Gut fünf Monate nach dem verheerenden Feuer in der Bar Le Constellation im schweizerischen Crans-Montana, bei dem in der Neujahrsnacht 41 Menschen starben, ist weiterhin keine formelle Anklage erhoben worden. Die Betreiber Jacques und Jessica Moretti mussten nun in Sitten im Kanton Wallis erstmals gemeinsam zu einer Befragung erscheinen. Das Ehepaar betrat das Gebäude dabei schweigend durch einen Seiteneingang.
Die Staatsanwaltschaft hatte den Termin als gemeinsame Konfrontationseinvernahme angesetzt. Dabei soll geklärt werden, wer im Betrieb wofür zuständig war, welche Anweisungen erteilt wurden und warum es in zentralen Sicherheitsfragen offenbar massive Versäumnisse gab. Nach Angaben von Opferanwälten hatten sich beide bei früheren Einzelbefragungen häufig darauf berufen, dass nur der jeweils andere die Antwort kenne. Zudem sollen sie teils unterschiedliche Versionen des Abends und der Verantwortlichkeiten geschildert haben.
„Die Morettis müssen aufhören, sich ihrer Verantwortung zu entziehen“, sagte Opferanwalt Didier Elsig. Ziel sei, dass das Paar seine Fehler eingestehe. Auch Anwalt Sébastien Fanti begrüßte die gemeinsame Vorladung, kritisierte jedoch zugleich die Dauer des Verfahrens. Einige Eltern wollten nicht länger warten, sagte er. Deshalb würden inzwischen auch in anderen Ländern, etwa in Frankreich, Klagen eingereicht – in der Hoffnung auf schnellere Fortschritte.
Offene Fragen zu Fluchtwegen, Umbauten und Brandschutz
Die Justiz ermittelt gegen die Morettis wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung. Das französische Betreiberpaar ist gegen Kaution auf freiem Fuß.
Im Zentrum der Ermittlungen stehen unter anderem die Fragen, warum das Personal nie im Brandschutz geschult wurde, weshalb eine verschlossene Tür einen möglichen Notausgang blockiert haben soll und welche Rolle frühere Umbaumaßnahmen spielten. So geht es auch um eine Treppe aus dem Untergeschoss, die verengt worden sein soll. Diese Treppe wurde in der Unglücksnacht vielen Gästen zur tödlichen Falle.
Ausgelöst wurde die Katastrophe nach bisherigen Erkenntnissen durch funkensprühende Partyfontänen, die Schaumstoff zur Schalldämmung an der Decke entzündeten. Viele der überwiegend jungen Opfer starben im Gedränge auf der schmalen Treppe ins Freie.
Neben den 41 Todesopfern wurden mehr als 100 Menschen verletzt, darunter zahlreiche Betroffene mit schwersten Verbrennungen. Einige von ihnen werden bis heute in Krankenhäusern oder Rehabilitationszentren behandelt.
Angehörige verlangen Antworten
Zur Anhörung in Sitten kam auch Laetitia Brodard-Sitre, deren 16-jähriger Sohn Arthur bei dem Brand ums Leben kam. Unter Tränen sagte sie, sie sei für ihn dort, aber auch für seinen Bruder Benjamin, der mit den Folgen der Katastrophe leben müsse. Die Familie brauche Antworten und wolle verstehen, wie Jacques und Jessica Moretti „ticken“.
Die Ermittlungen richten sich inzwischen nicht nur gegen die Betreiber. Auch gegen rund ein Dutzend Mitarbeitende der Gemeinde wird ermittelt. Die Gemeinde hatte eingeräumt, dass die vorgeschriebenen jährlichen Brandschutzkontrollen in der Bar seit 2019 nicht mehr durchgeführt worden waren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion