Der Vorstandsvorsitzende von Evonik, Christian Kullmann, hält einen Ausstieg aus der Kohleverstromung in Nordrhein-Westfalen bis 2030 für unrealistisch. Gegenüber der „Rheinischen Post“ sagte er, es fehle derzeit an ausreichend neuen Gaskraftwerken, um die Stromversorgung zuverlässig abzusichern.
Kullmann kritisierte zudem den Zustand der Netze und die aus seiner Sicht fehlende Verfügbarkeit von preisgünstigem Wasserstoff. Eine längere Nutzung der Kohle liege daher im Interesse der Industrie. Seiner Einschätzung nach werde Deutschland Kohle mindestens bis 2033 brauchen, möglicherweise sogar darüber hinaus – je nachdem, wie sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickeln.
Grundlage der Debatte ist ein Gesetz, das der Bundestag im Dezember 2022 beschlossen hatte. Demnach sollen die Braunkohleblöcke Neurath F und G sowie Niederaußem K bereits 2030 statt wie ursprünglich vorgesehen 2038 stillgelegt werden. Allerdings enthält die Regelung eine Überprüfungsklausel: Die Bundesregierung muss bis zum 15. August festlegen, ob und in welchem Umfang die Anlagen in eine Reserve überführt werden, damit sie bei Bedarf noch bis Ende 2033 zur Verfügung stehen.
Kullmann will auch das Klimaziel verschieben
Erst in der vergangenen Woche hatte der Bundestag den Weg für den Bau zahlreicher neuer Gaskraftwerke in den kommenden fünf Jahren freigemacht. Diese sollen den Ausstieg aus der Kohle absichern, den Ausbau erneuerbarer Energien ergänzen und mögliche Engpässe bei der Stromversorgung verhindern.
Darüber hinaus plädiert Kullmann dafür, das deutsche Ziel der Klimaneutralität von 2045 auf 2050 zu verschieben. Das könne helfen, zusätzliche Nachteile für die heimische Industrie zu vermeiden. Mit Blick auf den deutschen Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen argumentierte er, dieser liege nur bei rund 1,6 Prozent. Für das globale Klima spiele der genaue Zeitpunkt daher kaum eine Rolle, für die Zukunft der deutschen Chemiebranche hingegen sehr wohl.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber