Letzte US-Soldaten verlassen den Irak – Ende einer Ära, neue Verantwortung für Bagdad
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Sturz Saddam Husseins und nach jahrelangen Kämpfen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat haben die letzten US-Soldaten den Irak verlassen. Damit endet ein Kapitel, das von Krieg, Terror, Vertreibung und politischer Instabilität geprägt war. Zugleich beginnt für den Irak eine neue Phase der Unsicherheit – diesmal ohne direkte militärische Präsenz der USA.
Das US-Verteidigungsministerium sprach von einem „Meilenstein“ und erklärte, der Abzug spiegele den Erfolg einer zwölfjährigen Kampagne wider, durch die der IS als organisierte militärische Bedrohung im Irak und in der Region besiegt worden sei. Zugleich machte das Pentagon deutlich, dass nun vor allem die irakische Regierung selbst für die Sicherheitslage verantwortlich ist. Dazu zählen aus Sicht Washingtons sowohl verbliebene IS-Strukturen als auch mit Iran verbundene Milizen, die die irakische Souveränität und die Stabilität der Region untergraben könnten.
Warum erfolgt der Abzug gerade jetzt?
Die Entscheidung war bereits 2024 getroffen worden. Der eigentliche Kampfeinsatz der USA war schon 2021 beendet; die zuletzt rund 2.500 amerikanischen Soldaten waren vor allem noch als Berater und Ausbilder im Land tätig. Bereits 2011 hatten die USA ihre Truppen einmal vollständig aus dem Irak abgezogen. Als der IS ab 2014 jedoch große Gebiete im Irak und in Syrien überrannte, kehrten amerikanische Streitkräfte zurück.
Der jetzige Rückzug entsprach einer zentralen Forderung des irakischen Ministerpräsidenten Ali al-Saidi und einflussreicher, mit Iran verbundener Milizen. Diese Gruppen sollten ursprünglich parallel zum US-Abzug entwaffnet werden. Dieser Schritt wurde inzwischen auf Juni 2027 verschoben – ob das gelingt, ist offen.
Wie begann der US-Militäreinsatz im Irak?
Seinen Ursprung hat er in den Anschlägen vom 11. September 2001. US-Präsident George W. Bush rief damals den weltweiten „Krieg gegen den Terror“ aus und prägte den Begriff der „Achse des Bösen“. Gemeint waren Iran, Irak und Nordkorea, denen Washington vorwarf, Terrornetzwerke zu unterstützen.
Die USA beschuldigten Saddam Hussein zudem, Verbindungen zu Al-Kaida zu haben und nach Massenvernichtungswaffen zu streben. Beide Vorwürfe erwiesen sich später als falsch. Trotzdem marschierten die USA 2003 gemeinsam mit Verbündeten im Irak ein und stürzten Hussein. Dessen Herrschaft war brutal und kostete Hunderttausenden Menschen das Leben.
Wie fällt die Bilanz bis 2011 aus?
Viele Historiker betrachten die Invasion als eine der folgenschwersten Fehlentscheidungen der amerikanischen Außenpolitik. Auf den Einmarsch folgten Jahre von Aufständen, Chaos und konfessioneller Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten. Etwa 4.500 US-Soldaten und Zehntausende Iraker wurden getötet.
Weltweit Entsetzen lösten auch die Misshandlungen und Folter irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghraib durch US-Militärangehörige aus. Gleichzeitig gewann Iran im Irak erheblich an Einfluss, ebenso ihm nahestehende Milizen. Das Machtvakuum stärkte auch Al-Kaida und bereitete letztlich den Boden für den späteren Aufstieg des IS.
Die Gesamtkosten des Krieges werden auf bis zu drei Billionen US-Dollar geschätzt. Zeitweise waren mehr als 160.000 amerikanische Soldaten im Irak stationiert.
Warum kam es 2014 zu einem neuen Einsatz?
Als der IS 2014 in rasantem Tempo Gebiete im Irak und in Syrien eroberte, bat Bagdad die USA erneut um Unterstützung. In dem von der Miliz ausgerufenen „Kalifat“ wurden Schiiten und die jesidische Minderheit massenhaft ermordet. Hinrichtungsvideos verbreiteten weltweit Angst, während Anschläge auch Europa und die USA erreichten.
Daraufhin begann die von den USA geführte „Operation Inherent Resolve“, an der sich mehr als 80 Staaten beteiligten. Ziel war die Rückeroberung der vom IS beherrschten Gebiete in Irak und Syrien. Die Kämpfe waren langwierig und verlustreich. Nach Angaben der britischen Organisation Airwars starben rund 1.400 Mitglieder der US-geführten Koalition; die Zahl getöteter Zivilisten wird auf bis zu 13.000 geschätzt. Auch die Bundeswehr beteiligte sich ab 2015.
Der Erfolg war nur mit Unterstützung lokaler Bodentruppen möglich, darunter kurdische Peschmerga. Im aktuellen Bericht zur Operation heißt es, der IS konzentriere sich im Irak inzwischen vor allem auf sein eigenes Überleben. Sowohl dort als auch in Syrien – aus dem sich das US-Militär bereits im April zurückgezogen hatte – ist die Zahl der Angriffe demnach so niedrig wie zuletzt 2013. Tausende IS-Mitglieder sitzen heute in irakischen Gefängnissen.
Welche Bedeutung hat der Abzug im Spannungsfeld mit Iran?
Vom US-Rückzug profitiert vor allem Iran, das seinen Einfluss im Irak sichern oder sogar ausbauen könnte. Mit Teheran verbundene Milizen bleiben in der Lage, amerikanische Einrichtungen oder Energieinfrastruktur in den Golfstaaten anzugreifen. Kritiker warnen daher vor Parallelen zum Abzug aus Afghanistan: ein militärischer Rückzug, ohne dass die Risiken vollständig eingedämmt sind.
Gleichzeitig verlieren diese Milizen mit dem Abzug der US-Truppen eines ihrer wichtigsten Argumente für den bewaffneten „Widerstand“. Washington will dennoch weiter auf ihre Entwaffnung drängen. Die Irak-Expertin Lahib Higel von der Crisis Group mahnt jedoch, Bagdad nicht in eine direkte Frontstellung gegen Teheran zu drängen. Dafür sei Irans politischer Einfluss im Irak zu groß, zudem sei das Land ein wichtiger Wirtschaftspartner. Ihrer Einschätzung nach braucht der Irak Spielraum, um zwischen Washington und Teheran ein eigenes Gleichgewicht zu finden.
Kurden sehen sich besonders bedroht
Besonders verwundbar sind nach Einschätzung vieler Beobachter nun die Kurden im Irak. Sie waren im Krieg immer wieder Ziel von Angriffen und verlieren mit dem US-Abzug ihren wichtigsten Schutzfaktor. Damit wachsen auch die Sorgen um ihre weitgehend autonome Selbstverwaltung, die wesentlich unter westlichem Schutz entstehen konnte.
Auch Analysten des Atlantic Council warnen, dass die Kurden nun stärker um Sicherheit und politische Selbstbestimmung bangen müssen. Aus kurdischer Sicht ist der Rückzug daher ein schwerer Schlag. Ministerpräsident Masrur Barsani sprach in einem Interview von einer „Schande“.
Wie bewerten die USA den Irak-Krieg heute?
In den Vereinigten Staaten überwiegt inzwischen die Skepsis. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht glaubt, der Irak-Krieg habe das Land sicherer gemacht. Der Abzug passt damit zu Donald Trumps erklärtem Ziel, die US-Militäreinsätze im Nahen Osten zurückzufahren und sogenannte „ewige Kriege“ zu beenden.
Kritiker verweisen allerdings darauf, dass auch die Konfrontation mit Iran das Potenzial für einen langwierigen neuen Konflikt birgt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber