Kultur

Halloween in Ägypten: Grusel um den Grusel?

Halloween in Ägypten? Was für Kinder harmloser Gruselspaß ist, entfacht dort plötzlich Streit über Kultur und Identität.

29.10.2026, 06:00 Uhr

Halloween gewinnt in Ägypten und am Golf an Bedeutung – bleibt aber heftig umstritten

Mumien gehören in Ägypten seit jeher zur eigenen Geschichte. Vampire, Werwölfe oder Horror-Clowns, wie sie vielerorts zu Halloween üblich sind, spielten dort dagegen lange kaum eine Rolle. Erst seit einigen Jahren gewinnt das Gruselfest in Ägypten und auch in Teilen der Golfregion an Zuspruch. In wohlhabenderen Vierteln Kairos tauchen inzwischen Skelette und grinsende Kürbisköpfe auf, Erwachsene feiern Motto-Partys, Kinder freuen sich über Süßigkeiten.

Unumstritten ist das jedoch nicht. Viele Menschen betrachten Halloween als importierten Brauch, der weder zur ägyptischen Kultur noch zum Islam passe, zu dem sich rund 90 Prozent der Bevölkerung bekennen. An mehreren internationalen Schulen wurde Halloween, das in vielen Ländern an diesem Samstag gefeiert wird, auf staatliche Anweisung hin gestrichen. Daraus ist eine breitere Debatte entstanden: über Kultur, nationale Identität und darüber, ob Kinder verkleidet von Haus zu Haus ziehen sollten.

Woher kommt Halloween – und gibt es im arabischen Raum ähnliche Bräuche?

Halloween geht auf Irland und alte keltische Vorstellungen zurück, nach denen Tote für eine Nacht aus dem Jenseits in die Welt der Lebenden zurückkehren. Durch irische Auswanderer gelangte das Fest in die USA und später von dort wieder nach Europa und in andere Regionen. Popkultur und Kommerz haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Halloween heute in vielen Ländern gefeiert wird.

Ein direktes Gegenstück dazu gibt es in Ägypten nicht. In manchen ländlichen Gegenden besuchen Familien während muslimischer Eid-Feiertage die Gräber verstorbener Angehöriger, was als eine Art Wiederbegegnung verstanden wird. Auch im Ramadan ziehen Kinder mancherorts von Tür zu Tür, um kleine Gaben oder Süßigkeiten zu erbitten. Mit Verkleidungen oder Gruselelementen hat das jedoch nichts zu tun.

Wie steht der Islam zu Halloween?

Das ägyptische Dar al-Ifta, eine einflussreiche Institution für islamische Rechtsfragen, erklärte bereits 2017, Halloween gehöre nicht zum islamischen Erbe und sei lediglich ein Trend, dem Muslime nicht folgen sollten. Damals wurde auch davor gewarnt, Bräuche zu übernehmen, die Gewalt förderten und Mitgefühl zwischen Kindern und Erwachsenen schwächen könnten.

Solche religiösen Bewertungen sind jedoch nicht festgeschrieben. Der Valentinstag etwa, der in vielen muslimischen Gesellschaften ebenfalls an Popularität gewonnen hat, wird inzwischen von manchen Gelehrten deutlich toleranter bewertet. Das Dar al-Ifta stuft ihn heute eher als gesellschaftlichen Anlass ein.

Auch Saudi-Arabien zeigt, wie stark sich Einstellungen ändern können. Obwohl sich das Königreich als religiöses Zentrum der muslimischen Welt versteht, organisiert der Staat mittlerweile Halloween-Paraden, die früher strikt verboten waren. Vor allem junge Saudis ziehen dann mit Kobold-Masken oder als blutverschmierte Schlächter durch Riad. Auch in Dubai ist Halloween inzwischen fester Teil des Veranstaltungskalenders.

Warum stehen internationale Schulen in Ägypten besonders im Fokus?

Internationale Schulen feiern Halloween oft anders als staatliche oder religiöse Einrichtungen, die von der Mehrheit der ägyptischen Kinder besucht werden. Die Regierung verfolgt derzeit einen Kurs, der nationale Identität und mehr arabische Sprache, Geschichte sowie islamische Inhalte stärker betonen soll. Zugleich wurden "nicht-ägyptische Kulturfeste" untersagt – darunter Halloween und auch Thanksgiving.

Bildungsminister Mohamed Abdel Latif verteidigte diese Linie mit dem Hinweis, Kinder sollten keine Feste feiern, die nichts mit der eigenen Gesellschaft zu tun hätten. Künftig sollen an Schulen nur noch offiziell anerkannte nationale und religiöse Feiertage begangen werden. Traditionalistische Stimmen werten das als Erfolg gegen eine aus ihrer Sicht drohende "kulturelle Kolonisierung".

Wie reagieren Schulen und Eltern?

An manchen Schulen ist die Enttäuschung groß. Bill Kralovec, Leiter der American International School in Kairo mit mehr als 2.000 Schülerinnen und Schülern, betont, Halloween sei dort immer eine der wichtigsten Veranstaltungen für die Schulgemeinschaft gewesen. Nun sei die Feier abgesagt worden – obwohl die Kinder regelrecht darauf hingefiebert hätten. Eine Mutter erzählte, ihr Sohn habe sogar gefragt, ob er für "Trick or Treat" nach Kanada fliegen könne, wo ein Teil seiner Familie lebt.

Viele Eltern sehen internationale Schulen gerade als Orte, an denen Kinder Offenheit und Vielfalt lernen sollen. Die bekannte Anwältin Nihad Abdel Kumsan sagt, man schicke seine Kinder dorthin, damit sie zu international geprägten Menschen würden, die anderen Kulturen offen begegnen. Andere Eltern sprechen von einem deutlichen Spannungsfeld zwischen staatlichen Vorgaben und dem Wunsch nach internationaler Orientierung. Kralovec betont, man akzeptiere staatliche Regeln zu Lehrplänen und Feiertagen, wolle aber den internationalen Charakter der Schule bewahren.

Ist "Süßes oder Saures" in Ägypten erlaubt?

Für die meisten Familien in Ägypten spielt Halloween nach wie vor nur eine kleine Rolle. Deshalb ist auch das klassische Umherziehen von Haus zu Haus wenig verbreitet. Teilweise wurden öffentliche Halloween-Aktivitäten sogar ausdrücklich untersagt. Eine große internationale Schule in Kairo informierte, dass in diesem Jahr Kostüme im öffentlichen Raum und größere Halloween-Treffen verboten seien. Die Polizei werde diese Regeln streng durchsetzen. Wer eine private Feier besuche, solle sein Kostüm erst dort anziehen.

Kralovec will zumindest im kleinen Rahmen zu Hause eine Kerze anzünden und Süßigkeiten bereithalten, falls Kinder klingeln. Für ihn gehört Halloween zu den kulturellen Exporten der USA, die weltweit Anklang gefunden haben. Seiner Ansicht nach lässt sich kaum verhindern, dass Menschen das Fest trotzdem feiern.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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