Junge Menschen greifen wieder zu tief sitzenden Jeans, die oft so locker getragen werden, dass der Bund der Boxershorts sichtbar wird. Das wirkt vertraut: Schon in den 1990er- und 2000er-Jahren waren Baggy Pants ein prägender Trend. Heute spricht man dabei häufig von „Sagging“, abgeleitet vom englischen Wort für „durchhängen“ oder „absacken“. Fachleute erklären, woher der Stil kommt, warum er zurück ist – und weshalb deshalb niemand die Skinny-Jeans aus dem Schrank verbannen muss.
Ursprung in der Hip-Hop-Kultur
Sehr weite Hosen, die unterhalb der Hüfte sitzen, entstanden nach Angaben der Münchner Modejournalistin Sabine Resch in den 1990er-Jahren. Ihrer Einschätzung nach steckt dahinter ein Solidaritätszeichen aus der Hip-Hop-Szene der Bronx. Wenn Freunde ins Gefängnis kamen, seien ihnen dort aus Sicherheitsgründen die Gürtel abgenommen worden – die Hosen rutschten entsprechend nach unten. Heute werde der Look vor allem durch die starke Hip-Hop- und Rap-Kultur weitergetragen. Popstars fungierten dabei als Stilvorbilder für viele Jugendliche.
Ein Unterschied zu früher ist jedoch deutlich, sagt Diana Weis, Professorin für Modejournalismus in Berlin: Während Baggy-Hosen einst meist mit sehr langen, fast bis zu den Knien reichenden Shirts kombiniert wurden, fallen die Oberteile heute deutlich kürzer aus. Dadurch rückt automatisch mehr vom Bereich zwischen Hose und Oberteil in den Blick – einschließlich des Bundes der Unterwäsche. Auch bestimmte Unterwäschemarken gewinnen dadurch wieder an Bedeutung.

Low-Rise-Jeans feiern ebenfalls ihr Comeback
Parallel dazu kehren bei jungen Frauen auch Hüfthosen zurück, also sogenannte Low-Rise-Jeans. Dieser Stil war bereits in den 2000er-Jahren populär und wurde damals von Stars wie Britney Spears, Paris Hilton oder Kate Moss bekannt gemacht. Kombiniert mit knappen Tops wird dabei oft der Slip sichtbar – nicht selten ein String mit Glitzersteinen. Auch Tattoos im unteren Rückenbereich, früher spöttisch als „Arschgeweih“ bezeichnet, tauchen wieder häufiger auf.
Weis beobachtet, dass dieses Motiv seinen negativen Ruf weitgehend verloren hat. Jüngere Generationen entdecken den Trend neu und verbinden damit etwas anderes als ältere Menschen, für die er stark mit den frühen 2000ern verknüpft ist.
Warum alte Trends immer wieder auftauchen
Dass Retro-Mode regelmäßig zurückkehrt, ist laut Resch kein Zufall. Mal erleben die 1980er ein Revival, mal die Sechziger oder die 2010er. Vergangene Stile wirkten vertraut und vermittelten ein Gefühl von Sicherheit. Dieses Phänomen beschreibt sie als eine Form von Eskapismus – also die Sehnsucht nach vermeintlich besseren Zeiten.
Nach Ansicht von Weis verstärken soziale Medien diese Entwicklung zusätzlich. Das Internet sei ein riesiges visuelles Archiv, in dem frühere Modebilder jederzeit abrufbar seien. Inspiration komme daher nicht nur aus aktuellen Posts und Clips, sondern ebenso von Popikonen und Prominenten vergangener Jahrzehnte.
Schnellere Trends durch „Fast Fashion“
Resch weist außerdem darauf hin, dass Modetrends heute deutlich rasanter wechseln als früher. Was im 20. Jahrhundert oft ein ganzes Jahrzehnt prägte, könne heute nach wenigen Monaten schon wieder vorbei sein. Während es früher in der Branche nur einige wenige Kollektionen pro Jahr gab, seien es inzwischen teils bis zu 16. Dieser schnelle Wechsel günstiger, stark trendorientierter Ware wird unter dem Begriff „Fast Fashion“ zusammengefasst.
Dadurch sei es für Konsumentinnen und Konsumenten leichter geworden, ihren Stil ständig zu verändern. Mode sei insgesamt beweglicher und weniger fest an die eigene Identität gekoppelt, meint Weis. Anders als in den Jugendkulturen des späten 20. Jahrhunderts müsse man sich heute nicht dauerhaft auf einen einzigen Look festlegen.
So könne jemand an einem Tag Low-Rise-Jeans tragen und am nächsten wieder zur engen Skinny-Jeans greifen. Genau darin liegt laut Resch auch ein Vorteil: Es gibt mehrere Trends nebeneinander. Ihr Rat lautet deshalb, nicht jedem Hype blind zu folgen. Wer alles mitmacht, wirke nicht automatisch jünger – vor allem dann nicht, wenn Erwachsene versuchen, sich exakt wie Jugendliche zu kleiden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber