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Frankfurt toppt sogar Chicago

Zwischen Witz und Wehmut: Wie Alexandra Stahl das Altern ihrer Großeltern so zärtlich wie schmerzhaft festhält

29.07.2026, 09:30 Uhr

„Meine Großeltern führten keine ideale Ehe“, schreibt Alexandra Stahl sinngemäß. „Sie mochte Puppen und sah gern das Glücksrad, er las Heinrich Böll und liebte ran. Eine perfekte Ehe hat niemand. Vielleicht war ihre nicht einmal besonders gut – aber es war eben ihre.“ Mit dieser nüchtern-zärtlichen Perspektive nähert sich die Autorin den beiden Menschen, bei denen sie aufwuchs und denen sie in ihrem Buch „Tschikago“ viel Raum gibt.

Der Text blickt zurück auf eine längst vergangene, gemütliche Welt im unterfränkischen Dorf, in der schon das nahe Frankfurt wie eine bedrohliche Großstadt erscheint. Der Großvater warnt seine Enkelin deshalb immer wieder mit dem Satz: „Frangfodd is schlimmer als Tschikago!“ Vermutlich war das auch der Grund, warum der gelernte Elektriker einst nicht in die USA auswanderte – dieses „Tschikago“ schien ihm schlicht zu gefährlich.

Autofiktion mit eigenem Ton

Stahls Buch lässt sich dem seit Längerem populären autofiktionalen Schreiben zuordnen. Wie Annie Ernaux greift sie Erlebnisse aus ihrem eigenen Leben auf, reflektiert deren literarische Form und macht den Entstehungsprozess des Buches sichtbar. Dabei springt sie zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her.

Trotzdem unterscheidet sich ihr Zugang deutlich von dem der französischen Nobelpreisträgerin. Stahl richtet den Blick weniger auf ihr eigenes Innenleben als auf die Menschen um sie herum: zunächst auf Großeltern, Verwandtschaft und Dorfgemeinschaft, später auf die Bewohner eines Berliner Pflegeheims. Grundlage sind offenbar Gesprächsnotizen, die sie über längere Zeit gesammelt und zu einer Art Chronik verdichtet hat.

Das macht das Buch stark dialogorientiert – was ihm jedoch eher nützt als schadet. Viele der Gespräche sind sehr komisch, besonders wenn sie im Dialekt geführt werden. Der Alltag der Großeltern in ihrem katzenreichen Haus besteht aus festen Abläufen, kleinen Sticheleien und immer gleichen Redensarten, die ihrem Leben Struktur geben.

Läuten die Kirchenglocken auf eine bestimmte Weise, weiß die Großmutter sofort, was los ist: „Oje! Widder aaner gschdorbe!“ Dann muss die Enkelin im Schaukasten der Kirche nachsehen, wer diesmal gestorben ist. Anschließend wird der Fall mit der Nachbarin ausführlich besprochen und endet zuverlässig mit dem Urteil: „Der hodd abba och orich schlechd ausgsähe!“

Ein eindringliches Buch über das Vergehen der Zeit

So heiter und gelegentlich fast slapstickhaft manche Szenen wirken, verhandelt „Tschikago“ doch durchweg ernste Themen: Alter, Abschied und Tod. Als der Großvater zunehmend dement wird, gerät für die Großmutter das vertraute Gefüge ihres gemeinsamen Lebens aus dem Lot. Die Routinen, Neckereien und Gewohnheiten, die ihren Alltag getragen haben, verlieren ihre Stabilität. Der Verlust beginnt lange vor dem eigentlichen Sterben.

Im zweiten Teil des Buches vertieft Stahl dieses Motiv noch einmal. Nach dem Tod des Großvaters absolviert sie einen Freiwilligendienst in einem Berliner Altenheim. Dort begegnet sie vielen alten Frauen und einigen wenigen Männern, deren Alltag wie angehalten wirkt – und in denen doch immer wieder die Erinnerung an frühere Leben aufscheint.

Frau Bellmann erinnert sich an Sommertage am Werbellinsee, Frau Vella an ihre beiden italienischen Ehemänner, und Herr Winkler, die „rote Socke“, hängt gedanklich noch immer der DDR nach. Den Mauerfall nennt er weiterhin ein „notwendiges Übel“. Alle diese Bewohner klammern sich an fest gewordene Sätze, die ihnen Halt geben und sie mit ihrer Vergangenheit verbinden: „Das Leben war gut, wenn man das Schlechte weglässt!“

„Tschikago“ ist ein bewegendes und kluges Buch, das das Altern und die Vergänglichkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln einfängt. Es berührt und regt zum Nachdenken an. Lediglich der zweite Teil hätte von etwas mehr formaler Klarheit profitiert, denn dort stößt die fragmentarische, mosaikartige und assoziative Erzählweise mitunter an ihre Grenzen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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