Nach dem Hackerangriff auf die Berliner Landesverwaltung wird das volle Ausmaß des Datenabflusses erst nach und nach sichtbar. Rund zwei Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl steht der schwarz-rote Senat deshalb auch politisch unter Druck: Die Opposition wirft der Regierung ein mangelhaftes Krisenmanagement vor. Zugleich erneuert der IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug seine harte Kritik.
Atug sagte der Deutschen Presse-Agentur, das Land Berlin habe grob fahrlässig gehandelt und die Vorgaben des Geheimschutzes vorsätzlich nicht eingehalten. Er sei darüber nach eigenen Worten schockiert und sprachlos. Für die Speicherung und Verarbeitung geheimer Verschlusssachen gebe es präzise und strenge Regeln mit verschiedenen Sicherheitsstufen. Nach seiner Einschätzung seien diese offenkundig nicht konsequent angewandt worden.
Atug ist Gründer und Sprecher der unabhängigen Arbeitsgruppe AG Kritis und arbeitet als Sicherheitsberater für kritische Infrastrukturen. Darunter fallen Bereiche, deren Ausfall oder Störung gravierende Folgen für Versorgung und öffentliche Sicherheit haben kann – etwa Energie, IT, Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, staatliche Verwaltung und Medien.
Atug: Berlin habe vor Jahren gewarnt werden müssen
Nach Angaben des Experten war er 2023 und 2025 als Sachverständiger in den Berliner Innenausschuss eingeladen. Dort habe er die Verantwortlichen ausdrücklich auf erhebliche Sicherheitsprobleme hingewiesen. Seine Botschaft sei gewesen, dass Berlin eine desolate Cybersicherheit betreibe und seine Sicherheitsprozesse dringend verbessern müsse. Er habe damals gewarnt, dass fehlende Vorsorge schwere Konsequenzen haben werde – genau das sei nun eingetreten.
1,44 Millionen Dateien im Darknet veröffentlicht
Nach dem Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung wurden am Freitag rund 1,44 Millionen Dateien mit einem Gesamtvolumen von 5,8 Terabyte im Darknet veröffentlicht. Die der Hackergruppe Rhysida zugerechneten Täter sollen die Daten bereits Mitte August unbemerkt abgezogen haben. Anschließend verlangten sie 30 Bitcoin Lösegeld, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Berliner Senat zahlte nicht.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte der "Bild", derzeit werde geprüft, welche Informationen abgeflossen seien. Ziel sei, mögliche Betroffene rasch zu identifizieren und zu informieren. Man versuche, diese schnellstmöglich zu erreichen.
Bericht über Daten zu Kraftwerken, Gefängnissen und Rüstungsfirmen
Besonders brisant sind Berichte über den möglichen Inhalt des Leaks. Der "Tagesspiegel" meldete, unter den veröffentlichten Unterlagen befänden sich neben zahlreichen personenbezogenen Daten auch Informationen mit Bedeutung für die Sicherheit Deutschlands und Berlins. Genannt werden demnach etwa Daten zu Heizkraftwerken, Tanklagern, Notstromanlagen und Umspannwerken.
Außerdem sollen auch geheime Informationen über Gefängnisse, Wasserwerke, Rüstungsunternehmen, die Bundeswehr sowie verteidigungsrelevante Unterlagen der Berliner Innenverwaltung veröffentlicht worden sein.
Atug erklärte, er habe die Dateien aus ethischen Gründen nicht selbst im Darknet eingesehen. Aus seriösen Quellen habe er aber erfahren, dass die Darstellungen zumindest bei Informationen zum Zivilschutz und zu Rüstungsunternehmen zutreffen sollen.
Bundesregierung beobachtet die Lage
Auch der Bund hat sich inzwischen eingeschaltet. Ein Regierungssprecher erklärte, die Bundesregierung verfolge die Informationen und die laufenden Ermittlungen zum Datenabfluss sehr genau. Die beteiligten Behörden stimmten ihre Erkenntnisse fortlaufend ab. Nach der Analyse möglicher Risiken würden erforderliche Maßnahmen zum Schutz der militärischen Sicherheit eingeleitet. Datensysteme des Bundes sind nach derzeitigem Stand nicht betroffen.
Chaos Computer Club fand sensible Unterlagen
Jochim Selzer, Sprecher des Chaos Computer Clubs, hat nach eigenen Angaben Teile der abgeflossenen Daten gesichtet. Dabei habe er sensible Informationen über den Zustand der Wasserversorgung in Berlin gefunden. Die Auswertung der riesigen Datenmenge sei allerdings schwierig und sehr zeitaufwendig. Laut Selzer könne man nicht einfach per Suchfunktion gezielt alles Relevante finden.
Die Leakseite im Darknet sei in drei Unterseiten mit jeweils eigenem Dateibaum gegliedert. Selzer, der auch als Datenschützer tätig ist, habe vor allem nach personenbezogenen Informationen gesucht. Dabei seien unter anderem ungeschwärzte gescannte Reisepässe, Arbeitsverträge, Bewerbungsunterlagen und Krankmeldungen aufgetaucht.
Forderung nach mehr Geld und klaren Sicherheitsprozessen
Mit Blick auf die Zukunft fordert Atug, Berlin müsse im Haushalt deutlich mehr Geld und personelle Ressourcen für Cybersicherheit und Geheimschutz bereitstellen. Diese Mittel müssten in dauerhaft gelebte Sicherheitsprozesse einfließen und politische Priorität bekommen. Statt stärker auf Überwachung zu setzen, brauche es aus seiner Sicht vor allem ernsthafte und nachhaltige IT-Sicherheit – gerade im Bereich des Staatsschutzes.
Opposition wirft dem Senat Versagen vor
Im Berliner Abgeordnetenhaus reagierten mehrere Oppositionsparteien mit scharfer Kritik. Die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp sprach von einem "krassen Regierungsversagen der CDU" und forderte die Ausrufung einer Großschadenslage. AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker verlangte eine schnelle und umfassende Aufklärung.
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf kritisierte, es gebe weiterhin keinen erkennbaren Plan, wie Betroffene geschützt und gewarnt und wie die Sicherheitslage verbessert werden solle. Die Woche sei ohne sichtbare Vorkehrungen verstrichen – das sei ein Skandal.
Auch weitere Parteien meldeten sich zu Wort: SPD-Bürgermeisterkandidat Steffen Krach plädierte für einen massiven Ausbau von IT-Sicherheit und Cyberabwehr. FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer forderte unterdessen den Rücktritt von Wegner und Innensenatorin Iris Spranger.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber