Nordrhein-Westfalen

Tödliche Explosion: War Dänemarks Müll der Auslöser?

Sieben Tote nach der Explosion in Leverkusen: Jetzt ist die Ursache enthüllt – und die Spur führt nach Hamburg und Dänemark.

21.07.2026, 09:27 Uhr

Explosion im Chemiepark Leverkusen: Dänischer Abfall laut Ermittlern Auslöser

Fast fünf Jahre nach der schweren Explosion in einer Müllverbrennungsanlage im Chemiepark Leverkusen sehen die Ermittler die Ursache in Abfall aus Dänemark. Nach Angaben der Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität in Nordrhein-Westfalen (ZeUK) besaß das Material eine selbstzersetzende Eigenschaft, die das Unglück ausgelöst habe.

Das Verfahren gegen Mitarbeitende des Chemiepark-Betreibers Currenta wurde bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche des dänischen Abfallerzeugers sowie eines Hamburger Abfallmaklers laufen jedoch weiter. Geklärt werden soll, ob Informationen über die gefährlichen Eigenschaften des Stoffes der Betreiberfirma vorwerfbar nicht weitergegeben wurden. Namen der beteiligten Unternehmen nannten die Behörden nicht.

Eines der schwersten Explosionsunglücke in Deutschland

Am 27. Juli 2021 war in der Sondermüllverbrennungsanlage in Leverkusen ein Lagertank explodiert. In der Folge breitete sich ein Großbrand aus, der auch weitere Tanks zerstörte. Bei dem Unglück starben sieben Männer, 31 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt.

Der Unfall gilt als eines der schwersten Explosionsunglücke in Deutschland der vergangenen Jahrzehnte. Für Betroffene, Angehörige und Hinterbliebene sind die Folgen bis heute spürbar. In der Nähe der zerstörten Tanks erinnert inzwischen eine Gedenkstätte an die Opfer der Katastrophe.

Selbsterwärmung führte laut Staatsanwaltschaft zur Katastrophe

Nach dem Ermittlungsergebnis war der dänische Abfall die technische Ursache und zugleich der Ausgangspunkt der Explosion. Der Stoff sei in dem Tank in Leverkusen oberhalb seiner sogenannten Selbsterwärmungstemperatur gelagert worden. Dadurch seien Selbsterwärmungseffekte entstanden, die zu einem exponentiellen Anstieg von Temperatur und Druck geführt hätten. Am Ende kam es nach Darstellung der Ermittler zur Explosion und anschließend zu einem Brand.

Die umfangreichen Ermittlungen ergaben außerdem, dass die bei Currenta für Annahme und Lagerung zuständigen Verantwortlichen anhand der vorgelegten Daten und Unterlagen nicht erkennen konnten, dass der Abfall diese gefährliche Eigenschaft besaß. Das spätere Schadensereignis sei für sie daher nicht vorhersehbar gewesen.

Weitere Ermittlungen in Richtung Hamburg und Dänemark

Zunächst hatte die Kölner Staatsanwaltschaft in dem Fall ermittelt. Ende 2023 übernahm dann die ZeUK, die für schwere Umweltkriminalität zuständig ist. Wie lange die laufenden Ermittlungen gegen Verantwortliche des dänischen Abfallerzeugers und des Hamburger Abfallmaklers noch dauern werden, ist laut Oberstaatsanwalt Alexander Kilimann derzeit nicht absehbar.

Damit ist die Akte in dem komplexen Verfahren noch nicht geschlossen. Die Frage nach einer möglichen strafrechtlichen Verantwortung ist nach Angaben der Ermittler weiterhin nicht abschließend geklärt.

Reaktionen von Currenta und Hinterbliebenen

Currenta-Chef Tim Hartmann bezeichnete die Ermittlungsergebnisse als wichtigen Schritt für die Aufarbeitung des Geschehens. Der Abfall hätte vom Erzeuger so niemals in den Verkehr gebracht werden dürfen, erklärte er. Zugleich betonte das Unternehmen erneut sein Mitgefühl mit den Angehörigen der Toten und den Verletzten.

Auch vonseiten der Hinterbliebenen wird die neue Bewertung als wichtiger Zwischenschritt gesehen. Zugleich machen Angehörige deutlich, dass die Aufarbeitung für sie noch lange nicht beendet ist und weiter geklärt werden müsse, wer die Verantwortung für den Tod ihrer Ehemänner, Brüder oder Väter trägt.

Staatsanwaltschaft beantragt Geldbuße gegen Currenta

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde in dem nun eingestellten Verfahren gegen vier Mitarbeitende von Currenta ermittelt. In einem Fall – es ging um den Vorwurf eines unbewusst fahrlässigen Verhaltens bei der Einleitung von Evakuierungsmaßnahmen gegen einen ehemaligen Betriebsleiter – wurde das Verfahren gegen Geldauflage eingestellt.

Im Zusammenhang damit hat die ZeUK beim Dortmunder Landgericht die Verhängung einer Geldbuße von 1,9 Millionen Euro gegen Currenta beantragt. Das Unternehmen will die Geldbuße nach eigenen Angaben akzeptieren.

Zudem hat Currenta das dänische Abfallunternehmen auf Schadenersatz verklagt. Nach dpa-Informationen geht es um mehr als 150 Millionen Euro für die Schäden durch Explosion und Brand.

Was sich nach der Katastrophe bei der Sicherheit geändert hat

Nach Angaben von NRW-Umweltminister Oliver Krischer wurde seit dem Unglück gemeinsam mit dem Leverkusener Unternehmen, Behörden und externen Fachleuten ein umfassender Prozess angestoßen, um ein vergleichbares Ereignis künftig nach menschlichem Ermessen auszuschließen.

So wurde unter anderem angeordnet, dass flüssige Abfälle vorab und bei jeder Anlieferung genau deklariert und identifiziert werden müssen. Auch auf Bundesebene gibt es demnach erste Vorgaben, um für solche Anlagen einen neuen Stand der Sicherheitstechnik festzulegen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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