Nach der Veröffentlichung von Tagebucheinträgen des US-Immunologen Anthony Fauci ist in den Vereinigten Staaten die Debatte über den Ursprung des Coronavirus erneut aufgeflammt. Bei einer Anhörung im Senatsausschuss für Innere Sicherheit und Regierungsangelegenheiten versuchten vor allem republikanische Senatoren, Fauci Antworten zu entlocken. Er berief sich jedoch auf den fünften Zusatzartikel der US-Verfassung und machte von seinem Schweigerecht Gebrauch. Dieser schützt davor, sich selbst belasten zu müssen.
Fauci leitete von 1984 bis 2022 das Nationale Institut für Infektionskrankheiten. Während der Corona-Pandemie gehörte er unter Präsident Donald Trump der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses an, später war er medizinischer Chefberater von Joe Biden. Insgesamt beriet der Wissenschaftler sieben US-Präsidenten.
Im Kampf gegen Covid-19 wurde Fauci zu einer der prägenden Stimmen der Pandemiezeit und scheute auch die Konfrontation mit Trump nicht. Zugleich wurde er für viele Republikaner zur Symbolfigur einer aus ihrer Sicht verfehlten Pandemiepolitik. Fauci sah sich deshalb zunehmend Anfeindungen ausgesetzt und weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück.
Politisch aufgeladene Anhörung
Der republikanische Senator Rand Paul beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, woher das Coronavirus stammt. Im vergangenen Jahr ließ der Vorsitzende des Ausschusses dazu Vertreter aus 14 US-Behörden vorladen. Mit Fauci erschien nun eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Pandemieära vor dem Gremium.
Der demokratische Senator Richard Blumenthal warf Paul während der Anhörung vor, das Verfahren diene letztlich dazu, Fauci strafrechtliches Fehlverhalten anzulasten. Das sei nicht der eigentliche Zweck einer Ausschussanhörung.
Paul vertritt seit Langem die Auffassung, Fauci habe gezielt die These eines natürlichen Ursprungs verbreitet, um die Möglichkeit zu verdecken, dass das Virus aus einem Labor in der chinesischen Metropole Wuhan stammen könnte. Auch Trump wirft Fauci vor, China stets geschützt zu haben.
Widersprüchliche Tagebucheinträge
Kurz vor der Anhörung veröffentlichte Paul Auszüge aus Faucis Tagebuch. Dem Wall Street Journal zufolge notierte Fauci bereits im Januar 2020 über chinesische Märkte, man wisse inzwischen, dass der Markt nicht der Ursprung, sondern vielmehr ein Verstärker der Ausbreitung gewesen sei.
Im darauffolgenden Jahr beklagte Fauci laut den veröffentlichten Passagen, Vertreter der „radikalen Rechten“ behaupteten, er habe das Virus absichtlich entwickelt und dann in Umlauf gebracht.
Im Mai 2021 schrieb Fauci zudem, er habe stets betont, ein natürlicher Ursprung des Virus und der Sprung vom Tier auf den Menschen seien sehr wahrscheinlich. Wegen der zahlreichen Spekulationen über ein mögliches Laborleck habe er aber zugleich klargemacht, dass niemand – auch er selbst nicht – mit letzter Sicherheit sagen könne, woher das Virus tatsächlich stammt. Deshalb müsse der Ursprung gründlich untersucht werden.
Neue offizielle Bewertungen in den USA
Die US-Regierung hat ihre Einschätzung zum Ursprung von Covid-19 inzwischen verändert. Nach Beginn von Trumps zweiter Amtszeit stellte das Weiße Haus im vergangenen Frühjahr mit einer neuen Webseite die Labortheorie in den Vordergrund.
Zuvor hatte CIA-Direktor John Ratcliffe die Bewertung seines Dienstes angepasst. Demnach spricht mit niedriger Sicherheit mehr für einen forschungsbedingten Ursprung der Pandemie als für eine rein natürliche Entstehung. Bereits im Dezember 2024 hatte zudem ein Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses einen Bericht vorgelegt, der ebenfalls die Labortheorie stützt.
Ein endgültiger Beweis für die Herkunft des Virus liegt allerdings weiterhin nicht vor.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber