Nach der Veröffentlichung von Auszügen aus Tagebuchnotizen des US-Immunologen Anthony Fauci ist in den Vereinigten Staaten die Diskussion über den Ursprung des Coronavirus erneut aufgeflammt. Bei einer Anhörung im Senatsausschuss für Innere Sicherheit und Regierungsangelegenheiten setzten vor allem republikanische Senatoren Fauci unter Druck. Er machte jedoch von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern, und berief sich auf den fünften Verfassungszusatz, der vor Selbstbelastung schützt.
Fauci war medizinischer Chefberater des früheren Präsidenten Joe Biden und leitete über Jahrzehnte das Nationale Institut für Infektionskrankheiten. Während der Pandemie wurde er in den USA zu einer der bekanntesten Stimmen im Kampf gegen Covid-19. Insgesamt arbeitete der Wissenschaftler unter sieben Präsidenten. Für viele Republikaner verkörpert Fauci hingegen Fehlentscheidungen in der Pandemiepolitik. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weist er zurück.
Der demokratische Senator Richard Blumenthal kritisierte den Ausschussvorsitzenden Rand Paul scharf. Er warf ihm vor, die Anhörung diene in Wahrheit dazu, Fauci strafrechtlich zu belasten. Das sei nicht der eigentliche Sinn einer solchen Ausschussbefragung.
Ursprung des Virus bleibt politisch umkämpft
Rand Paul beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, woher das Coronavirus stammt. Bereits im vergangenen Jahr ließ er Vertreter aus 14 US-Behörden vor den Ausschuss laden. Mit Fauci sagte nun eine der prominentesten Persönlichkeiten der Pandemieära aus.

Paul vertritt seit Langem die Ansicht, Fauci habe gezielt die These eines natürlichen Ursprungs verbreitet, um die Möglichkeit zu verdecken, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stammen könnte. Auch US-Präsident Donald Trump unterstellt Fauci, China stets in Schutz genommen zu haben.
Tagebuchauszüge sorgen für neue Fragen
Kurz vor der Anhörung veröffentlichte Paul Passagen aus Faucis Tagebuch. Dem "Wall Street Journal" zufolge notierte Fauci bereits im Januar 2020 über chinesische Märkte, man wisse inzwischen, dass der Markt nicht der Ausgangspunkt, sondern eher ein Verstärker der Verbreitung gewesen sei.
Im Jahr darauf beklagte Fauci laut den veröffentlichten Auszügen, Vertreter der "radikalen Rechten" behaupteten, er habe das Virus absichtlich entwickelt und in Umlauf gebracht.
Im Mai 2021 schrieb Fauci zudem, er habe immer betont, ein natürlicher Ursprung des Virus und der Sprung vom Tier auf den Menschen seien sehr wahrscheinlich. Wegen der wachsenden Spekulationen über ein mögliches Laborleck habe er aber zugleich klargemacht, dass niemand mit letzter Sicherheit sagen könne, woher das Virus tatsächlich stammt. Deshalb müsse der Ursprung gründlich untersucht werden.
Neue Bewertungen in den USA
Die US-Regierung hat ihre Einschätzungen zum Ursprung von Covid-19 inzwischen angepasst. CIA-Direktor John Ratcliffe geht mittlerweile von einem Laborunfall aus. Nach Angaben des Geheimdienstes spricht mit niedriger Sicherheit mehr für einen forschungsbedingten Ursprung als für eine rein natürliche Entstehung. Schon Anfang Dezember hatte ein Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses einen Bericht vorgelegt, der ebenfalls die Laborthese stützt.
Auch der frühere Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hält die Laborthese nach heutigem Kenntnisstand für wahrscheinlicher. Das sagte er vor rund einem Monat der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Wieler stand dem RKI während der Corona-Krise bis März 2023 vor. Ein endgültiger Beweis für die Herkunft des Virus fehlt jedoch weiterhin.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber