Politik

Jetzt gilt der Freundschaftspakt mit London

Brexit adé? Der neue Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und Großbritannien ist da – und könnte vieles verändern.

08.10.2026, 14:03 Uhr

Mehr als sechs Jahre nach dem Brexit haben Deutschland und Großbritannien ihre bilateralen Beziehungen auf eine neue vertragliche Grundlage gestellt. Bundeskanzler Friedrich Merz und der britische Premierminister Andy Burnham setzten den deutsch-britischen Freundschaftsvertrag im Kanzleramt mit dem Austausch der Ratifikationsurkunden offiziell in Kraft. Unterzeichnet worden war das Abkommen bereits im Juli 2025 bei Merz’ Antrittsbesuch in London.

Das 27 Seiten starke Papier ist auch als Kensington-Vertrag bekannt, benannt nach dem Londoner Stadtteil, in dem es unterzeichnet wurde. Ergänzt wird die Vereinbarung durch einen Aktionsplan mit 17 Punkten.

Ziel ist es, die Zusammenarbeit beider Länder unter anderem in der Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik auszubauen. Weitere Schwerpunkte sind die Eindämmung irregulärer Migration sowie der Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität. Zudem sieht das Abkommen konkrete Erleichterungen für Reisen vor, darunter Visafreiheit für Klassenfahrten von Schülergruppen und die Perspektive einer direkten Bahnverbindung zwischen Deutschland und Großbritannien.

Burnham bringt deutsches Mitwirken an neuem Kampfjet ins Spiel

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte Burnham mit einem Rüstungsangebot an Berlin. Der britische Premierminister stellte Deutschland überraschend eine Beteiligung am GCAP-Programm in Aussicht, mit dem Großbritannien gemeinsam mit Italien und Japan ein Kampfflugzeug der nächsten Generation entwickelt.

Burnham sagte nach dem Treffen mit Merz, er habe seine Offenheit signalisiert, dass Deutschland sich an GCAP beteiligen könne. Dies solle in der kommenden Zeit weiter vorangetrieben werden.

Noch keine Vorentscheidung über Kampfjet

Aus deutschen Regierungskreisen hieß es dazu, die Verteidigungsminister beider Länder seien zunächst mit der Prüfung einer möglichen Kooperation beauftragt worden. Zugleich wurde betont, dass damit weder eine Entscheidung noch eine Vorentscheidung verbunden sei. Demnach handelt es sich erst um einen kleinen ersten Schritt auf deutscher Seite, um in diesem Bereich eine neue Partnerschaft zu suchen und womöglich zu finden. Berlin befinde sich noch in einem sehr frühen Stadium der Neubewertung seiner Optionen.

Der Vorstoß kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Berlin nach dem Scheitern des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS nach neuen Möglichkeiten sucht. Das Vorhaben war im Sommer nach jahrelangen Vorbereitungen an Streit über die Konditionen gescheitert. Als wahrscheinlichste Alternative galt bisher eine Kooperation des Airbus-Konzerns mit dem schwedischen Rüstungsunternehmen Saab.

Zusammenarbeit auch gegen hybride Bedrohungen

Die engere Verteidigungskooperation soll sich nicht nur auf klassische Rüstungsfragen beschränken. Beide Länder vereinbarten auch eine stärkere Zusammenarbeit bei der Abwehr hybrider Bedrohungen. Dazu zählen etwa Cyberangriffe, Sabotage an Infrastruktur, Desinformation oder Drohnenattacken.

Nach britischer Darstellung soll ein intensiverer Austausch von Informationen sowie eine engere Koordinierung bei Überwachung, Abschreckung und Abwehr solcher Gefahren dazu beitragen, feindliche Akteure zu schwächen. London verwies dabei besonders auf die Bedrohungslage durch Russland. Die britische Regierung erklärte, die hybride Bedrohung durch Gegner – insbesondere Russland – reiche über Europa hinaus und gefährde die gemeinsame Sicherheit.

Burnham betonte, Angriffe auf Infrastruktur, Unternehmen und demokratische Institutionen seien keine ferne Gefahr mehr. Sie reichten bis in den Alltag der Menschen hinein und zielten darauf ab, Gesellschaften zu schwächen und zu spalten.

Merz: Europa gehört zusammen

Merz bezeichnete den Tag als historisch. Der Vertrag eröffne neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit beider Länder, nachdem Großbritannien die Europäische Union verlassen habe. Besonders hob der Kanzler die Vorteile für junge Menschen hervor: Schülerinnen, Schüler und Studierende erhielten einen besseren Zugang zu beiden Ländern.

Damit solle die junge Generation erleben, wie eng Deutschland als Teil der EU und Großbritannien weiterhin verbunden seien und wie gut die europäische Zusammenarbeit funktioniere. Europa gehöre zusammen, machte Merz deutlich.

Burnham: Enge Partnerschaft in schwierigen Zeiten nötig

Auch Burnham unterstrich die Bedeutung des Abkommens. Gerade in herausfordernden Zeiten brauche es eine Zusammenarbeit auf höchstem Niveau mit den engsten Partnern, sagte er. Deutschland sei zweifellos einer davon. Nach seinen Worten soll der Kensington-Vertrag die Sicherheit in Europa stärken, das Wirtschaftswachstum in beiden Ländern fördern und den Lebensstandard der Menschen verbessern.

Auffällig war dabei auch der Rahmen des Treffens: Eine gemeinsame Pressekonferenz, wie sie bei Antrittsbesuchen europäischer Regierungschefs im Kanzleramt sonst üblich ist, gab es nicht. Stattdessen traten Merz und Burnham nur mit kurzen Statements vor die Öffentlichkeit.

Besuch mit Signalwirkung über Berlin hinaus

Burnhams Antrittsbesuch in Deutschland fand auch in Großbritannien große Beachtung. Seine erste Auslandsreise als Premier hatte ihn als Unterstützer und Geldgeber in die Ukraine geführt, die zweite in die USA zu den Vereinten Nationen und zu US-Präsident Donald Trump. Dass Deutschland nun sein erstes Ziel in der Europäischen Union war, wird als Signal gewertet, dass London an einem engen Verhältnis zu Berlin festhalten will.

Bereits Burnhams Vorgänger Keir Starmer hatte auf enge Kontakte nach Deutschland gesetzt und war im Sommer 2024 kurz nach Amtsantritt des damaligen Kanzlers Olaf Scholz in Berlin empfangen worden. Burnham, früher Bürgermeister der Metropolregion Manchester, tritt allerdings in einem anderen Stil auf und gibt sich betont volksnah. In Großbritannien profitiert seine Labour-Partei derzeit von Rückenwind nach dem Wechsel in der Downing Street.

Zudem hatte Burnham in der vergangenen Woche als erster britischer Premierminister seit dem Brexit konkret von einer möglichen Rückkehr seines Landes in die EU gesprochen. Selbst wenn daraus Gespräche würden, wäre der Weg dorthin lang. Die Haltung Deutschlands hätte dabei in Brüssel erhebliches Gewicht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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