Nach dem Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle laufen die Ermittlungen mit hoher Intensität weiter. Viele Fragen sind weiterhin offen. Neu ist jedoch, dass nun der Generalbundesanwalt die Federführung übernommen hat. Aus den Ländern kommen zugleich neue Forderungen nach einem besseren Schutz der Flughäfen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einer „neuen Gefahrenqualität“ und einem „hybriden Anschlagsszenario“.
Mitarbeiter hatte bei Entdeckung großes Glück
Inzwischen ist klarer, wie die Drohne in der Nacht zum Mittwoch gestoppt wurde: Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen bemerkte ein Mitarbeiter des Flughafens das Fluggerät auf der Südpiste und brachte es mit einem Fußtritt aus der Luft zu Boden. Der Mann hatte dabei offenbar großes Glück, denn die Drohne war mit einer Sprengvorrichtung versehen.
Nach Angaben des sächsischen Landeskriminalamts befand sich die Drohne in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung samt Zünder.
Bestätigt ist inzwischen auch, dass für den Sprengsatz Semtex und PETN verwendet wurden. Semtex ist ein Plastiksprengstoff, der zwar auch bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt wird, aber auch aus schweren Terroranschlägen bekannt ist. Unter anderem wurde er 1988 beim Lockerbie-Anschlag verwendet.
Spekulationen über ukrainische Flugzeuge zurückgewiesen
Spekulationen, wonach die ukrainischen Transportmaschinen Munition geladen haben könnten, wurden zurückgewiesen. Nach Angaben der Mitteldeutschen Flughafen AG waren die betroffenen Antonow-Flugzeuge zum Zeitpunkt des Vorfalls leer und ohne Fracht.
Zweites Flugobjekt kollidierte wohl mit DHL-Maschine
Neben der Drohne gab es nach Angaben des Landeskriminalamts ein mutmaßlich zweites unbekanntes Flugobjekt. Dieses soll mit einem DHL-Frachtflugzeug kollidiert sein, das wegen der zunächst gesperrten Landebahn wieder durchstarten musste. Nach der späteren Landung in Hannover wurden an der Maschine leichte Schäden festgestellt.
Die Suche nach diesem zweiten Objekt sollte am Donnerstag fortgesetzt werden. Ob die Polizei rund um die Nordpiste gezielt danach sucht, bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden zunächst nicht. Beobachtern zufolge waren dort am Donnerstag jedoch etwa 20 Polizeifahrzeuge im Einsatz.
Flugverkehr läuft wieder über die Südpiste
Der Flugverkehr auf der nördlichen Landebahn des Airports blieb am Donnerstag weitgehend eingeschränkt. Seit dem Morgen starteten und landeten Flugzeuge nach Beobachtungen vor Ort jedoch wieder über die Südpiste, die nach dem Fund der Drohne zunächst gesperrt worden war.
Bundesanwaltschaft spricht von schwerwiegendem Angriff
Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat die Ermittlungen wegen der Bedeutung des Falls übernommen. Nach ihrer Einschätzung handelt es sich um einen „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland“. Die Tat sei geeignet, die äußere und innere Sicherheit der Bundesrepublik zu beeinträchtigen.
Auch beim Bundesamt für Verfassungsschutz beschäftigt sich inzwischen eine Sondereinheit mit dem Vorfall. Nach Behördenangaben stimmen sich Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt, Bundespolizei und die Sicherheitsbehörden der Länder im Gemeinsamen Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen (GAZ-Hybrid) ab.
Experte sieht neue Dimension für kritische Infrastruktur
Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke sprach von einer neuen Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr nur um das Risiko einer Kollision oder um Schäden durch die Drohne selbst. Durch eine Sprengvorrichtung steige das Gefahrenpotenzial erheblich.
Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestätigen, zeige der Vorfall nach Frickes Einschätzung auch, dass Deutschland bei der Entdeckung sehr kleiner Flugobjekte an sensiblen Anlagen noch nicht ausreichend aufgestellt sei – sowohl technisch als auch bei der schnellen Einführung vorhandener Systeme.
Mehr Drohnensichtungen an deutschen Flughäfen
Die Zahl der Drohnensichtungen an deutschen Flughäfen ist im ersten Halbjahr 2026 deutlich gestiegen. Nach Zahlen der Deutschen Flugsicherung wurden an den 15 internationalen Verkehrsflughäfen bundesweit 166 Vorfälle gemeldet. Die meisten Sichtungen gab es am BER (28) und in Frankfurt am Main (27). In Leipzig/Halle wurden 18 unerlaubte Fluggeräte registriert.
Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) betonte allerdings, dass es sich in vielen Fällen sonst um unsachgemäße Nutzung durch private Drohnenpiloten handle. „Das war es diesmal nicht.“
Länder fordern besseren Schutz der Flughäfen
Aus den Ländern kamen erneut Forderungen nach einem besseren Schutz der Flughäfen und nach klareren Zuständigkeiten. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) drängte auf eine schnelle Festlegung, welche Behörden in solchen Lagen wann handeln dürfen und müssen. Länderpolizeien, Bundespolizei, Luftverkehrsbehörden und Bundeswehr müssten hier eindeutige Abläufe haben.
Mehrere Innenminister forderten zudem mehr Befugnisse für Betreiber kritischer Infrastruktur. Bereits zuvor hatte auch der Flughafenverband ADV auf Lücken bei der Erkennung und Abwehr von Drohnen hingewiesen.
Grüne verlangen Beratungen im Nationalen Sicherheitsrat
Die Grünen im Bundestag forderten nach dem Vorfall eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates. Fraktionschefin Katharina Dröge sagte, das Gremium müsse umgehend über die Lage und die notwendigen Konsequenzen beraten. Aus ihrer Sicht sollten dabei auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eingebunden werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber