Sachsen

Nato warnt: Drohne gefährlich nah am Flugzeug

Schock am Flughafen Leipzig: Neben einer Ukraine-Maschine taucht eine Drohne mit Sprengstoff auf – was steckt dahinter?

05.08.2026, 10:21 Uhr

Am Flughafen Leipzig/Halle ist nach einem nächtlichen Sicherheitsvorfall eine Drohne mit Sprengvorrichtung unschädlich gemacht worden. Spezialisten der Bundespolizei entschärften das Fluggerät, nachdem es gesichert und untersucht worden war. Aus Sicht von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) handelt es sich um einen Anschlagsversuch in Form eines „hybriden Anschlagsszenarios“.

Drohne auf der Südpiste entdeckt

Nach Angaben des sächsischen Landeskriminalamts fand ein Mitarbeiter des Flughafens die Drohne in der Nacht auf der Start- und Landebahn „Südpiste“. Aus Sicherheitskreisen hieß es, das Fluggerät habe sich in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor befunden.

Die Drohne wurde noch in derselben Nacht gesichert, geröntgt und anschließend von Spezialisten der Bundespolizei entschärft.

Dobrindt: „Neues Bedrohungsszenario“

Dobrindt bewertete den Vorfall am Abend vor Ort als „hybrides Anschlagsszenario“. Dass sich eine mit Sprengstoff bestückte Drohne auf einem Flughafengelände befinde, sei ein neues Bedrohungsszenario, sagte er. Für eine Lagebesprechung mit den Spitzen mehrerer Sicherheitsbehörden hatte der Minister nach eigenen Angaben seinen Urlaub unterbrochen.

Hybride Angriffe zielen in der Regel nicht auf offene Konfrontation, sondern auf Verunsicherung. Dabei können etwa Sabotage, wirtschaftlicher Druck, Desinformation oder andere verdeckte Mittel zusammenwirken.

Minister sieht professionelle Täter am Werk

Nach Einschätzung Dobrindts deutet der Fall auf ein professionell vorbereitetes Vorgehen hin. Für eine solche Tat brauche es technische Erfahrung und Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff. Das spreche nicht für amateurhaftes Handeln.

Der Minister sagte zudem, man müsse sich auf mögliche weitere Bedrohungsszenarien vorbereiten. Später erklärte er in den ARD-„Tagesthemen“, nach derzeitigem Erkenntnisstand müsse man davon ausgehen, dass es sich bei dem verwendeten Material um militärischen Sprengstoff handle.

Zugleich sagte Dobrindt, Deutschland habe es mit einem Wettbewerb zu tun, der möglicherweise auch fremde Mächte einschließe, die gezielt erhebliche Verunsicherung erzeugen wollten. Konkrete mutmaßliche Drahtzieher nannte er jedoch nicht.

Auch Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) äußerte im ZDF-„heute journal“, der Vorfall wirke nicht wie der Einsatz einer frei verfügbaren Hobbydrohne. Ein amateurhaftes Vorgehen könne man aus seiner Sicht klar ausschließen; daher sei auch ein Handeln durch Fremdmächte eine Möglichkeit.

Terrorismus- und Extremismus-Ermittler eingeschaltet

Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das beim LKA angesiedelte Polizeiliche Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum (PTAZ) haben die Ermittlungen übernommen. Eine politische Motivation wird weiterhin nicht ausgeschlossen.

Der sächsische Generalstaatsanwalt Wolfgang Schwürzer erklärte, wegen der möglichen Bedeutung für die Sicherheit einer kritischen Infrastruktur würden die Ermittlungen mit höchster Priorität geführt. Geprüft würden alle strafrechtlichen Hintergründe, ausdrücklich auch ein extremistisches oder terroristisches Motiv. Zugleich betonte er, es sei derzeit unseriös, sich auf eine bestimmte Motivation festzulegen.

Flugbetrieb in der Nacht vorübergehend gestoppt

Der Flughafen stellte den Flugbetrieb nach dem Fund der Drohne in der Nacht zunächst vollständig ein. Nach umfassenden Kontrollen konnte die Nordpiste noch in derselben Nacht wieder freigegeben werden. Die Südpiste sollte am Mittwoch ohnehin wegen Wartungsarbeiten nicht genutzt werden.

Nach Angaben der Ermittler bestand für Passagiere und Beschäftigte keine Gefahr für Leib und Leben. Auch der Passagierverkehr sei nicht beeinträchtigt worden.

Mögliches zweites Flugobjekt im Fokus

Nach Angaben des LKA könnte es zudem ein zweites unbekanntes Flugobjekt gegeben haben. Dieses soll mit einem Frachtflugzeug zusammengestoßen sein, nachdem die Maschine wegen der zuvor gesperrten Landebahn wieder durchstarten musste. Das Flugzeug landete anschließend in Hannover, wo leichte Schäden festgestellt wurden.

Schuster sagte, derzeit werde noch nach Teilen einer möglichen zweiten Drohne gesucht. Aus seiner Sicht handelt es sich um den ersten schweren Vorfall dieser Art. Die Gefahrenlage sei nicht mehr abstrakt, sondern hoch. Auch Dobrindt sprach von einer hohen Bedrohungslage.

Ermittler warnen vor voreiligen Spekulationen

Dobrindt mahnte, Spekulationen über die Art des Sprengstoffs, die Konstruktion der Drohne, ihre Herkunft oder mögliche Hintermänner müssten sehr vorsichtig behandelt werden. Man ermittle in alle Richtungen, und nicht jede öffentliche Vermutung müsse sich als zutreffend erweisen.

Bislang ist offen, ob das zunächst gesichtete Flugobjekt und die später am Boden entdeckte Drohne mit Sprengvorrichtung unmittelbar zusammenhängen. Der Leipziger Polizeisprecher Olaf Hoppe hatte betont, Unbefugte könnten nicht ohne Weiteres auf das Rollfeld gelangen. Daher liege der Schluss nahe, dass das Objekt aus der Luft auf den Boden gelangt sei.

Antonow seit Jahren mit Basis in Leipzig/Halle

Das ukrainische Luftfahrtunternehmen Antonow ist seit 2006 mit einer Wartungsbasis am Flughafen Leipzig/Halle vertreten. Wegen des russischen Angriffskriegs wurde die Flotte vollständig an den sächsischen Standort verlegt; dort sind derzeit sechs Maschinen stationiert. Zudem entsteht ein neuer Wartungshangar, der in der ersten Jahreshälfte 2027 fertig werden soll.

Oberbürgermeister warnt vor neuer Bedrohungslage

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sieht in dem Fall eine neue Qualität der Gefährdung. Eine mit einer Sprengvorrichtung bestückte Drohne mache unmissverständlich klar, dass die Sicherheit bedroht sei. Die Infrastruktur müsse besser geschützt werden. Bund und Länder müssten dafür auch finanziell deutlich mehr tun.

Erinnerung an Vorfall im DHL-Zentrum 2024

Der Flughafen Leipzig/Halle war bereits im Juli 2024 Schauplatz eines gravierenden Sicherheitsfalls. Damals geriet ein Paket mit einem Brandsatz noch am Boden im DHL-Logistikzentrum in Brand. Nach Darstellung des Bundesinnenministeriums entging Deutschland dabei nur knapp einem möglichen Flugzeugabsturz, weil der Brandsatz nicht erst während des Flugs Feuer fing.

Ob es einen Zusammenhang mit dem aktuellen Vorfall gibt, ist bislang nicht belegt.

Forderungen nach schneller Drohnenabwehr

Drohnen sorgen an deutschen Flughäfen immer wieder für Störungen des Betriebs. Nach ähnlichen Vorfällen, etwa in München, wurde bei der Bundespolizei ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern eingerichtet. Nach Angaben Dobrindts ist dieses Zentrum auch im aktuellen Fall aktiv.

Der Flughafenverband ADV forderte nach dem Leipziger Vorfall erneut schnelle Konsequenzen. Sicherheitsrelevante Einrichtungen wie Flughäfen müssten bestmöglich geschützt werden, erklärte Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Systeme zur Erkennung und Abwehr von Drohnen müssten nun rasch installiert und vollständig einsatzbereit gemacht werden.

Nach ADV-Angaben warten die Flughäfen Berlin, München, Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, Leipzig/Halle und Köln/Bonn noch auf die vom Bundesinnenministerium zugesagte Ausstattung.

Ukrainischer Botschafter äußert Verdacht

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, vermutet hinter dem Vorfall Russland. Einen Beleg dafür nannten die Ermittler bislang nicht. Makeiev sagte, er hoffe, dass die deutschen Behörden die Tatsachen nun klärten, fügte aber hinzu: Wer sonst könne dahinterstecken außer Russland?

Zugleich verwies er auf die umfangreichen Erfahrungen der Ukraine im Umgang mit Drohnen infolge des Krieges gegen Russland. Dieses Wissen stelle die Ukraine ihrem strategischen Partner Deutschland zur Verfügung.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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