Rassistische Krawalle in Belfast: Häuser, Autos und auch ein Bus brennen
In der Nacht zum Mittwoch haben rassistisch motivierte Ausschreitungen in Belfast Angst und Verwüstung hinterlassen. In mehreren Stadtteilen wurden Autos und Häuser angezündet, Fensterscheiben eingeschlagen und Wurfgeschosse eingesetzt. Augenzeugen berichteten zudem von islamfeindlichen Parolen; immer wieder sollen Rufe wie „Ausländer raus!“ zu hören gewesen sein.
Auslöser der Gewalt war ein brutaler Messerangriff vom Montagabend. Ein Flüchtling aus dem Sudan wurde deshalb wegen versuchten Mordes angeklagt. Das Opfer erlitt schwere Verletzungen unter anderem am Rücken, im Gesicht und an den Augen. Obwohl Polizei und Politiker schon im Vorfeld vor möglichen Unruhen gewarnt und zur Besonnenheit aufgerufen hatten, eskalierte die Lage.
Vor allem junge Männer zogen laut Berichten durch die Stadt, setzten mehrere Fahrzeuge in Brand und richteten erhebliche Schäden an. Aus brennenden Wohnhäusern mussten Bewohner in Sicherheit gebracht werden. Betroffen waren auch Geschäfte, darunter ein türkischer Friseursalon. Auf der Fassade einer Imbissbude wurde ein islamfeindlicher Schriftzug entdeckt. Nach Angaben der Polizei wurden zwei Beamte verletzt. Auch ein Bus wurde in Brand gesetzt. Zudem kam es bereits zu ersten Festnahmen und Anklagen.
Die Ausschreitungen reihen sich in eine Serie ähnlicher Krawalle in Großbritannien ein. Erst vor wenigen Tagen war es im Zusammenhang mit dem Mord an dem Studenten Henry Nowak in Southampton zu Unruhen gekommen. Die Sorge vor einem neuen Krawallsommer wächst damit weiter.
Brutales Video trotz Warnungen vielfach geteilt
Premierminister Keir Starmer verurteilte die Vorgänge in Belfast scharf. Auf X sprach er von schockierenden und völlig inakzeptablen Szenen. Menschen seien allein wegen ihrer Herkunft angegriffen worden, das werde er nicht dulden. Nordirlands Regierungschefin Michelle O’Neill nannte die Taten „widerwärtige Feigheit“ und warf maskierten Männern vor, Familien aus ihren Häusern vertrieben zu haben.
Zusätzliche Empörung löste ein Video des Messerangriffs aus, das sich trotz ausdrücklicher Warnungen der Polizei massenhaft in sozialen Netzwerken verbreitete. Darauf ist zu sehen, wie ein Angreifer auf einem blutüberströmten Mann sitzt und mit einem Messer auf ihn einsticht. Erst nach einiger Zeit nähern sich mehrere Männer und versuchen, Täter und Opfer voneinander zu trennen.
Bewohner schildern Angst und Verzweiflung
Am Morgen nach den Krawallen war es Medienberichten zufolge zunächst ruhiger, doch zurück blieben verwüstete Straßen, zerstörte Häuser und große Unsicherheit. In sozialen Netzwerken kursieren bereits neue Aufrufe zu Protesten, weshalb viele Menschen weitere Gewalt befürchten.
Das nordirische Verkehrsunternehmen Translink kündigte an, Bus- und Zugverbindungen am Abend einstellen zu wollen. Gleichzeitig zeigte die Polizei verstärkt Präsenz in der Stadt. Die Familie des schwer verletzten Messeropfers rief britischen Medien zufolge dazu auf, die „schreckliche Tragödie“ nicht für weitere Feindseligkeiten zu missbrauchen.
Ein Mann mit Migrationshintergrund, der seit 2013 in Belfast lebt, sagte der Nachrichtenagentur PA, seine drei Kinder hätten während der Ausschreitungen große Angst gehabt. Er wisse nicht, was er tun solle, und frage sich, ob er als Nächster ins Visier geraten könnte.
Ein anderer Bewohner berichtete, sein Haus sei von oben bis unten komplett zerstört worden. Er wisse nicht einmal, wo er mit dem Aufräumen anfangen solle.
Nordirlands Polizeichef Jon Boutcher bezeichnete die Täter im BBC-Interview als „hirnlose Idioten“, die mit ihrem Verhalten nur ihre eigene Zukunft ruinierten. Einsatzkräfte hätten in der Nacht zahlreiche Familien in Sicherheit gebracht, darunter auch ein erst zwei Monate altes Baby.
Soziale Medien als Brandbeschleuniger
Rechtsextreme und rassistische Krawalle sind in Großbritannien seit Jahren ein Problem. Eine wichtige Rolle spielen dabei immer wieder soziale Medien. Die Labour-Abgeordnete Anna Turley sagte Times Radio, häufig würden gezielt Menschen die Stimmung anheizen, die weit entfernt säßen. Hass lasse sich online besonders leicht schüren.
Auch US-Techmilliardär Elon Musk teilte vor den Protesten zahlreiche Beiträge zu dem Messerangriff und rief unter anderem dazu auf, an Demonstrationen teilzunehmen. Nordirlands Justizministerin Naomi Long mahnte nach den Ausschreitungen, Hetzer im Netz sollten sich nun besser von ihren Tastaturen fernhalten.
Bereits in der vergangenen Woche war es in Southampton im Süden Englands am Rand eines Protests zu Krawallen gekommen. Auslöser war die Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen, die einen schweren Polizeifehler nach der tödlichen Messerattacke eines Mannes aus der Sikh-Gemeinschaft auf den Studenten Henry Nowak zeigten.
Damals wie auch jetzt folgten viele Menschen einem Protestaufruf des Rechtsextremen Tommy Robinson, der mit bürgerlichem Namen Stephen Yaxley-Lennon heißt. Er zählt zu den bekanntesten Figuren der britischen extremen Rechten und ist mehrfach vorbestraft.
Schon 2024 spielte Robinson eine zentrale Rolle, als England und Nordirland über Wochen von rassistisch motivierten Unruhen erschüttert wurden. Anlass war damals der Mord an drei Mädchen im nordenglischen Southport. Zunächst kursierten Gerüchte, der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber. Tatsächlich handelte es sich jedoch um einen in Großbritannien geborenen Mann mit Wurzeln in Ruanda.
Nordirlands besondere Vorgeschichte
In Nordirland fallen solche Gewaltausbrüche zudem auf einen historischen Nährboden. Über rund drei Jahrzehnte standen sich im Bürgerkrieg, den sogenannten „Troubles“, meist katholische Befürworter einer Vereinigung mit Irland und überwiegend protestantische Anhänger der Union mit Großbritannien sowie Polizei und britische Armee gegenüber.
Zwar endeten die „Troubles“ 1998 mit dem Karfreitagsabkommen, doch Segregation, territoriales Denken, paramilitärische Reststrukturen und tiefes Misstrauen gegenüber der Polizei wirken vielerorts bis heute nach.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion