Politik

Heereschef drängt: Baltikum jetzt schneller schützen

Geheime Reise ins Baltikum: Über 70 Generäle prüfen Krisenorte – und Heereschef Freuding warnt vor einer heiklen Lücke.

29.10.2026, 06:25 Uhr

Die Nato-Staaten treffen an ihrer Ostgrenze zusätzliche Vorbereitungen für den Fall eines militärischen Konflikts mit Russland im Baltikum. Verteidigungsstellungen werden ausgebaut, neue Drohnensysteme verlegt und Abläufe vorbereitet, damit Verbündete an der russischen Grenze im Ernstfall rasch Unterstützung erhalten. Nach Einschätzung der Heeresspitzen aus Deutschland und den Niederlanden muss das alles jedoch noch schneller gehen.

Seit Dienstag haben mehr als 70 Generale und ranghohe Offiziere aus beiden Ländern mögliche Krisenräume entlang der russischen Grenze besichtigt. Damit war nahezu die komplette aktuelle Führung der Landstreitkräfte Deutschlands und der Niederlande vor Ort. Die weitgehend vertraulich organisierte Reise gilt als außergewöhnlich und soll unterstreichen, wie ernst die europäischen Nato-Mitglieder ihre Beistandsverpflichtung nehmen.

Deutsche Panzerbrigade bereits in Litauen präsent

Der deutsche Heeresinspekteur Christian Freuding erklärte, man sei gemeinsam zu der Überzeugung gelangt, für einen möglichen sofortigen Einsatz deutlich schneller werden zu müssen. Nur durch tägliche Verbesserungen der eigenen Fähigkeiten könne man der Verantwortung gerecht werden.

Freuding besucht gemeinsam mit seinem niederländischen Kollegen Jan Swillens mögliche Einsatzgebiete in Estland, Lettland und Litauen. In Litauen ist Deutschland bereits mit der im Aufbau befindlichen Panzerbrigade 45 vertreten. Außerdem führt das Deutsch-Niederländische Corps seit Juli mögliche Nato-Landoperationen in Estland und Lettland.

Generalleutnant Freuding in Narva/Estland
Generalleutnant Christian Freuding an der Nato-Ostflanke mit der Grenze zu Russland. Quelle: Carsten Hoffmann/dpa

Damit ist das Baltikum für die deutschen Landstreitkräfte zu einem zentralen Verantwortungsraum geworden – auch wenn die Region vielen Menschen in Deutschland weniger vertraut ist als etwa Südeuropa. Im Krisenfall sollen deutsche Soldaten schnell und in großer Zahl dorthin verlegt werden können.

Sorge vor einem plötzlichen Angriff

Der Begriff "Fight Tonight" steht für Konzepte, mit denen auf einen überraschenden Angriff reagiert werden soll – also auf einen Vorstoß, den ein Gegner auch ohne lange erkennbare Vorbereitung beginnen könnte. Sicherheitsfachleute und Militärplaner beschäftigen sich mit der Frage, ob Russlands Präsident Wladimir Putin zu einem begrenzten Schlag gegen Nato-Gebiet greifen könnte, gerade weil russische Truppen in der Ukraine nur langsam vorankommen.

Freuding betonte, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf ein solches Szenario. Ganz unplausibel sei es aus wissenschaftlicher Sicht aber auch nicht. Diskutiert werde etwa, ob Putin sich damit ein Druckmittel gegenüber den Nato-Staaten verschaffen könnte – etwa mit dem Ziel, Unterstützung für die Ukraine im Gegenzug für ein Ende eines solchen Vorstoßes zu schwächen.

Zugleich wies Freuding darauf hin, dass russische Streitkräfte in der Region wohl zahlenmäßig überlegen wären. Umso wichtiger sei es, bestehende Defizite rasch anzugehen.

Wichtige Baustellen der Bündnisverteidigung

Zu den drängenden Aufgaben zählt aus seiner Sicht der Schutz vor Bedrohungen aus niedrigen Luftlagen, der Umgang mit elektronischer Kriegsführung und Störsignalen sowie der verstärkte Einsatz von Drohnen und anderen unbemannten Systemen. Hinzu komme der Bedarf an digitaler, KI-gestützter Kommunikation für die Führung der Truppe.

Ebenso notwendig sei es, Waffen und Ausrüstung bereits im Baltikum vorzuhalten, also logistisch vorzuverlegen. Außerdem müsse die Fähigkeit gestärkt werden, eine längere Bündnisverteidigung durchzuhalten.

Als besonders bedeutend gilt zudem das sogenannte indirekte Wirken mit weitreichenden Waffensystemen. Das Heer möchte künftig mit günstigeren Marschflugkörpern Ziele bis zu 1.500 Kilometer tief im gegnerischen Raum bekämpfen können – etwa Aufmarschgebiete und Nachschublinien. Es gilt als wahrscheinlich, dass dafür sowohl Systeme aus der Ukraine als auch Produkte aus deutscher Fertigung in Betracht kommen.

Freuding sprach dazu allerdings nur von einer intensiveren Marktprüfung. Entscheidend sei vor allem, dass neue Systeme rasch in die Truppe eingeführt werden könnten. Ein Einsatznachweis unter realen Kampfbedingungen, wie in der Ukraine, könne zusätzlich eine Rolle spielen.

Ausbau der "Baltic Defense Line"

Estland, Lettland und Litauen bauen entlang der Nato-Ostflanke ihre militärische Infrastruktur bereits massiv aus. Zur sogenannten Baltic Defense Line zählen Sperranlagen, Kommunikationsverbindungen und die Stationierung von Drohnensystemen für Angriff, Abwehr und Aufklärung.

Ein möglicher Krisenort ist die estnische Grenzstadt Narva. Von den rund 52.000 Einwohnern sind etwa 87 Prozent russischstämmig. Trotz dieser Zusammensetzung kam es dort bislang nicht zu Spannungen.

Gräben, Bunker und strenge Geheimhaltung

Unmittelbar an der Grenze zu Russland entstehen bereits Schützengräben und neue Bunkeranlagen. Die deutschen und niederländischen Generale erhielten dazu sowie zu weiteren Verteidigungsvorbereitungen umfassende Lageberichte.

Dabei geht es einerseits um "Tiefe" – also um die Frage, wie gegnerische Bereitstellungsräume und Depots getroffen werden können. Andererseits spielt die "Nähe" eine Rolle: der Kampf im direkten Kontakt mit dem Feind, die Sicherung eigener Nachschubwege und die Kommunikationsfähigkeit unter Gefechtsbedingungen.

Berücksichtigt werden außerdem Gelände und Jahreszeit, weil beide Faktoren Angriff und Verteidigung stark beeinflussen können. Konkrete Einzelheiten bleiben aus Sicherheitsgründen geheim. Auffällig war vor Ort nur ein ungewöhnliches Detail: Die estnischen Streitkräfte spielten laut Musik der deutschen Band Rammstein über Lautsprecher ab. Die Geräuschkulisse sollte offenbar verhindern, dass russische Kräfte mithören können – deren Posten nur etwas mehr als 100 Meter entfernt vermutet werden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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