Trotz der zuletzt besonders schwachen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in internationalen Vergleichstests bescheinigt die OECD dem Bildungssystem in Deutschland Fortschritte. In einzelnen Bereichen gehört Deutschland im Vergleich der Mitgliedstaaten sogar zur Spitzengruppe. Das geht aus dem Bericht „Bildung auf einen Blick 2026“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hervor.
Die neue Studie zeigt damit ein widersprüchliches Bild: Während die Rahmenbedingungen in mehreren Bereichen besser geworden sind, bleiben die Lernergebnisse schwach. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) folgert daraus: „Wir sind nicht effektiv.“ Sie bekräftigte ihre Reformpläne und fordert vor allem mehr frühe Förderung, besseren Unterricht und Lesen als oberste Priorität.
Anfang September hatten die Ergebnisse von Pisa 2025 für Aufsehen gesorgt. Bei den in Deutschland getesteten 15-Jährigen wurden in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte seit Beginn der Pisa-Erhebungen gemessen. Die jetzige OECD-Studie untersucht allerdings nicht die Testleistungen selbst, sondern die Bedingungen, unter denen Bildung in Deutschland stattfindet.
Deutschland in mehreren Bereichen vorne
Nach OECD-Angaben liegt Deutschland in mehreren Feldern über dem Durchschnitt oder sogar an der Spitze:
- 34 Prozent der Studienabgängerinnen und -abgänger mit Abitur oder Fachabitur schließen ein MINT-Fach wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik ab. Das ist der höchste Anteil innerhalb der OECD.
- 41 Prozent der 25- bis 34-Jährigen verfügen inzwischen über einen Hochschulabschluss oder einen höheren beruflichen Abschluss. Das sind elf Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren.
- 96 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen besuchen in Deutschland eine Kita oder einen Kindergarten. Im OECD-Durchschnitt sind es 90 Prozent.
- Statistisch kommt in Deutschland auf eine Fachkraft in der frühkindlichen Bildung 7,5 Kinder, im OECD-Schnitt sind es 9,4.
Viel Geld, aber aus Sicht Priens zu wenig Wirkung
Deutschland gibt im internationalen Vergleich viel Geld für Bildung aus. Laut OECD fließen vom Kindergarten bis zur Hochschule jährlich 16.430 US-Dollar pro Kind, Schüler oder Studierenden in Bildungseinrichtungen – umgerechnet rund 14.480 Euro. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 14.861 Dollar.
Gemessen an der Wirtschaftsleistung ist der Anteil der Bildungsausgaben allerdings niedriger: In Deutschland liegt er bei 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, im OECD-Mittel bei 4,7 Prozent.
Prien sagte in Berlin, die Zahlen zeigten, dass Deutschland in vielen Bereichen „gut vorangekommen“ sei. Zugleich mahnte sie, das aktuelle „Zeitfenster“ für Reformen zu nutzen, solange der Pisa-Schock noch nachwirke.
Frühkindliche Bildung soll stärker auf Schule vorbereiten
Die Ministerin setzt besonders auf die frühe Förderung. Zwar nannte sie die hohe Betreuungsquote bei Drei- bis Fünfjährigen einen „rasanten Fortschritt“, zugleich räumte sie ein, dass die Kompetenzvermittlung in vielen Kitas noch nicht ausreichend gelinge.
Mit einem neuen Kita-Gesetz plant Prien unter anderem Sprachtests für alle Vierjährigen. Wo Förderbedarf festgestellt wird, soll gezielt unterstützt werden. Außerdem will sie mehr Mittel in die frühe Bildung lenken – vor allem in Stadtteilen, in denen viele Kinder mit schlechteren Startchancen aufwachsen.
Debatte über Leistung und Förderung
Prien wirbt seit längerem dafür, im Schulsystem wieder stärker auf Leistung zu setzen. Sie sagte, Schülerinnen und Schülern müsse mehr zugetraut werden. Gleichzeitig müssten Eltern, Lehrkräfte und das Umfeld sie besser dabei unterstützen, sich zu verbessern.
Diese Linie ist umstritten. Die Bundesschülerkonferenz hatte bereits nach den Pisa-Ergebnissen gewarnt, noch mehr Leistungsdruck sei die falsche Antwort.
OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher unterstützt dagegen Priens Kurs. Aus seiner Sicht ist der Leistungsanspruch in Deutschland tatsächlich ein Problem. Er verwies darauf, dass Schülerinnen und Schüler teilweise gute Noten erhielten, obwohl ihre Leistungen in Pisa nur mittelmäßig ausfielen. Seine Schlussfolgerung: mehr fordern und zugleich mehr fördern – durch Lehrkräfte, Eltern und ein unterstützendes gesellschaftliches Umfeld.
Lehrkräftemangel bleibt ein zentrales Problem
Ein Schwerpunkt der OECD-Studie bleibt der Mangel an Lehrkräften, der viele Länder betrifft. Für Deutschland fallen dabei zwei Werte besonders auf:
- 55 Prozent der Kinder und Jugendlichen lernen an Schulen, deren Leitung angibt, dass Lehrermangel den Lernerfolg beeinträchtigt.
- 18,6 Prozent der Lehrkräfte verfügen über eine nicht passende oder noch nicht abgeschlossene Ausbildung – ein im internationalen Vergleich hoher Anteil.
Schleicher betonte außerdem, dass viele ausgebildete Lehrkräfte den Beruf wieder verließen. Fast die Hälfte arbeite nicht mehr an Schulen.
Als Gegenmaßnahmen schlug er eine gezieltere Auswahl von Studierenden für das Lehramtsstudium sowie eine andere Organisation des Schulalltags vor. Lehrkräfte sollten Aufgaben wie Unterrichtsvorbereitung oder individuelle Förderung stärker im Team an der Schule erledigen – statt allein zu Hause. Das könne auch die Zufriedenheit im Beruf erhöhen.
Merz würdigt Lehrkräfte
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hob Lehrkräfte bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises als „die wichtigste Berufsgruppe unseres Landes“ hervor. Man vertraue ihnen das Wertvollste an, sagte Merz: die Kinder.
Die OECD-Zahlen machen jedoch zugleich deutlich, unter welchem Druck viele Schulen stehen – zwischen hohen Erwartungen, Personalmangel und der Aufgabe, bessere Lernergebnisse zu erreichen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber