Bayern

Moshammer-Mord und NSU-Prozess: Gericht vor dem Aus

Hier wurden Urteile gefällt, die Deutschland erschütterten: Das Münchner Strafjustizzentrum blickt auf spektakuläre Prozesse zurück.

21.06.2026, 06:00 Uhr

Das Münchner Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße steht vor seinem Abschied. Bis zum Monatsende laufen dort noch Verhandlungen, danach ziehen die Gerichte in einen Neubau südlich des Olympiaparks um, der bereits als neuer "Prunkpalast" bezeichnet wird. Die wohl letzte Sitzung ist für Donnerstag, den 25. Juni, vorgesehen.

Der markante graue Gebäudekomplex galt nie als architektonisches Schmuckstück, prägte aber über Jahrzehnte die Strafjustiz der Stadt. In seinen Sälen fielen Entscheidungen in Verfahren, die bundesweit und teils international große Aufmerksamkeit erhielten.

Bau für 100 Millionen D-Mark

Errichtet wurde das Haus zwischen 1972 und 1977 für rund 100 Millionen D-Mark. Seit August 1977 war es Sitz zahlreicher Strafkammern und Senate: Dort tagten die Landgerichte München I und II, das Amtsgericht, das Oberlandesgericht und nach einer Unterbrechung auch wieder das Bayerische Oberste Landesgericht.

Auf fast 35.200 Quadratmetern und in 48 Sitzungssälen wurde Justizgeschichte geschrieben. Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) bezeichnete das alte Strafjustizzentrum als nahezu 50 Jahre langes Zentrum der Münchner Strafjustiz und als Ort bedeutender Prozesse mit bundesweiter Ausstrahlung.

Der Fall "Mord am Inka-Pfad"

Einer der bekanntesten Fälle spielte sich im Jahr 2000 vor dem Münchner Gericht ab. Es ging um den Tod einer Krebsforscherin aus München, die 1997 während einer Wanderung auf dem Inka-Pfad in Peru ums Leben kam. Ihr Mann hatte von einem Überfall berichtet. Nach einem Indizienprozess kamen die Richter jedoch zu der Überzeugung, dass nicht fremde Täter, sondern der Ehemann selbst seine Frau auf der Hochzeitsreise im Zelt angeschossen hatte. An den Folgen der Verletzungen starb sie wenige Tage später. Das Gericht verurteilte ihn wegen Mordes; das Urteil umfasste 162 Seiten.

NSU-Prozess
Der NSU-Prozess fand im legendären Saal A 101 statt. (Archivbild) Quelle: Peter Kneffel/dpa-Pool/dpa

Walter Sedlmayr

Bereits 1993 wurden an der Nymphenburger Straße die Mörder des Volksschauspielers Walter Sedlmayr zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts hatten sein Ziehsohn und dessen Halbbruder den 64-Jährigen im Juli 1990 aus Habgier misshandelt und schließlich mit einem Hammer getötet. Beide bestritten die Tat. Rechtskräftig wurde das Urteil 1994. Jahre später kamen die beiden Verurteilten 2007 und 2008 wieder frei.

Rudolph Moshammer

Auch der Mord an Modeschöpfer Rudolph Moshammer erschütterte München. Der 64-Jährige wurde im Januar 2005 in seinem Haus getötet. Der Täter, ein junger Iraker, den Moshammer zuvor im Bahnhofsviertel angesprochen hatte, gestand die Tat. Noch im selben Jahr wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Vorsitzender Richter war damals Manfred Götzl, der später ein weiteres historisches Verfahren leiten sollte.

Der NSU-Prozess

Zu den aufsehenerregendsten Verfahren des Hauses zählte der NSU-Prozess im legendären Saal A 101. Über mehr als fünf Jahre und an über 400 Verhandlungstagen wurde dort gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte verhandelt. Im Juli 2018 verurteilte das Oberlandesgericht München Zschäpe als Mittäterin der NSU-Morde zu lebenslanger Haft. Darüber hinaus wurden zwei Mitangeklagte wegen Beihilfe und zwei weitere Unterstützer schuldig gesprochen. Das Verfahren fand international Beachtung.

John Demjanjuk

Ein weiteres historisch bedeutendes Verfahren betraf den ehemaligen KZ-Wachmann John Demjanjuk. Das Landgericht München I verurteilte den gebürtigen Ukrainer im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft. Der damals 91-Jährige starb jedoch 2012 in einem bayerischen Pflegeheim, bevor über die Revision entschieden wurde. Deshalb wurde das Urteil nie rechtskräftig.

Prominente Angeklagte

Immer wieder standen in dem Gebäude bekannte Namen vor Gericht: etwa Tennis-Idole, Funktionäre aus der Formel 1, Sternekoch Alfons Schuhbeck sowie Fußballer wie Jérôme Boateng oder Jens Lehmann.

Zu den Justizirrtümern, die mit dem Haus verbunden sind, zählt der Fall des Schauspielers Günther Kaufmann. Er war 2002 nach dem Tod eines befreundeten Steuerberaters wegen räuberischer Erpressung mit Todesfolge zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Später stellte sich heraus, dass sein Geständnis falsch war und er seine Ehefrau schützen wollte. Nach Jahren im Gefängnis kam er frei.

Freispruch für Manfred Genditzki

Noch gravierender war der Fall Manfred Genditzki. Er saß mehr als 13 Jahre unschuldig in Haft und erhielt inzwischen 1,3 Millionen Euro Entschädigung. Verurteilt worden war er wegen eines angeblichen Mordes an einer älteren Frau in ihrer Badewanne. Die Ermittler unterstellten ihm ein finanzielles Motiv. Nach langem Kampf, neuen Gutachten und einem Wiederaufnahmeverfahren wurde er im Sommer 2023 freigesprochen. Bei der Urteilsverkündung zeigte sich selbst die Richterin tief bewegt.

Saal A 101 als Symbol des Hauses

Zahlreiche große Prozesse des Strafjustizzentrums wurden im größten Saal des Gebäudes geführt: im A 101. Dort fanden unter anderem der NSU-Prozess und der spätere Freispruch Genditzkis statt.

Gerichtssprecher Laurent Lafleur sagte, der Saal sei zwar alles andere als schön gewesen, und an langen Verhandlungstagen habe man sich durchaus Tageslicht gewünscht. Zugleich habe gerade dieser Raum ermöglicht, auch umfangreiche Großverfahren mitten in München und damit nah an der Öffentlichkeit zu führen. Eines werde er jedoch nicht vermissen, so Lafleur: die spezielle Farbgestaltung der Innenräume, die ihn über viele Stunden als Staatsanwalt, Richter und Sprecher begleitet habe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen