Nach den erneuten massiven US-Luftangriffen wächst im Iran die Angst vor einer Rückkehr zum offenen Krieg. Das US-Militär griff nach eigenen Angaben in der zweiten Nacht in Folge rund 90 militärische Ziele an. Der Iran reagierte mit eigenen Attacken. Dabei gerieten erneut Kuwait, Bahrain und auch Jordanien unter Beschuss – alles Länder mit wichtigen US-Militärstandorten in relativer Nähe zum Iran.
Nach iranischen Angaben wurden bei den Angriffen mindestens 14 Menschen getötet und 78 weitere verletzt. Staatsnahe Medien berichteten von Explosionen in mehreren Küstenregionen sowie von Schäden an ziviler Infrastruktur. Betroffen waren mehrere Provinzen. Auch auf der wichtigen Bahnstrecke zwischen Teheran und Maschhad wurde der Personenverkehr eingestellt.
Erneut Alarm in Kuwait, Bahrain und Jordanien
Kuwait geriet die zweite Nacht in Folge unter Beschuss. Die Armee teilte mit, die Luftabwehr habe Raketen- und Drohnenangriffe abgefangen. Auch in Bahrain heulten erneut die Sirenen. Beide Länder beherbergen US-Militärbasen nur wenige Hundert Kilometer vom Iran entfernt.
Neu betroffen war erneut Jordanien: Die dortigen Streitkräfte erklärten, acht Raketen abgefangen zu haben. Das Land war damit erstmals seit Wochen wieder direkt Ziel von Angriffen.
Im Laufe des Tages weitete Teheran seine Militäraktionen nach eigenen Angaben weiter aus. Demnach griffen iranische Streitkräfte auch US-Zerstörer und weitere US-Schiffe vor der Küste Bahrains mit Marschflugkörpern an.
Trump droht, Revolutionsgarden verschärfen den Ton
US-Präsident Donald Trump drohte Teheran mit noch härteren Schlägen. Auf Truth Social schrieb er, die Angriffe seien eine Vergeltung für iranischen Beschuss von Schiffen. Sollte sich das wiederholen, werde es „noch viel schlimmer kommen“.
Auch die Revolutionsgarden verschärften ihren Ton und erklärten, bei einer weiteren US-„Aggression“ würden ihre „vernichtenden Reaktionen“ auf zusätzliche US-Stützpunkte in der Region ausgeweitet.
Explosionen in mehreren Provinzen
Iranische Medien meldeten in der Nacht Explosionen in mehreren Gebieten entlang der Küste des Landes. Bilder aus Staatsmedien zeigten zudem zerstörte zivile Infrastruktur. Der neue Angriff traf laut iranischen Angaben mehrere Provinzen gleichzeitig.
Teheran wandte sich nach Berichten staatlicher Medien erneut an internationale Stellen und pochte auf ein Eingreifen gegen die Angriffe.
Bestattung Chameneis zieht sich bis in die Nacht
Die neue Eskalation fällt mit dem Ende der Trauerfeiern für Ajatollah Ali Chamenei zusammen und markiert zugleich das Ende einer jahrzehntelangen politischen Ära in der Islamischen Republik. Das frühere iranische Staatsoberhaupt sollte am Donnerstag im Imam-Resa-Schrein seiner Heimatstadt Maschhad beerdigt werden. Die Zeremonie zog sich jedoch bis in den Freitag hinein; noch nach Mitternacht Ortszeit zeigte das Staatsfernsehen Bilder der fortdauernden Trauerfeier im Schrein.
Im benachbarten Irak hatten sich nach offiziellen Angaben bereits am Mittwoch rund drei Millionen Menschen zu Trauerfeiern versammelt.
Chamenei war am 28. Februar bei einem israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in Teheran getötet worden. Danach führten die USA und Israel ihren Krieg gegen den Iran noch mehr als fünf Wochen fort, bevor Anfang April eine Waffenruhe vereinbart wurde. Trotz dieser Feuerpause und eines späteren Rahmenabkommens kam es seither immer wieder zu gegenseitigen Angriffen.
Während Anhänger Chamenei als Märtyrer verehren, dürfte ein erheblicher Teil der rund 86 Millionen Einwohner der Staatstrauer gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen.
Spekulationen um Nachfolger Modschtaba
Vor der Bestattung nahmen auch die Spekulationen über Chameneis Nachfolger und Sohn Modschtaba zu. Er war Anfang März, eine Woche nach dem Tod seines Vaters, zum neuen Staatsoberhaupt ernannt worden, ist seitdem aber nicht öffentlich aufgetreten. Das nährt Gerüchte über seinen Gesundheitszustand; teils ist von schweren Verletzungen die Rede.
Zwar erscheinen weiterhin Mitteilungen über seine Internetkanäle, doch Video- oder Audiobotschaften gibt es bislang nicht. Seine anhaltende Abwesenheit dürfte auch innerhalb der politischen und militärischen Führung Spannungen auslösen. Erste Konflikte zwischen rivalisierenden Lagern wurden bereits öffentlich sichtbar.
Streit um die Straße von Hormus eskaliert weiter
Ein zentraler Konfliktpunkt bleibt die Straße von Hormus. Die Meerenge ist für den weltweiten Handel mit Öl, Gas und Düngemitteln von herausragender Bedeutung und gilt als wichtigstes wirtschaftliches und militärisches Druckmittel Teherans. Der Schiffsverkehr läuft dort weiterhin stark eingeschränkt.
Die Wiederöffnung der Wasserstraße ist ein Kernelement des Mitte Juni vereinbarten Rahmenabkommens zwischen Washington und Teheran. Der Iran beharrt darauf, nach der Vereinbarung allein für die Verwaltung der Meerenge zuständig zu sein.
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) kommt in einer Analyse zu dem Schluss, dass der Iran bereit sein könnte, einen umfassenden Konflikt mit den USA zu riskieren, falls dies aus seiner Sicht nötig ist, um die Kontrolle über die Straße von Hormus zu sichern.
Nach Informationen des US-Portals Axios stellt sich das Weiße Haus auf eine möglicherweise mehrtägige oder sogar mehrwöchige militärische Konfrontation mit dem Iran in der Meerenge ein. Dauer und Intensität der Angriffe hingen demnach von den nächsten Schritten Teherans ab.
Der Sicherheitsexperte Richard Fontaine sagte der New York Times, am wahrscheinlichsten sei eine Fortsetzung von „niedrigschwelligem Geplänkel“, gefolgt von hektischer Vermittlungsdiplomatie, einer neuen brüchigen Waffenruhe und womöglich einer weiteren Angriffsrunde.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber