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Schock: 17.000 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder

Alarmierende BKA-Zahlen: Sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt zu – die Polizei erfasste zuletzt mehr als 17.000 Fälle.

21.07.2026, 10:10 Uhr

Die Zahl der bei der Polizei erfassten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern ist in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Nach dem aktuellen Bundeslagebild „Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen“ des Bundeskriminalamts (BKA) wurden im vergangenen Jahr 17.126 Fälle registriert. Das sind rund 1.600 mehr als vor fünf Jahren und 772 mehr als im Vorjahr.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin von „erschreckend hohen“ Werten. Zwar gebe es in einzelnen Teilbereichen Rückgänge, insgesamt seien die Fallzahlen aber weiter hoch, teils sogar deutlich gestiegen. Besonders verwies er auf Jugendpornografie, wo die Fallzahl laut BKA im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zunahm.

In vielen Fällen kannten sich Opfer und Tatverdächtige

Die Auswertung zeigt erneut, dass in mehr als der Hälfte der Verfahren bereits eine Beziehung zwischen den Betroffenen und den Tatverdächtigen bestand. Auch bei Jugendlichen nahm die Zahl der Fälle zu: von 1.191 auf 1.239. Strafrechtlich gelten Menschen unter 14 Jahren als Kinder.

Im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von Kindern verzeichnete die Statistik insgesamt 18.736 Opfer, das entspricht einem Anstieg um 3,6 Prozent. Dabei kann ein Kind mehrfach in der Statistik auftauchen, wenn es wiederholt betroffen war. Von den registrierten Opfern waren 13.870 Mädchen und 4.866 Jungen.

Auch die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen nahm zu. Sie stieg von 12.368 auf 12.823. Nach Angaben des BKA handelt es sich überwiegend um männliche Tatverdächtige, die meist allein handeln.

Ermittler berichten auch von Missbrauch an Säuglingen

Das Lagebild schildert zudem einen besonders schweren Ermittlungsfall: Ein früherer Leiter eines Kinderheims soll mehrere Frauen gegen Bezahlung dazu gebracht haben, ihre eigenen Kinder schwer sexuell zu missbrauchen, Aufnahmen anzufertigen und ihm zu schicken. Laut Bericht konnten zwölf betroffene Kinder ab dem Säuglingsalter identifiziert werden, die von ihren Müttern missbraucht worden sein sollen.

Straftaten verlagern sich stärker ins Internet

BKA-Präsident Holger Münch sagte, viele dieser Delikte verlagerten sich zunehmend in den digitalen Raum. Der Anstieg dort trage dazu bei, dass die Gesamtzahlen weiter nach oben gingen. Eine Rolle spielen dabei auch Kontakte, die Erwachsene über soziale Netzwerke, Chats oder Online-Spiele zu Minderjährigen anbahnen.

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, forderte deshalb mehr verdeckte Ermittlungen. Besonders wichtig seien „Scheinkindoperationen“, bei denen sich Ermittler als Kinder ausgeben, um mutmaßliche Täter zu überführen. Solche Kontaktanbahnungen werden häufig als Grooming bezeichnet.

Deutliches Dunkelfeld bei den Zahlen

Die Statistik erfasst ausschließlich Straftaten, die der Polizei gemeldet wurden und von ihr bearbeitet werden – also das sogenannte Hellfeld. Dazu zählen auch Versuchstaten. Wie hoch die Zahlen ausfallen, hängt deshalb auch davon ab, ob Taten angezeigt werden.

Im Bericht wird zugleich betont, dass von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen ist. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen dürfte also deutlich höher liegen. Um dieses Dunkelfeld besser zu erfassen, soll demnächst eine größere Befragung von Neuntklässlern zu möglichen Missbrauchserfahrungen stattfinden, die unter Regie der Missbrauchsbeauftragten organisiert wird.

Claus kritisiert Schutzlücken für Jugendliche

Claus sagte, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei erschreckend alltäglich. Zugleich werde aus ihrer Sicht zu wenig über Jugendliche gesprochen. Sie kritisierte rechtliche Lücken und erklärte, Jugendliche würden manche Taten nicht anzeigen, weil sie sich schämten oder sich selbst die Schuld gäben.

Sorge vor zusätzlichem Schaden durch KI

Mit Sorge blicken Ermittler und Fachleute auch auf den wachsenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz. BKA und Missbrauchsbeauftragte gehen nicht davon aus, dass die Zahl der Opfer sinken wird, wenn Missbrauchsdarstellungen vermehrt künstlich erzeugt werden. Vielmehr könne die wachsende Menge an echtem und KI-generiertem Material zu einer Normalisierung und Entgrenzung beitragen.

Zugleich erschwert die technische Entwicklung nach Einschätzung der Behörden die Strafverfolgung. Die bessere Qualität solcher Inhalte und die zunehmend schwierige Unterscheidung zwischen echten und künstlich erzeugten Darstellungen stellten Ermittler bei der Identifizierung von Opfern und Tatverdächtigen vor neue Probleme.

Auch aus Sicht der Gewerkschaft der Polizei besteht Handlungsbedarf. Der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Alexander Poitz forderte eine personell stärkere Justiz, damit auf Straftaten schneller Konsequenzen folgen könnten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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