Nach dem beispiellosen Ansturm von Migranten kehrt in Ceuta allmählich wieder Alltag ein. Geschäfte, Cafés und Restaurants, die wegen der chaotischen Szenen tagelang aus Angst geschlossen waren, haben wieder geöffnet. Auf den Straßen sind wieder viele Bewohner mit Einkaufstaschen unterwegs, an den Stränden spielen Familien mit Kindern, wie der staatliche Sender RTVE berichtete.
Politisch ist die Krise damit aber keineswegs beendet. In Spanien und in der Europäischen Union dürfte die Debatte über Ursachen und Folgen der Ereignisse mit Dutzenden Todesopfern noch lange nachwirken.
EU-Innenminister beraten am Dienstag
In der EU verschärft sich der Streit über den Schutz der Außengrenzen. Bundesaußenminister Johann Wadephul sagte der Bild am Sonntag, er erwarte von der EU-Kommission, dem Schutz der Außengrenzen „absolute Priorität“ einzuräumen, damit das Schengen-System mit offenen Binnengrenzen nicht weiter unter Druck gerät.
Wadephul sprach mit Blick auf Ceuta von einer Offenlegung der „Verwundbarkeit Europas“ und bezeichnete die Ereignisse als ernsten Belastungstest, den Europa bestanden habe. Zugleich hob der CDU-Politiker hervor, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Staaten außerhalb der EU sei. Um irreguläre Migration einzudämmen, brauche Europa Partner wie Marokko. Positiv sei, dass Spanien und Marokko die Lage aus seiner Sicht zügig gemeinsam entschärft hätten.
Die EU-Innenminister wollen am Dienstag in einer Videokonferenz über die Krise beraten. Das Treffen dürfte auch dazu dienen, Spannungen zwischen den Mitgliedstaaten anzusprechen. Italien und Dänemark initiierten einen offenen Brief, in dem Madrid indirekt vorgeworfen wird, mit jüngsten migrationspolitischen Entscheidungen unerwünschte Signale gesetzt zu haben. 22 der 27 Staats- und Regierungschefs unterschrieben das Schreiben, darunter auch Bundeskanzler Friedrich Merz.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez kritisierte die Reaktion mehrerer EU-Partner scharf. In einem Schreiben an die EU-Spitze warf er ihnen vor, von Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen geleitet zu sein. Zugleich betonte er, dass Ceuta nicht zum Schengen-Raum gehört und Migranten von dort nicht ohne Weiteres in andere EU-Staaten weiterreisen können.
EU-Kommissar Magnus Brunner sagte Spanien unterdessen Unterstützung der Europäischen Union zu. Wenn die Außengrenzen unter Druck gerieten, müsse Europas Antwort entschlossen, schnell und geschlossen ausfallen, schrieb er auf X. Solidarität sei dabei entscheidend.
Auch der neue britische Premierminister Andy Burnham bot Spanien Hilfe an. Nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA sagte er Sánchez jede mögliche Unterstützung zu.
Alltag kehrt zurück – Streit über Zahl der Verbliebenen
Nach Angaben der spanischen Regierung sind die meisten der rund 50.000 bis 60.000 Menschen, die nach verschiedenen Schätzungen vor allem am Mittwoch und Donnerstag aus Marokko in die Exklave gelangt waren, inzwischen wieder zurückgekehrt. In Ceuta patrouillieren jedoch weiter 3.000 zusätzlich entsandte Sicherheitskräfte. Sie sollen dort nach Angaben des Innenministeriums „so lange wie nötig“ bleiben.
RTVE berichtete, in Ceuta hielten sich noch einige hundert Neuankömmlinge auf. Neue Versuche, über das Meer in die Exklave zu gelangen, seien derzeit nicht zu beobachten. Fernsehbilder zeigten zuletzt eine ruhige Lage an der Küste.
Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas widersprach allerdings der Darstellung, die Lage habe sich bereits normalisiert. Er sprach davon, dass noch „Tausende“ Migranten in der Exklave geblieben seien. Vivas gehört der konservativen Volkspartei PP an, deren Chef Alberto Núñez Feijóo der linken Zentralregierung die alleinige Verantwortung für den Ansturm gibt und von einer „Invasion“ spricht.
Einige Migranten verstecken sich weiter
Nach Berichten von RTVE halten sich einige Ankömmlinge weiterhin versteckt – in Seitenstraßen und Parks, zwischen Häusern, auf Hügeln oder sogar unter Treppen. Bewohner der Exklave sagten dem Sender, viele Marokkaner blieben zwar noch verborgen, kehrten aber nach und nach zurück.
Der Sender sprach auch mit Menschen, die nicht zurückwollen. Einer von ihnen ist der 20-jährige Humad. Er sagt, er suche in Ceuta ein besseres Leben. In Marokko habe er nur seine Mutter und seinen kleinen Bruder, der krank sei und Insulin brauche. Sein 17-jähriger Freund Hachim träume davon, als Fußballer den Sprung zum FC Barcelona zu schaffen.
Ein anderer Freund der beiden, Mohamed, habe diesen Versuch nicht überlebt. Der 19-Jährige sei wenige Meter vor der Küste ertrunken, berichtete Humad. Er habe noch versucht zu helfen, doch Mohamed sei zu weit weg gewesen.
Suche nach weiteren Toten dauert an
Die Behörden suchen weiter im Meer vor Ceuta nach weiteren Opfern. Inzwischen wurden mindestens 72 Tote geborgen. Zuvor waren offiziell 67 Todesopfer bestätigt worden. Nach Einschätzung der Polizei könnten noch weitere Leichen im Wasser liegen. Die Zeitung El País zitierte einen Beamten mit den Worten: „Es gibt mehr Tote im Meer.“
Die meisten Opfer kamen den Behörden zufolge ums Leben, als sie versuchten, schwimmend von der marokkanischen Küstenstadt Fnideq aus nach Ceuta zu gelangen. Auf Bildern waren zahlreiche Schwimmhilfen und Autoreifen zu sehen, mit denen Menschen die Überfahrt wagten. Andere gelangten über die Grenzzäune in die Exklave.
Laut El País bereiten die Behörden in Ceuta vorsorglich eine Einrichtung vor, in der bis zu 200 Leichen aufgebahrt werden könnten.
Schwimmende Barriere soll Lücke auf dem Meer schließen
Zwischen der marokkanischen Küste und dem Strand Tarajal in Ceuta wurde inzwischen eine rund 500 Meter lange aufblasbare orangefarbene Barriere errichtet. Sie ragt je nach Wellengang etwa 30 bis 70 Zentimeter aus dem Wasser und reicht bis zu einem Meter in die Tiefe. Die Sperre soll verhindern, dass Migranten schwimmend in die Exklave gelangen. Im Kern ist sie eine Verlängerung der Grenzanlagen an Land ins Meer hinein.
Zusätzlich installieren Arbeiter eine Bojenkette. Nach Angaben des Innenministeriums und der Guardia Civil soll die Überwachung und Kontrolle dieses Küstenabschnitts dadurch verbessert werden.
Mit der neuen Sperre will Madrid auch eine rechtliche und praktische Lücke schließen, die nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofs gesehen wird. Das Gericht hatte Anfang Juli entschieden, dass Menschen, die über einen unbefestigten Grenzabschnitt wie das Meer irregulär nach Spanien gelangen, Anspruch auf eine individuelle Prüfung ihres Asylbegehrens haben. Eine sofortige Zurückweisung ist demnach nur zulässig, wenn zuvor ein Zaun oder eine andere Grenzsperre überwunden wurde.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber