Knapfes Rennen in Neuseeland: Kleine Parteien könnten über neue Regierung entscheiden
In Neuseeland zeichnet sich nach der Parlamentswahl eine komplizierte Regierungsbildung ab. Die konservative National Party von Premierminister Christopher Luxon und die sozialdemokratische Labour-Partei von Herausforderer Chris Hipkins lagen nach Auszählung von mehr als 90 Prozent der Stimmen praktisch gleichauf. Beide kamen auf etwa 29 Prozent.
Damit rücken die kleineren Parteien in den Mittelpunkt. Besonders beobachtet wird die Opportunity Party, die mit 5,9 Prozent offenbar die Fünf-Prozent-Hürde überspringt und damit erstmals den Einzug ins Parlament schaffen dürfte. Mit mehreren Mandaten könnte sie bei der Bildung einer Mehrheitsregierung zum Zünglein an der Waage werden.
Opportunity Party im Fokus
Luxon hatte eine Zusammenarbeit mit Opportunity bislang ausgeschlossen. Vor allem in der Steuerpolitik liegen die Positionen weit auseinander: Die Partei setzt sich für eine neue Abgabe auf Grundbesitz sowie für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Beides lehnt der konservative Amtsinhaber ab.
Parteichefin Qiulae Wong zeigt sich dennoch offen für Gespräche mit beiden politischen Lagern. Die 38-Jährige gilt als politische Seiteneinsteigerin. Früher arbeitete sie als Unternehmensberaterin und Expertin für Nachhaltigkeit. 2025 stieß sie eher zufällig auf eine Stellenausschreibung der Partei, die eine neue Vorsitzende suchte. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus der weitgehend unbekannten Bewerberin eine mögliche Schlüsselfigur der neuseeländischen Politik.

Endgültiges Ergebnis kommt erst später
Rund 3,8 Millionen Menschen waren zur Stimmabgabe aufgerufen. Viele Wählerinnen und Wähler beschäftigt vor allem die angespannte wirtschaftliche Lage. Hohe Lebenshaltungskosten, Inflation und steigende Arbeitslosigkeit prägten den Wahlkampf. Entsprechend stand die Frage im Mittelpunkt, wie private Haushalte entlastet werden könnten.
In den nächsten Wochen werden außerdem noch zahlreiche Sonderstimmen ausgezählt. Dazu gehören etwa Stimmen von Neuseeländern im Ausland oder von Menschen, die außerhalb ihres eigentlichen Wahlkreises gewählt haben. Das amtliche Endergebnis wird für den 27. November erwartet. Bis dahin können sich die Kräfteverhältnisse noch spürbar verändern.
Mögliches größeres Parlament
Hinzu kommt eine Besonderheit des neuseeländischen Wahlsystems: Das Parlament könnte diesmal größer ausfallen als üblich. Normalerweise hat es 120 Sitze. Durch sogenannte Überhangmandate kann sich die Zahl jedoch erhöhen. Diese entstehen, wenn eine Partei mehr Direktmandate gewinnt, als ihr nach dem landesweiten Stimmenanteil eigentlich zustehen würden.
In einem solchen Fall darf sie die zusätzlichen Sitze behalten, und das Parlament wächst entsprechend an. Nach bisherigen Berechnungen könnte die Zahl der Abgeordneten diesmal auf etwa 130 steigen. Für eine Mehrheit wären dann nicht wie üblich 61, sondern mindestens 66 Sitze nötig.
Lange Koalitionsverhandlungen möglich
Luxons Nationalpartei regiert seit 2023 gemeinsam mit der rechtsliberalen ACT-Partei und der populistischen New Zealand First. Der Premier hofft nun auf eine zweite Amtszeit. Bereits bei der vorigen Wahl war er gegen Labour-Chef Hipkins angetreten.
Hipkins war nach dem Rücktritt von Jacinda Ardern im Jahr 2023 selbst für einige Monate Regierungschef. Eine Rückkehr an die Macht bleibt möglich. Allerdings dürfte sich die Suche nach einer tragfähigen Koalition über Wochen hinziehen. Vor Anhängern sagte Hipkins sinngemäß, Neuseeland habe an diesem Abend gesprochen – es könne aber noch etwas dauern, bis klar sei, was genau das Ergebnis bedeute.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber