Sachsen-Anhalt

Warum Grönemeyer jetzt in Sachsen-Anhalt anpackt

Kurz vor der Wahl kommt Grönemeyer nach Magdeburg – und stellt eine brisante Frage, die Deutschland seit der Einheit verdrängt.

25.08.2026, 06:30 Uhr

Herbert Grönemeyer, dessen Songs wie „Bochum“, „Mensch“ oder „Männer“ für viele längst Kultstatus haben, kommt kurz vor der Landtagswahl nach Magdeburg. Dort will er gemeinsam mit mehreren Chören aus Sachsen-Anhalt musizieren. Im Mittelpunkt soll jedoch nicht der tagespolitische Streit stehen, sondern vor allem das Miteinander.

Der 70-jährige Musiker engagiert sich dabei zusammen mit dem Verein Heimatbewegen und der Initiative „Gemeinsame Sache“. Sein Ziel ist es, Menschen wieder stärker miteinander ins Gespräch zu bringen. Für Grönemeyer ist gesellschaftlicher Zusammenhalt eine zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Schon bei seiner Rede zum Deutschen Nationalpreis hatte er betont, dass die Zivilgesellschaft nicht auf eine leitende Vater- oder Mutterfigur warten müsse: „Wir haben uns selbst.“

Grönemeyer sieht offene Fragen seit der Wiedervereinigung

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte Grönemeyer, Deutschland habe es nach der Wiedervereinigung versäumt, sich grundlegend mit der eigenen Identität zu beschäftigen. Aus seiner Sicht sei nie ausreichend gefragt worden, wer „wir“ eigentlich seien, was das Land verbinde und welche gemeinsamen Ziele es gebe.

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Einheit müsse man sich endlich gemeinsam fragen, was die Menschen in Deutschland zusammenhalte und wie sie in den kommenden Jahrzehnten miteinander leben wollten.

Mit Blick auf die Erfahrungen vieler Ostdeutscher sagte Grönemeyer, die Menschen in der früheren DDR seien damals regelrecht „überrannt“ worden. Für den Verlust von Sicherheit, Ordnung und vertrauten Strukturen habe es kaum Raum zur Verarbeitung gegeben. Stattdessen seien viele ohne ausreichende Begleitung in ein für sie fremdes System geraten, so der in Bochum aufgewachsene Künstler.

Herbert Grönemeyer
Der Sänger Herbert Grönemeyer. Quelle: Britta Pedersen/dpa

Nach seiner Einschätzung sehnen sich Menschen grundsätzlich nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Viele engagierten sich ehrenamtlich, übernähmen Verantwortung und suchten nach Wegen zu einer stabilen, fürsorglichen Gemeinschaft. Was die Politik allein nicht leisten könne, müsse deshalb auch aus der Zivilgesellschaft heraus entstehen – auf Grundlage des Grundgesetzes und einer gemeinsam entwickelten Identität.

Chorabend im Magdeburger Dom als Symbol für Zusammenhalt

Ein Beispiel dafür soll der geplante Abend im Magdeburger Dom sein. Rund 350 Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Chören in Sachsen-Anhalt sollen dort gemeinsam auftreten. Auf dem Programm stehen unter anderem Grönemeyers „Mensch“ sowie „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel.

Die Veranstaltung ist nicht öffentlich. Nach Angaben der Organisatoren, zu denen auch Grönemeyer zählt, treffen die Chöre in dieser Zusammensetzung zum ersten Mal aufeinander. Deshalb solle bewusst ein geschützter Raum geschaffen werden.

Für Grönemeyer zeigt gerade ein Chor, wie Gemeinschaft funktionieren kann: Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und Sichtweisen kommen zusammen. Jede Stimme bleibt eigenständig, und doch entsteht im Zusammenspiel etwas, das niemand allein schaffen könnte.

Ein Verein aus Ballenstedt will Menschen aus ihren Blasen holen

Für die Initiative „Gemeinsame Sache“ arbeitet Grönemeyer unter anderem mit dem Verein Heimatbewegen aus Ballenstedt im Harz zusammen. Der Verein setzt sich unter anderem gegen Leerstand ein und engagiert sich für die Entwicklung von Stadt und Region.

Die Mitgründerinnen Anneke Richter und Nicole Müller möchten Menschen aus ihrem gewohnten Umfeld herausholen und sie mit anderen Ideen und Perspektiven zusammenbringen. So wurde etwa am Tag des Grundgesetzes im Mai eine Allee im Ort zur großen Mitmach-Leinwand: Kitas, Schulen, Nachbarn und weitere Gruppen konnten sie mit Kreide gestalten.

Richter betont, dass es in den Kommunen Menschen brauche, die solche Verbindungen wieder herstellen. Viele bewegten sich meist nur innerhalb ihrer vertrauten Kreise. Gerade deshalb sei es wichtig, diese „Blasen“ wieder in Austausch zu bringen und neue Verbindungen zu schaffen. Das stärke das Gemeinschaftsgefühl.

Auch Müller berichtet, dass solche Aktionen vor Ort etwas verändern. Menschen würden offener aufeinander zugehen und leichter ins Gespräch kommen. Der erste Schritt aus der eigenen Blase falle zwar oft schwer, doch wenn er gelungen sei, entstehe neue Energie und Begeisterung.

Grönemeyer war bereits im Mai in Ballenstedt zu Gast und beteiligte sich dort an der Kunstaktion. Dabei wurde nach seinen Angaben auch ein neues Gesprächsformat angestoßen. Die Idee für den Chorabend in Magdeburg entstand dann bei einem Besuch eines Jugendschulchors. Nach den Vorstellungen der Beteiligten soll es nicht bei einer einmaligen Aktion bleiben. Richter sagt, es gehe in erster Linie darum, Menschen einander näherzubringen – weniger um große politische Botschaften.

Sorge vor der Landtagswahl

Trotzdem findet das Treffen in einer politisch angespannten Zeit statt. Wenige Tage später wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, liegt in Umfragen weit vorne. Da potenzielle Koalitionspartner fehlen, setzt die Partei darauf, möglicherweise eine absolute Mehrheit der Sitze zu erreichen und allein zu regieren.

Grönemeyer, der sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus positioniert, blickt mit Sorge auf die Wahl am 6. September. Auch wenn er selbst in Berlin lebt und nicht in Sachsen-Anhalt wohnt, beobachte er die Entwicklung aufmerksam. Nur besorgt zuzusehen, reiche jedoch nicht aus, sagte er. Für ihn bedeute das, selbst aktiv zu werden und klar Haltung zu zeigen – überall dort, wo Menschen ausgegrenzt oder herabgesetzt würden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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