Mitten im Krieg mit Iran sorgt ein mögliches Atomabkommen zwischen den USA und Saudi-Arabien weiter für Nervosität im Nahen Osten. Die Regierung von Präsident Donald Trump will Riad beim Aufbau eines zivilen Atomprogramms unterstützen. Energieminister beider Länder haben dazu eine Vereinbarung unterzeichnet, Details des milliardenschweren Geschäfts wurden zunächst aber nicht veröffentlicht.
Neu ist nun eine überraschende politische Bedingung: Nach Angaben Trumps ist der Deal „komplett abhängig“ davon, dass Saudi-Arabien den Abraham-Abkommen beitritt und seine Beziehungen zu Israel normalisiert. Nur einen Tag nach der Ankündigung des Abkommens ist damit offen, ob es überhaupt umgesetzt wird.
Saudi-Arabien äußerte sich zunächst nicht zu der offenbar nachträglich gestellten Forderung. Auch staatsnahe Medien in dem Golfstaat schwiegen dazu. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begrüßte die Aussicht auf eine Annäherung dagegen als „historischen Schritt nach vorne für den Frieden im Nahen Osten“.
Worum es bei dem Abkommen geht
Die USA und Saudi-Arabien hatten am Mittwoch eine Vereinbarung zur zivilen Nutzung der Kernenergie bekanntgemacht. Nach Angaben aus Washington soll es zusätzlich ein bilaterales Abkommen über Sicherheitskontrollen geben. Was genau vereinbart wurde, blieb zunächst unklar.
US-Medien berichteten, der Vertrag könne auf 30 Jahre angelegt sein und amerikanischen Unternehmen eine Schlüsselrolle beim Aufbau der saudischen Nuklearindustrie sichern. Damit würde Washington nicht nur auf milliardenschwere Aufträge und neue Jobs setzen, sondern auch versuchen, den Einfluss von China und Russland im Königreich zurückzudrängen. Riad verhandelt seit Jahren auch mit anderen Staaten über nukleare Zusammenarbeit.
Streitpunkt Urananreicherung
Besonders heikel bleibt die Frage, ob Saudi-Arabien im Rahmen des Deals langfristig Zugang zur Urananreicherung erhalten könnte. Berichten zufolge soll eine gemeinsame amerikanisch-saudische Studie prüfen, ob eine entsprechende Anlage im Königreich gerechtfertigt wäre. Fiele das Ergebnis positiv aus, könnten US-Unternehmen den Bau übernehmen.
Trump widersprach dieser Darstellung nun jedoch öffentlich. Er erklärte, das Abkommen enthalte „keine Anreicherung von Material“. Die USA hätten nichts gegen zivile Atomanlagen ohne Anreicherung. Damit stellte er zumindest nach außen klar, dass Saudi-Arabien nach seiner Lesart kein Uran selbst anreichern dürfte.
Gerade dieser Punkt ist so sensibel, weil niedrig angereichertes Uran zwar als Brennstoff für Kernkraftwerke genutzt wird, bei höherem Anreicherungsgrad aber auch für Atomwaffen taugt.
Ein Abkommen im Schatten des Iran-Kriegs
Der Zeitpunkt ist brisant. Das Abkommen fällt in eine Phase, in der die USA und Israel ihren Kurs gegen Iran auch mit der Sorge vor einem möglichen iranischen Atomwaffenprogramm begründen. Teheran weist solche Vorwürfe seit Jahren zurück.
Saudi-Arabien verfügt nach bisherigem Kenntnisstand über kein eigenes Atomwaffenprogramm, treibt den Ausbau der Kernenergie unter Kronprinz Mohammed bin Salman aber seit langem voran. Der faktische Herrscher des Landes hatte mehrfach erklärt, sein Königreich strebe keine Atomwaffen an. Sollte Iran diesen Schritt jedoch gehen, werde Saudi-Arabien „so schnell wie möglich“ nachziehen. Trotz einer vorsichtigen diplomatischen Annäherung seit 2023 bleibt das Misstrauen zwischen beiden Rivalen groß.
Sorge vor fehlender Kontrolle
Mit dem Deal wächst die Sorge, dass sensible Atomtechnologie in einer ohnehin angespannten Region weiterverbreitet werden könnte. Kritiker warnen vor einem neuen atomaren Wettbewerb im Nahen Osten. Auch im US-Kongress dürfte das Abkommen auf Widerstand stoßen.
Entscheidend wird sein, wie weit internationale Kontrolleure Zugang zu saudischen Anlagen erhalten. Saudi-Arabien ist Mitglied des Atomwaffensperrvertrags und hat ein Kontrollabkommen mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Ein Zusatzprotokoll, das deutlich weitergehende Inspektionsrechte schaffen würde, hat das Königreich bislang jedoch nicht unterzeichnet.
Trump betonte, das Abkommen diene ausschließlich dem nicht-militärischen Einsatz der Nukleartechnologie. Auch US-Außenminister Marco Rubio sagte strenge Sicherheitsvorkehrungen zu. Ob diese Zusagen den Kongress beruhigen, ist offen. In Washington wird zudem befürchtet, dass andere Staaten der Region wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei oder Ägypten ihre eigenen Programme ausbauen könnten.
Israel-Bedingung rückt wieder ins Zentrum
Mit Trumps neuer Forderung steht nun wieder die Frage einer saudisch-israelischen Annäherung im Mittelpunkt. Für Israel wäre eine offizielle Anerkennung durch Saudi-Arabien ein großer diplomatischer Erfolg. Zwar gibt es keine formellen Beziehungen, doch seit Jahren wird über verdeckte Sicherheitskontakte berichtet.
Dass Riad der von Trump verlangten Normalisierung kurzfristig zustimmt, gilt derzeit allerdings als wenig realistisch. Saudi-Arabien hatte Israel bereits 2002 Frieden in Aussicht gestellt, diesen aber an Bedingungen wie einen unabhängigen Palästinenserstaat und einen Rückzug aus den seit 1967 besetzten Gebieten geknüpft. Seit dem Gaza-Krieg ab Oktober 2023 und weiteren israelischen Militäreinsätzen in der Region ist ein solcher Schritt politisch noch schwieriger geworden.
Hinzu kommt, dass eine Anerkennung Israels in weiten Teilen der arabischen Welt äußerst unpopulär ist. Gerade deshalb wirkt Trumps neue Verknüpfung wie ein riskanter Schachzug: Sie könnte entweder den Druck auf Riad erhöhen oder dem Deal am Ende selbst den Weg versperren.
Beobachter halten es für möglich, dass Trump die Bedingung erst nachträglich aufnahm – entweder, um Netanjahu entgegenzukommen, oder um die Chancen des Abkommens im US-Kongress zu verbessern. Sicher ist vorerst nur: Aus einem ohnehin umstrittenen Atomdeal ist binnen eines Tages ein noch unsichereres geopolitisches Projekt geworden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber