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Roman «Weiterschwimmen»: Im Pool wird Trauer zu Hoffnung

Wie tägliches Schwimmen nach unfassbarer Trauer neuen Lebensmut schenkt: «Weiterschwimmen» berührt und überrascht.

03.08.2026, 05:30 Uhr

Schwimmen gegen die Trauer: Susanne Pawliks Roman über Verlust und Neubeginn

An heißen Tagen suchen viele Menschen Erfrischung im Freibad oder am See. Für Susanne Pawlik bekam das Schwimmen jedoch eine weit tiefere Bedeutung. Nachdem ihre Tochter im Jahr 2017 an Krebs starb, wurde das Ziehen ihrer Bahnen im Wasser für die Autorin aus dem oberbayerischen Inntal zu einem wichtigen Anker. In ihrem ersten Roman „Weiterschwimmen“ verarbeitet sie diese Erfahrung literarisch – angelehnt an ihr eigenes Leben, aber bewusst als fiktionale Erzählung gestaltet.

Ein einschneidender Moment im Urlaub

Im Mittelpunkt des Buches steht Bea, die wie Pawlik mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem älteren Sohn lebt. Ausgerechnet in einer unbeschwerten Urlaubssituation beginnt das Unglück: Sonne, Ferienhaus, Pool – und dann plötzlich ein beunruhigender Fund. Beim Eincremen entdeckt die Familie eine Schwellung am Bauch der Tochter Karla.

Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Der Alltag der Familie verlagert sich zwischen Zuhause und Krankenhaus, zwischen medizinischen Geräten und kindlichen Spielen am Krankenbett. Das Buch zeigt eindrücklich, wie eine zuvor lebhafte, energiegeladene Kindheit von Krankheit überschattet wird.

Trauer beginnt nicht erst mit dem Tod

Pawlik macht deutlich, dass Abschied oft viel früher anfängt. Schon mit der Diagnose setze eine Form der Trauer ein, sagt sie rückblickend. Denn in diesem Moment verliere man bereits die Vorstellung von Gesundheit und Normalität. Über diese frühe, oft übersehene Trauer werde viel zu selten gesprochen, obwohl sie Angehörige stark präge.

Autorin Susanne Pawlik
Nach dem Tod ihrer Tochter fand die Autorin Halt und Trost beim Schwimmen. Quelle: Lukas Barth-Tuttas/dpa

Schreiben im „Swim of Consciousness“

Die Grundlage für den Roman waren zahlreiche Notizen, die Pawlik in den Jahren ihrer Trauer festhielt. Ihren Stil bezeichnet sie als „Swim of Consciousness“ – angelehnt an den literarischen Begriff „Stream of Consciousness“. Während James Joyce damit innere Gedankenströme beschrieb, verbindet Pawlik diese Form mit dem Erleben im Wasser.

Beim Schwimmen, so erklärt sie, lasse sich nicht analytisch denken. Gedanken würden eher gespürt als zu Ende gedacht. Unter Wasser sei vor allem Raum für Emotionen, nicht für rationales Zergliedern.

Rhythmus wie beim Brustschwimmen

Diese besondere Form des Schreibens prägt auch den Aufbau des Romans. Erzählerische Passagen wechseln sich mit kurzen, poetischen Zweizeilern ab. Erinnerungen, Gedanken und Gefühle bewegen sich dabei in einem gleichmäßigen Rhythmus, den Pawlik selbst mit dem Takt des Brustschwimmens vergleicht.

Als roter Faden dienen die wiederkehrenden Besuche im Schwimmbad. Jedes Mal werden Luft- und Wassertemperatur genannt – wie auf alten Tafeln am Beckenrand, auf denen die Werte noch mit Kreide vermerkt werden.

Das Schwimmbad als Schutzraum

Besonders wichtig war Pawlik ein Waldschwimmbad auf der österreichischen Seite der Grenze, das sie seit Jahren besucht. Dort kannte niemand ihre Geschichte. Dort war sie nicht die Mutter eines verstorbenen Kindes, sondern einfach die Frau, die morgens ihren Kilometer schwimmt – immer auf der äußeren Bahn.

Gerade dieses Ritual half ihr durch die schwerste Zeit. Das Eintauchen ins kalte Wasser, die körperliche Anstrengung und der gleichmäßige Bewegungsfluss gaben ihr Halt. Im Schwimmen, sagt sie, habe sie sich selbst und ihren Körper wieder gespürt. Für sie sei es lebensrettend gewesen, weil es sie immer wieder gesammelt habe.

Ein trauriges und zugleich tröstliches Buch

Pawliks Tochter starb einen Tag vor ihrem siebten Geburtstag. Aus dieser Erfahrung hätte leicht ein Roman voller Wut und Verzweiflung entstehen können. Stattdessen ist „Weiterschwimmen“ zwar tief traurig, aber zugleich tröstlich. Mit poetischer Sprache und an manchen Stellen sogar mit leisem Humor zeigt die Autorin Wege durch die Trauer.

Das Buch richtet sich damit nicht nur an Eltern oder Geschwister, sondern an alle Menschen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben.

Darf das Leben weitergehen?

Eine zentrale Frage des Romans lautet: Ist es erlaubt, nach einem solchen Verlust wieder Freude zu empfinden? Auch Beas Familie ringt damit, als sie nach Karlas Tod nach Portugal reist. Darf man diesen Abstand genießen? Darf man davon träumen, anders weiterzuleben?

Pawlik beschreibt die Zeit nach der Beerdigung als eine Phase des Funktionierens. Während für die Hinterbliebenen alles stillzustehen scheint, läuft die Welt ringsum scheinbar normal weiter. Und doch, so ihre Überzeugung, gibt es für die meisten Menschen einen Weg zurück ins Leben.

Genau davon wollte sie schreiben: von einer Art Erlösung. Nicht im Sinn von Erleichterung darüber, dass alles vorbei ist, sondern als vorsichtige Erkenntnis, dass Weiterleben möglich bleibt. Dass man trotz allem neue Schritte machen kann.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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