicht ausreichend achten. Im Westen teilen diese Ansicht nur 23 Prozent.

Mehr Unzufriedenheit mit dem Funktionieren des Staates

In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens fällt das Urteil im Osten kritischer aus. Das betrifft etwa die Sicherheit im öffentlichen Raum, die Gesundheitsversorgung und die Arbeit der Verwaltung. Eine Ausnahme bildet das Thema bezahlbares Wohnen: Hier äußern sich Westdeutsche sogar noch unzufriedener. Nur 18 Prozent von ihnen sind zufrieden, im Osten liegt der Wert bei 23 Prozent.

Skeptischere Haltung zur Demokratie

Fast 36 Jahre nach der Wiedervereinigung zeigt sich im Osten eine größere Distanz zur Demokratie. Der Aussage, dass die Demokratie anderen Regierungsformen grundsätzlich vorzuziehen sei, stimmen im Westen 73 Prozent zu, im Osten dagegen 62 Prozent. Die Vorstellung einer starken Führungsperson, die auch ohne Rücksicht auf Parlament oder Wahlen regieren könnte, befürworten 13 Prozent im Westen und 17 Prozent im Osten.

Demokratische Grundpfeiler gelten vielen als bedroht

Auch bei zentralen demokratischen Prinzipien ist die Verunsicherung im Osten größer. Dort halten 51 Prozent die Meinungsfreiheit für ernsthaft gefährdet, im Westen sind es 44 Prozent. Beim Mehrheitsprinzip liegen die Werte bei 49 zu 41 Prozent, bei der Pressefreiheit bei 45 zu 36 Prozent und bei der Rechtsstaatlichkeit bei 39 zu 32 Prozent.

Was die Ergebnisse für die Politik bedeuten

Die Studie zeigt nicht nur ein etwas düstereres Stimmungsbild im Osten. Vor allem wird deutlich, wie tief das Vertrauen in politische Institutionen und Entscheidungsträger insgesamt gesunken ist.

Misstrauen gegenüber Regierung, Parteien und Politikern

Der Bundesregierung vertrauen 60 Prozent der Befragten im Westen eher nicht oder gar nicht, im Osten sind es sogar 70 Prozent. Dem Bundestag misstrauen 53 Prozent im Westen und 62 Prozent im Osten. Bei den Parteien liegen die Werte bei 71 Prozent im Westen und 76 Prozent im Osten, bei Politikern sogar bei 75 beziehungsweise 78 Prozent.

Vergleichsweise gute Vertrauenswerte erzielen nur wenige Institutionen. Bürgermeister vor Ort genießen das Vertrauen von 63 Prozent im Westen und 55 Prozent im Osten. Gerichten vertrauen 67 Prozent im Westen und 60 Prozent im Osten. Die Polizei kommt auf 78 Prozent im Westen und 72 Prozent im Osten.

Kritik auch an der Demokratie selbst

Nicht nur das politische Personal steht in der Kritik. Auch die demokratische Ordnung, wie sie im Grundgesetz verankert ist, stößt bei vielen auf Unzufriedenheit: 33 Prozent im Westen und 43 Prozent im Osten äußern sich negativ. Noch kritischer fällt das Urteil über die Demokratie aus, wie sie heute tatsächlich funktioniert: 50 Prozent im Westen und 62 Prozent im Osten sind damit unzufrieden.

Nostalgischer Blick zurück – und Sorge vor der Zukunft

Rund jeder Zweite in Ost und West ist der Meinung, dass die Demokratie vor zehn Jahren besser funktioniert habe – 49 Prozent im Westen und 48 Prozent im Osten. Fast ebenso viele erwarten, dass die Lage in zehn Jahren noch schlechter sein wird als heute. Dies glauben 45 Prozent im Westen und 47 Prozent im Osten.

Wunsch nach grundlegenden Veränderungen

Mehr als die Hälfte der Befragten im Osten, nämlich 54 Prozent, meint, das politische System in Deutschland müsse in vielen Bereichen oder sogar vollständig verändert werden. Im Westen vertreten 42 Prozent diese Ansicht.

Hartes Urteil über die politische Klasse

Besonders deutlich fällt die Kritik am Verhalten von Politikern aus. 66 Prozent im Westen und 71 Prozent im Osten sind eher nicht oder überhaupt nicht der Ansicht, dass Politiker sich bemühen, die Interessen der Bevölkerung zu vertreten. Rund acht von zehn zweifeln zudem daran, dass Politiker den Kontakt zu den Bürgern wirklich suchen. 66 Prozent im Westen und 71 Prozent im Osten sehen die Demokratie in Deutschland insgesamt gefährdet.

Korruption und Fehlverhalten als zentrale Schwäche

Nur sehr wenige schreiben dem demokratischen System besondere Stärken bei Tempo oder Leistungsorientierung zu. Gerade einmal 6 Prozent im Westen und 5 Prozent im Osten nennen schnelle Entscheidungen als Stärke. Dass das System Leistung belohne, sagen 9 Prozent im Westen und 7 Prozent im Osten. Umgekehrt halten 50 Prozent im Westen und 56 Prozent im Osten Korruption und Fehlverhalten von Politikern für eine der zentralen Schwächen.

Kaum Vertrauen in die Problemlösungskraft der Parteien

Auch bei der Frage, welche Partei die wichtigsten Aufgaben im Land lösen kann, ist die Skepsis groß. SPD, Grüne, Linke, BSW und FDP erreichen sowohl im Westen als auch im Osten nur einstellige Werte. Am stärksten schneidet die AfD ab – mit 18 Prozent im Westen und 28 Prozent im Osten. Der Union trauen im Westen ebenfalls 18 Prozent am ehesten Lösungen zu, im Osten jedoch nur 10 Prozent. 23 Prozent der Westdeutschen und 25 Prozent der Ostdeutschen meinen, dass keine Partei die Probleme wirklich lösen kann.

Fazit

Die Untersuchung zeigt: Ost und West unterscheiden sich zwar in einigen politischen Grundhaltungen, doch die größten Warnsignale betreffen ganz Deutschland. Die Sorgen um die Zukunft des Landes, das angeschlagene Vertrauen in Parteien und Institutionen sowie die wachsenden Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Demokratie sind längst kein rein ostdeutsches Phänomen mehr.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen