Politik

Mehr Geld in der Pflege – doch der Streit bleibt

Pflege-Reform, Milliardenloch, neue Zahlen: So viel verdienen Beschäftigte wirklich – und warum das jetzt brisant wird.

01.10.2026, 12:16 Uhr

Die Stundenlöhne in der Langzeitpflege sind nach Angaben des GKV-Spitzenverbands auf durchschnittlich 24,50 Euro gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von 3,4 Prozent. Unter Langzeitpflege fällt die Betreuung von Menschen mit Pflegebedarf über einen längeren Zeitraum, etwa in Pflegeheimen.

Die Entwicklung fällt in eine Phase intensiver Diskussionen über eine Reform der Pflege. Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den ersten Schritt auf den Weg gebracht. Damit soll vor allem die angespannte Finanzlage der Pflegeversicherung zunächst etwas entschärft werden, unter anderem durch höhere Beiträge für Kinderlose. Für weitere Änderungen soll eine Kommission bis Januar zusätzliche Vorschläge erarbeiten.

Altenpflege: Fachkräfte kommen auf 4.438 Euro brutto im Monat

Je nach Qualifikation unterscheiden sich die Löhne deutlich. Pflegefachkräfte verdienen laut GKV im Schnitt 28,03 Euro pro Stunde, was einem Zuwachs von 3,6 Prozent entspricht. Pflegeassistenzkräfte mit mindestens einjähriger Ausbildung kommen auf 23,36 Euro je Stunde (+3,3 Prozent). Ungelernte Pflegehilfskräfte erhalten durchschnittlich 20,96 Euro pro Stunde (+3,5 Prozent).

Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit liegt das mittlere Bruttomonatsentgelt von Fachkräften in der Altenpflege bei 4.438 Euro. In der Krankenpflege sind es 4.587 Euro. Insgesamt waren im Jahr 2025 rund 1,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Pflegebereich tätig. Das sind 2 Prozent mehr als im Vorjahr und etwa 320.000 mehr als 2015. Als wesentlicher Grund gilt die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen.

GKV warnt vor steigenden Eigenanteilen

GKV-Chef Oliver Blatt betonte, Pflegekräfte könnten sich weiter auf eine faire Bezahlung verlassen, die sich an der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung orientiere. Gleichzeitig verwies er auf die Folgen für Pflegebedürftige: Weil die Langzeitpflege als Teilleistungssystem organisiert sei, führten höhere Löhne direkt zu steigenden Eigenanteilen. Diese Belastung nehme seit Jahren weiter zu.

Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen zahlen bundesweit inzwischen im Durchschnitt mehr als 3.300 Euro pro Monat selbst. Das sind laut Daten des Verbands der Ersatzkassen 256 Euro mehr als vor einem Jahr. In der Politik wird deshalb weiter über eine Begrenzung der Eigenanteile gestritten. Die SPD verlangt einen Deckel, während die Union dies ablehnt und stattdessen auf „sozialverträgliche Leistungszuschüsse“ setzt. Das sagte Gesundheitsminister Carsten Linnemann im ZDF.

Pflegeversicherung tief im Minus

Die finanzielle Lage der Pflegeversicherung bleibt äußerst angespannt. Als Hauptursache gilt die stark gestiegene Zahl der Pflegebedürftigen. Linnemann sprach von einer Verdreifachung innerhalb von 20 Jahren auf inzwischen sechs Millionen Menschen.

Der GKV-Spitzenverband, der auch die Pflegekassen vertritt, rechnet für dieses Jahr mit einem Defizit von 1,2 Milliarden Euro. Für das kommende Jahr wird bereits ein Fehlbetrag von 7,6 Milliarden Euro erwartet. In den folgenden Jahren könnten laut Regierungsentwurf sogar Defizite in zweistelliger Milliardenhöhe entstehen.

Der Gesetzentwurf muss noch Bundestag und Bundesrat passieren und könnte dort noch verändert werden. Geplant ist unter anderem, vorgesehene Leistungsausweitungen im Jahr 2028 zu streichen. Zudem sollen aus Sicht der Regierung „fachlich sinnvolle“ Änderungen bei der Begutachtung den weiteren Anstieg der Zahl Pflegebedürftiger begrenzen. Für Kinderlose soll der Beitrag zum 1. Januar um 0,3 Prozentpunkte auf 4,5 Prozent steigen. Für Eltern bleibt es bei 3,6 Prozent, ab dem zweiten Kind gelten niedrigere Sätze.

Kritik von Kassen, Behindertenbeauftragtem und Linken

DAK-Chef Andreas Storm äußerte in der Rheinischen Post verfassungsrechtliche Zweifel an den wachsenden Beitragsunterschieden. Aus seiner Sicht dürfe die Spreizung nicht weiter zunehmen. Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, kritisierte den Plan scharf. Er sagte, das Vorhaben sei kein Gesetz zur Neuordnung der Pflege, sondern vor allem ein Spargesetz. Pflegende Angehörige bräuchten Entlastung statt zusätzlicher Belastungen.

Ähnlich deutlich äußerte sich Linken-Fraktionschef Sören Pellmann. Der Reformvorschlag sei eine „Kürzungsorgie“ zulasten von Millionen Menschen mit Pflegebedarf. Die Linke verlangt, die Eigenanteile im Pflegeheim vollständig abzuschaffen. Finanziert werden soll das nach ihren Vorstellungen durch eine stärkere Beteiligung privat Pflegeversicherter, durch die Einbeziehung von Kapitaleinkünften und durch Beiträge auf Einkommen bis zu einer deutlich höheren Bemessungsgrenze.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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