Studie: Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen nimmt weiter zu
Beleidigende Kommentare unter heimlich aufgenommenen Fotos, manipulierte Bilder mit sexuellem Inhalt oder gezielte Bloßstellungen in sozialen Netzwerken: Solche Formen digitaler Schikane treffen laut einer neuen Untersuchung immer mehr junge Menschen. Das Bündnis gegen Cybermobbing warnt, dass die Folgen für betroffene Kinder und Jugendliche gravierend sein können.
Seit Jahren steigende Zahlen
Nach Angaben des Bündnisses sind derzeit bundesweit fast 2,4 Millionen Schülerinnen und Schüler von Cybermobbing betroffen. Damit liegt der Wert erneut höher als in der vorherigen Erhebung aus dem Jahr 2024. Zugleich setzt sich damit ein negativer Trend fort, der bereits seit der ersten Untersuchung im Jahr 2013 zu beobachten ist.
Die Probleme beginnen demnach oft schon in jungen Jahren. Besonders häufig finden die Angriffe über WhatsApp, TikTok, Snapchat, Instagram, Gaming-Plattformen oder Chatrooms statt. Im Bericht „Cyberlife“ heißt es, Cybermobbing gefährde zunehmend die psychische Gesundheit einer ganzen Generation.
Das Internet sei heute überall präsent, geschützte Rückzugsräume gebe es kaum noch. Viele Betroffene würden rund um die Uhr und in nahezu allen Lebensbereichen mit Angriffen konfrontiert. Trotz dieser Entwicklung werde das Thema nach Einschätzung des Bündnisses noch immer unterschätzt. Die Autoren sprechen deshalb von einem dringenden Warnsignal.
Schule bleibt zentraler Tatort
Für die Studie wurden zwischen März und Juli mehr als 1.100 Eltern, über 700 Lehrkräfte sowie 4.525 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 7 bis 20 Jahren online befragt. Berücksichtigt wurden Grundschulen, weiterführende Schulen und Berufsschulen.

20,7 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler erklärten, bereits Ziel von Cybermobbing geworden zu sein. Im Jahr 2024 hatte dieser Anteil noch bei 18,5 Prozent gelegen. Auf die Gesamtzahl hochgerechnet entspricht das laut Bündnis nahezu 2,4 Millionen jungen Menschen.
Auch die Häufigkeit der Angriffe ist alarmierend: 24 Prozent der Betroffenen gaben an, täglich damit konfrontiert zu sein. 35 Prozent erleben solche Attacken nach eigener Aussage einmal oder mehrmals pro Woche, 41 Prozent seltener.
Mehr als 90 Prozent der Vorfälle spielen sich im schulischen Umfeld ab. In über zwei Dritteln der Fälle kennen die Opfer die Täter persönlich, häufig stammen sie aus derselben Schule oder sogar aus der eigenen Klasse. Genannt werden unter anderem Beschimpfungen, Beleidigungen, das Streuen von Gerüchten und Lügen, peinliche Bildveröffentlichungen, Erpressung und Bedrohungen. Rund sieben Prozent der Befragten räumten zudem ein, selbst schon andere im Netz schikaniert zu haben. Nicht selten seien Täter zugleich auch Opfer.
Schwere psychische und körperliche Folgen
Nach Einschätzung des Bündnisses kann Mobbing im Netz massive Belastungen auslösen. Genannt werden Ängste, depressive Verstimmungen, sozialer Rückzug und schlechtere schulische Leistungen. Häufig kämen auch körperliche Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen oder Schlafprobleme hinzu.
Besonders besorgniserregend ist ein weiterer Befund der Studie: Ein Viertel der Betroffenen gab an, infolge des Cybermobbings bereits Suizidgedanken gehabt zu haben.
Die Angriffe setzen zudem immer früher ein. Laut Studie wurde bereits etwa jeder zwölfte Grundschüler mindestens einmal im Netz attackiert. Als Ursachen nennt das Bündnis unter anderem, dass viele Kinder schon zwischen sechs und acht Jahren ein eigenes Smartphone besitzen und dadurch früher mit sozialen Medien in Kontakt kommen. Damit wachse auch die Angriffsfläche. Zugleich seien Jugendliche in der Pubertät besonders verletzlich.
Forderung nach mehr Unterstützung für Eltern und Schulen
Unter den befragten Lehrkräften, darunter auch Schulleitungen und Schulsozialarbeiter, erklärte fast zwei Drittel, Cybermobbing sei an ihrer Schule ein Problem. Das Bündnis sieht in Präventionsarbeit einen wirksamen Ansatz, fordert jedoch einen deutlichen Ausbau — und zwar bereits an Grundschulen.
Auch Eltern müssten stärker unterstützt werden. Zwar seien sich viele der Risiken digitaler Gewalt bewusst, doch oft herrsche große Unsicherheit im Umgang mit dem Problem.
Beim Thema soziale Medien sprach sich eine große Mehrheit von Eltern und Lehrkräften für Altersgrenzen aus. Besonders häufig wurde ein Mindestalter von 16 Jahren genannt. Darüber hinaus fordert das Bündnis von der Politik ein eigenes Cybermobbing-Gesetz. Derzeit würden solche Taten strafrechtlich nur selten verfolgt oder geahndet.
Prävention und „Internet-Führerschein“
Das Bündnis verweist darauf, dass auch andere Untersuchungen seit Jahren auf das wachsende Problem hinweisen. Dennoch werde gesellschaftlich noch zu wenig dagegen unternommen. Cybermobbing sei längst kein Randphänomen mehr, sondern ein dauerhaftes und weiter zunehmendes Problem.
Um gegenzusteuern, setzt sich der Verein für einen sogenannten „Internet-Führerschein“ ein. Dieser solle möglichst schon in der dritten Klasse mit speziell geschulten Lehrkräften eingeführt werden. Vermittelt werden sollen dabei soziale Kompetenzen, das Erkennen digitaler Risiken sowie ein sicherer und verantwortungsvoller Umgang mit sozialen Medien.
Sorge wegen Künstlicher Intelligenz
Zusätzliche Brisanz erhält das Thema durch den wachsenden Einsatz Künstlicher Intelligenz. Schon Kinder und Jugendliche im Schulalter nutzten entsprechende Werkzeuge, um Bilder, Videos oder Stimmen zu manipulieren und zu fälschen, warnt das Bündnis. Dadurch werde es für Täter deutlich einfacher, andere gezielt bloßzustellen oder zu verletzen.
Angesichts der rasanten technischen Entwicklung brauche es daher schnelle politische und pädagogische Antworten. Nach Einschätzung des Bündnisses könnte der Missbrauch von KI das Problem Cybermobbing in Zukunft noch einmal deutlich verschärfen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber