Nordrhein-Westfalen

Razzia in NRW: Spur zu mutmaßlichen Neonazis

Razzien in NRW: Polizei nimmt mutmaßliche Rechtsextremisten ins Visier – was steckt hinter der Gruppe „Jung und Stark“?

06.05.2026, 06:55 Uhr

Seit den frühen Morgenstunden sind Ermittler gegen mutmaßlich rechtsextreme Jugendgruppen vorgegangen. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft wurden Räume von 36 Verdächtigen in zwölf Bundesländern durchsucht. Betroffen waren damit alle Länder außer Baden-Württemberg, Thüringen, Hamburg und Bremen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von fast 50 durchsuchten Objekten bundesweit.

Im Mittelpunkt der Maßnahmen stehen die Gruppierungen „Jung und Stark“ sowie „Deutsche Jugend Voran“. Den Beschuldigten wird die Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Nach Einschätzung der Ermittler handelt es sich um herausgehobene Mitglieder; den meisten werde Rädelsführerschaft zur Last gelegt. Gegen acht Beschuldigte wird zudem wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Der jüngste Verdächtige soll 16 Jahre alt sein. Die meisten Beschuldigten stammen laut Bundesanwaltschaft aus Nordrhein-Westfalen (9) sowie aus Brandenburg und Sachsen (je 5).

Dobrindt: „Entschieden gegen Gewalt“

Innenminister Dobrindt erklärte, die Gruppen riefen zu Gewalt auf und beteiligten sich an Angriffen auf politische Gegner. „Wir akzeptieren keine Gewaltaufrufe und gewalttätige Angriffe, sondern gehen entschieden dagegen vor“, sagte der CSU-Politiker.

Auch Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) zeigte sich alarmiert, weil die Szenen offenbar gezielt sehr junge Menschen anziehen. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) warnte ebenfalls vor gezielter Einflussnahme auf Jugendliche über soziale Medien, einfache Feindbilder und radikale Propaganda.

Gewalttaten gegen politische Gegner

Die beiden Gruppierungen existieren den Ermittlern zufolge seit Mitte 2024. Sie seien bundesweit organisiert und über Regionalgruppen in mehreren Ländern vernetzt. „Deutsche Jugend Voran“ trete teils auch unter dem Namen „Neue Deutsche Welle“ auf.

Die Mitglieder sollen sich sowohl über soziale Medien als auch bei regelmäßigen Treffen organisiert haben. Dabei sei zu Gewalttaten gegen politische Gegner sowie gegen vermeintliche Pädophile aufgerufen worden.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft sollen einige Beschuldigte entsprechend Angehörige der linken Szene oder Menschen angegriffen haben, die sie für pädophil hielten. Die Opfer seien jeweils von mehreren Angreifern geschlagen worden und hätten teils erhebliche Verletzungen erlitten.

Politologe sieht Feindbild gegen „alles Linke“ und Queere

Der Potsdamer Politologe Christoph Schulze sagte der dpa, „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ richteten sich gegen alles, was sie als links oder antifaschistisch wahrnähmen, ebenso gegen die LGBTIQ-Community. Im Zusammenhang mit Protesten gegen CSD-Veranstaltungen in Ostdeutschland sei insbesondere „Deutsche Jugend Voran“ aufgefallen.

Laut Schulze seien die Gruppen zwar organisatorisch nicht besonders gefestigt, zugleich herrsche dort aber eine ausgeprägte Gewaltkultur. Der Vorwurf der kriminellen Vereinigung sei ein scharfes juristisches Instrument; ob er sich am Ende tragen lasse, müsse sich im Verfahren zeigen.

Rechte Jugendgruppen seit Mitte 2024 verstärkt im Blick

Die Sicherheitsbehörden beobachten seit etwa Mitte 2024 neue rechte Jugendgruppen, die zunächst vor allem im virtuellen Raum entstanden seien. Inzwischen treten diese Zusammenschlüsse zunehmend durch Veranstaltungen, Störaktionen und Straftaten in Erscheinung.

In den vergangenen Jahren sorgten unter anderem Störungen und Angriffe auf Paraden zum Christopher Street Day (CSD) für Aufmerksamkeit. Der CSD ist den Rechten lesbischer, schwuler und anderer queerer Menschen gewidmet. Bei Protesten gegen den CSD im brandenburgischen Falkensee trugen Teilnehmer im vergangenen Sommer T-Shirts mit Aufschriften wie „aktivistisch“, „heimattreu“ und „kampfbereit“. Auch in Bernau protestierte „Deutsche Jugend Voran“ gegen eine Parade der queeren Community.

Immer wieder gingen Polizei und Staatsanwaltschaft bereits gegen mutmaßliche Mitglieder solcher Gruppen vor. Das Landgericht Berlin verurteilte im April 2025 einen Rädelsführer unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung zu drei Jahren und drei Monaten Haft. Bereits im September 2025 hatte es zudem Durchsuchungen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gegeben.

Einige Hundert Anhänger – und Kontakte ins Neonazi-Milieu

Nach früheren Angaben aus Sicherheitskreisen galt „Jung und Stark“ 2025 als größte dieser Gruppen mit einer Anhängerschaft von einigen Hundert Personen. Für „Deutsche Jugend Voran“ wurde die Zahl der Anhänger auf mehr als 100 geschätzt.

Wie der „Spiegel“ unter Berufung auf das Bundesamt für Verfassungsschutz berichtet, sollen Mitglieder beider Gruppen in den vergangenen Monaten wiederholt bei Veranstaltungen der neonazistischen Partei „Die Heimat“ (früher NPD) sowie ihrer Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ aufgefallen sein. Demnach habe es Versuche gegeben, die Aktivisten in feste Parteistrukturen einzubinden.

Als weitere relevante Zusammenschlüsse nennen Sicherheitsbehörden „Der Störtrupp“ sowie „Letzte Verteidigungswelle“. Mutmaßliche Mitglieder der letztgenannten Gruppe stehen derzeit in Hamburg wegen mehrerer Gewalttaten vor Gericht.

Hubig warnt vor „gesamtdeutscher Bedrohung“

Justizministerin Hubig betonte, die Aktionen solcher Gruppen richteten sich nicht nur gegen Menschen, die in ihrem rechtsextremen Weltbild als Feinde markiert würden. Sie richteten sich auch gegen die Demokratie. „Rechtsextremismus ist die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht“, sagte die SPD-Politikerin. Mit Blick auf die Durchsuchungen in fast allen Ländern sprach sie von einer „gesamtdeutschen Bedrohung“ durch gewaltorientierten Rechtsextremismus.

Auch die Grünen-Politikerin Irene Mihalic begrüßte das Vorgehen der Sicherheitsbehörden. Gerade zu Beginn der CSD-Saison sei der Zugriff ein wichtiges Signal angesichts der Bedrohungen und Angriffe, die zuletzt auch von rechtsextremen Jugendgruppen ausgegangen seien.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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