Politik

Nato bricht mit US-Flugzeugen bei der Aufklärung

Milliardendeals beim Nato-Gipfel – doch ein brisanter Beschluss zu neuen „Augen im Himmel“ sorgt für besonderen Zündstoff.

07.07.2026, 10:14 Uhr

Die Nato will ihre in Deutschland stationierten Awacs-Aufklärungsflugzeuge nun doch nicht wie ursprünglich geplant durch US-Modelle ersetzen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte kündigte am Rande des Bündnisgipfels in Ankara an, dass stattdessen Maschinen des kanadischen Herstellers Bombardier beschafft werden sollen. Ausgerüstet werden sie mit dem Frühwarn- und Aufklärungssystem GlobalEye des schwedischen Rüstungskonzerns Saab. Vorgesehen ist die Bestellung von bis zu zehn Flugzeugen.

Nach Angaben von Rutte kann GlobalEye von einer einzigen Plattform aus gleichzeitig den Luftraum, Seegebiete und den Boden überwachen. Militärische Führungsstellen erhielten damit ein umfassendes Lagebild. Das System soll unter anderem Drohnenschwärme, ballistische Raketen und Marschflugkörper entdecken, verfolgen und identifizieren können. Eingebaut werden soll es in Flugzeuge der Typen Bombardier Global 6000 oder Global 6500.

Deutschland meldet Rekordausgaben an die Nato

Deutschland hat der Nato für das laufende Jahr erneut Verteidigungsausgaben in Rekordhöhe gemeldet. Die Bundesregierung übermittelte dem Bündnis nach Nato-Daten einen Betrag von 124,7 Milliarden Euro. Die Zahlen wurden zum Auftakt des Gipfeltreffens in Ankara veröffentlicht.

Das entspricht einem Plus von 25,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2025 waren die deutschen Verteidigungsausgaben noch mit rund 99,3 Milliarden Euro angegeben worden. Der Anstieg um etwa 25,4 Milliarden Euro ist damit der höchste, der für Deutschland in der jüngeren Geschichte registriert wurde. Innerhalb der Nato geben in absoluten Zahlen nur die USA mehr Geld für Verteidigung aus als Deutschland.

Nach Nato-Berechnungen steigt der Anteil der Verteidigungsausgaben am deutschen Bruttoinlandsprodukt auf 2,69 Prozent. Im Vorjahr hatte die Quote noch bei 2,22 Prozent gelegen. Grundlage der Berechnung sind inflations- und wechselkursbereinigte Daten.

Zahlen auch als Signal an Trump

Rutte und mehrere europäische Verbündete hoffen mit den neuen Zahlen auch, US-Präsident Donald Trump zu besänftigen. Trump hatte kurz vor dem Gipfel die Verteidigungsausgaben der Europäer erneut scharf kritisiert und auch Deutschlands Investitionen als unzureichend bezeichnet.

Kanzler Friedrich Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte wiesen die Vorwürfe zurück. Rutte sagte in Ankara, die europäischen Alliierten und Kanada hätten allein im vergangenen Jahr fast 20 Prozent mehr für Verteidigung ausgegeben als im Jahr zuvor. Das entspreche zusätzlichen 139 Milliarden Dollar. Für 2025 und 2026 zusammen bezifferte er den Zuwachs auf 258 Milliarden Dollar.

Balten liegen bei der BIP-Quote vorn

Bei den Verteidigungsausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegen nach Nato-Angaben derzeit Litauen (5,33 Prozent), Estland (5,10 Prozent), Lettland (4,92 Prozent) und Polen (4,68 Prozent) an der Spitze. Damit liegen sie auch vor den USA, die nach den jüngsten Nato-Kalkulationen auf 3,17 Prozent kommen sollen.

Beim Nato-Gipfel im vergangenen Jahr hatten die Alliierten auf Drängen Trumps vereinbart, spätestens ab 2035 jährlich 3,5 Prozent des BIP für klassische Verteidigung auszugeben. Rechnet man Investitionen in Infrastruktur und andere sicherheitsrelevante Bereiche hinzu, soll der Wert sogar fünf Prozent erreichen. In Ankara wird nun überprüft, wie weit die Verbündeten bei der Umsetzung sind.

Trotz der kräftigen Steigerungen bleiben die USA bei den absoluten Ausgaben klar vorne. Nach Nato-Kalkulationen investieren sie 2026 inflations- und wechselkursbereinigt rund 850,2 Milliarden Dollar in Verteidigung. Alle übrigen Nato-Partner zusammen kommen demnach auf 633,9 Milliarden Dollar.

Nato startet neue Drohnen-Initiative

Parallel dazu bereitet sich das Bündnis auf eine deutlich größere Rolle von Drohnen in künftigen Konflikten vor. Mit der neuen Initiative „Drone Edge“ wollen die Alliierten in den kommenden fünf Jahren mehr als 40 Milliarden Dollar in Fähigkeiten zur Drohnenabwehr investieren.

Außerdem verpflichteten sich die Mitgliedstaaten, bis Ende 2027 fünfmal so viele Soldaten für den Einsatz von Drohnen auszubilden. Rutte sagte, Drohnen hätten den Charakter moderner Kriegsführung grundlegend verändert und seien zu einem entscheidenden Faktor auf dem Schlachtfeld geworden. Das zeige sich in der Ukraine, im Nahen Osten und auch im Bündnisgebiet.

Der Nato-Generalsekretär verwies dabei auch auf Vorfälle der vergangenen Jahre, bei denen russische Drohnen in den Luftraum von Bündnisstaaten eingedrungen waren. Die Nato wolle daher ihre Fähigkeit rasch ausbauen, Drohnen im großen Stil einzusetzen und zu betreiben. Gleichzeitig würden robuste Systeme zur Drohnenabwehr aufgebaut, um unbemannte Fluggeräte zu erkennen, zu identifizieren und unschädlich zu machen.

Rutte fordert „Revolution“ der Verteidigungsindustrie

Angesichts der Bedrohungen durch Staaten wie Russland, China und Nordkorea dringt Rutte zudem auf einen tiefgreifenden Ausbau der transatlantischen Verteidigungsindustrie. Das bisherige „Summen der Maschinen“ müsse zu einem „Dröhnen“ werden, sagte er am Rande des Gipfels. Das klinge dramatisch, sei aber machbar.

Als konkrete Schritte nannte er langfristige Bestellungen, zusätzliche Investitionen und weniger Bürokratie. Zugleich müsse die Industrie bereit sein, mehr Risiken einzugehen. An Vertreter der Branche gerichtet betonte er, die Nachfrage sei vorhanden.

Nach seinen Angaben wurden allein im vergangenen Jahr 37 Milliarden Dollar in die Stärkung der verteidigungsindustriellen Basis investiert. Dadurch sei zusätzliche Produktionsfläche in der Größe von mehr als 2.000 Fußballfeldern entstanden. Bei der Munitionsproduktion werde das Bündnis nach Nato-Prognosen bis zum kommenden Jahr in der Lage sein, jährlich rund vier Millionen Artilleriegeschosse herzustellen – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Den Umfang neuer Rüstungsprojekte, die am Rande des Gipfels angekündigt wurden, bezifferte Rutte auf mehrere Dutzend Milliarden Dollar.

Sorge über engere Zusammenarbeit autoritärer Staaten

Rutte warnte zudem vor der engeren Kooperation rivalisierender Staaten. Russland stecke fast die Hälfte seines Staatshaushalts in seine Kriegsmaschinerie, während die dortige Rüstungsindustrie rund um die Uhr arbeite. Gleichzeitig bauten China und Nordkorea ihre nuklearen Fähigkeiten aus. Auch beim Iran müsse man trotz der Angriffe der USA wachsam bleiben. Diese Staaten arbeiteten zunehmend zusammen – das müsse die Nato ernst nehmen.

Ursprünglich war die Boeing E-7A vorgesehen

Zunächst hatte das Bündnis den Kauf von US-Flugzeugen des Typs Boeing E-7A Wedgetail ins Auge gefasst. Das Vorhaben wurde jedoch vorerst gestoppt, nachdem die US-Regierung im vergangenen Sommer ihren Rückzug aus dem Programm angekündigt hatte.

Bereits im September hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius erklärt, dass für die Nachfolge der Awacs-Flotte in Deutschland auch Saabs GlobalEye-System eine Option sei. Nach dem Ausstieg der USA dürfte Deutschland voraussichtlich den größten Teil der Kosten tragen. Insgesamt geht es um mehrere Milliarden Euro.

Aus Nato-Kreisen hieß es zudem, dass Boeing zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise doch noch einen Auftrag erhalten könnte. Zuletzt habe es dazu wieder Gespräche gegeben.

Die fliegenden Augen des Bündnisses

Derzeit nutzt die Nato für ihr fliegendes Radarsystem noch rund 40 Jahre alte Maschinen auf Basis der Boeing 707. Diese Flugzeuge sind als Awacs bekannt, kurz für Airborne Early Warning and Control System. Aktuell werden sie vor allem zur Überwachung des Luftraums in Osteuropa eingesetzt.

Die Flotte ist auf dem Nato-Flugplatz Geilenkirchen bei Aachen stationiert und umfasst derzeit 14 Maschinen. Sie kam bislang bei allen größeren Einsätzen des Bündnisses zum Einsatz, darunter Missionen im Kampf gegen den Terrorismus sowie im Kosovokrieg.

Dank ihres markanten scheibenförmigen Radaraufbaus können die Awacs andere Luftfahrzeuge in einer Entfernung von mehr als 400 Kilometern erfassen und identifizieren. Die gewonnenen Daten lassen sich über Datenverbindungen nahezu in Echtzeit an Einheiten am Boden, auf See oder in der Luft weiterleiten. Dadurch können die Maschinen auch als fliegende Gefechtsstände dienen.

Rutte sagte, die Awacs seien über Jahrzehnte hinweg die Augen der Nato am Himmel gewesen. Inzwischen näherten sie sich jedoch dem Ende ihrer Einsatzzeit.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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