Überwachungsvideos einer Tankstelle in Süditalien dokumentieren eine Tat von kaum fassbarer Grausamkeit: Zwei Männer pumpen Benzin nicht in den Tank eines Minivans, sondern direkt in den Innenraum. Anschließend setzen sie den Wagen in Brand und halten von außen die Türen zu. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie der Fiat Ulisse heftig wackelt, weil die Insassen verzweifelt zu entkommen versuchen. Ohne Erfolg. Danach fliehen die Täter.
Die Tat ereignete sich am helllichten Tag nahe der rund 3.000 Einwohner zählenden Gemeinde Amendolara an einer Tankstelle an der vielbefahrenen Staatsstraße 106 in Kalabrien. Für vier Männer im Wagen kam jede Hilfe zu spät: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Sie stammten aus Afghanistan und Pakistan und arbeiteten als Erntehelfer auf Erdbeerfeldern in der Region – für extrem niedrige Löhne und unter Bedingungen, die seit Langem kritisiert werden. Alle vier wurden in dem Fahrzeug bei lebendigem Leib verbrannt.
Ausbeutung in der Landwirtschaft seit Jahren bekannt
Seit Montag laufen die Bilder in italienischen Nachrichtensendungen in Dauerschleife. Die Empörung über den Vierfachmord ist groß. Zugleich flammt erneut die Debatte über die Lage von Migranten in der Landwirtschaft auf. Vor allem im Süden Italiens, wo viel Obst und Gemüse produziert wird, sind unmenschliche Arbeitsverhältnisse seit Jahren bekannt. Ein Teil dieser Waren landet auch in deutschen Supermärkten.
In der Gegend um Amendolara, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren angebaut. Viele Arbeitskräfte kommen aus Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan. Der Lohn beträgt oft nur rund drei Euro pro Stunde. Schätzungen zufolge arbeiten in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen.
Viele sprechen von moderner Sklaverei
Kritiker bezeichnen das System als moderne Sklaverei. Manche sprechen sogar von einer „Landarbeiter-Mafia“, einer streng organisierten Struktur mit möglichen Verbindungen zur kalabrischen Mafia, der ’Ndrangheta. Eine zentrale Rolle spielen sogenannte Capos – Vorarbeiter oder Vermittler, häufig selbst Migranten, die die Anwerbung, Unterbringung und Bezahlung der Arbeitskräfte kontrollieren.
Auch im aktuellen Fall deutet vieles auf ein solches Machtgefüge hin. Dank der Aufnahmen der Überwachungskameras konnten zwei mutmaßliche Täter identifiziert werden: zwei Männer aus Pakistan, die inzwischen in Untersuchungshaft sitzen. Belastet werden sie zudem durch die Aussage des einzigen Überlebenden, des 35-jährigen Afghanen Taj Alamyar, der erst seit wenigen Monaten in Italien lebt. Er saß ebenfalls in dem Fahrzeug, konnte jedoch eine Heckscheibe einschlagen und sich retten.
„Mund halten oder ihr werdet umgebracht“
Alamyar, der schwere Verbrennungen an den Händen erlitt, schildert, dass er und die anderen Männer in einem einfachen Bauernhaus auf Matratzen untergebracht gewesen seien. Vereinbart gewesen sei ein Tageslohn von 45 Euro. Ausgezahlt worden sei dieser jedoch offenbar nicht. Nach seinen Angaben hätten die Arbeiter immer wieder ihr Geld gefordert, doch ihre Arbeitgeber hätten sie ständig vertröstet.
Für den Transport zu den Feldern seien ihnen zudem jeweils fünf Euro für die Hinfahrt und fünf Euro für die Rückfahrt abgezogen worden. Zu essen habe es meist nur Brot und Kartoffeln gegeben. Am Morgen der Tat sei es erneut zum Streit gekommen. Laut Alamyar seien die Männer mit einer Pistole bedroht worden. Die Drohung lautete demnach: „Mund halten oder ihr werdet umgebracht.“ Trotzdem mussten sie wieder aufs Feld.
Auf dem Rückweg eskalierte der Konflikt erneut, bis der Wagen an der Tankstelle stoppte. Nach Einschätzung des Überlebenden sollte ein Exempel statuiert werden – eine Warnung an andere Landarbeiter in der Region, Anweisungen nicht zu hinterfragen. Er sagte, die Täter hätten den Arbeitern eine Lektion erteilen wollen, um klarzumachen, dass Befehle nicht diskutiert werden.
Ermittler vermuten Abschreckungstat
Auch die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass die Tat als Machtdemonstration gedacht war. In den vergangenen Monaten waren bereits mehrfach Fahrzeuge in Brand geraten, mit denen Erntehelfer transportiert wurden. Zudem wird nun geprüft, ob der Tod von vier indischen Feldarbeitern im vergangenen Jahr tatsächlich auf einen Verkehrsunfall zurückzuführen ist.
Nach der ersten Welle des Entsetzens richtet sich der Blick nun auf mögliche Konsequenzen. Der kalabrische Bischof Francesco Savino forderte ein Ende des „bequemen Schweigens“. Wörtlich verlangte er: „Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schäbigen Angewohnheit, es für normal zu halten, dass Männer von weit her bei uns wie Leichen ohne Geschichten sterben.“ Zwar gibt es in Italien Gesetze gegen ausbeuterische Praktiken in der Landwirtschaft, mit hohen Geldstrafen und Haftstrafen von bis zu acht Jahren. Doch viele halten deren Durchsetzung für unzureichend.
Saviano sieht die gesamte Lieferkette in der Pflicht
Der Bestseller-Autor Roberto Saviano ("Gomorrha"), der sich seit Jahren mit organisierter Kriminalität und den Zuständen in der Landwirtschaft beschäftigt, macht auch den Preisdruck großer Handelsketten verantwortlich. Bekannte Marken und Supermärkte verlangten Preise, zu denen faire Löhne kaum möglich seien, sagte er der Zeitung La Stampa.
Saviano äußerte jedoch wenig Hoffnung auf grundlegende Veränderungen. Das System funktioniere seit Jahren nach demselben Muster: Erst wenn Menschen sterben, werde öffentlich reagiert, Kommissionen würden eingesetzt – und danach kehre wieder Stille ein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion