Junge Menschen radikalisieren sich im Internet nach Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz nicht nur wegen persönlicher Belastungen, sondern auch durch die Mechanismen digitaler Plattformen. In einer aktuellen Analyse heißt es, soziale Isolation, Probleme im privaten Umfeld und teils psychische Schwierigkeiten bildeten häufig den Nährboden für schnelle Radikalisierungsprozesse. Hinzu komme, dass Plattformen mit schwer nachvollziehbaren Algorithmen besonders oft zugespitzte und aufmerksamkeitsstarke Inhalte bevorzugten.
Schrittweise in abgeschlossene Online-Welten
Laut Verfassungsschutz beginnt der Prozess oft mit harmlos wirkenden, "semi-politischen" Inhalten. Von dort aus würden Nutzer nach und nach in digitale Echokammern gelenkt, in denen immer extremere und emotional aufgeladene Botschaften kursierten. Durch ständige Wiederholung und Zustimmung anderer werde extremistisches Gedankengut zunehmend als normal wahrgenommen und verinnerlicht. Auffällig sei zudem, dass sich Menschen nicht zwingend nur einer einzigen Ideologie zuwenden, sondern sich häufig aus verschiedenen demokratiefeindlichen Denkmustern bedienen.
Die Verbreitung solcher Inhalte und die Vernetzung Gleichgesinnter erfolge über viele Kanäle: klassische Websites, soziale Netzwerke, Gaming-Plattformen, Imageboards und Messengerdienste. Je nach Ausrichtung nutzten Extremisten dabei unterschiedliche digitale Räume besonders intensiv.
Rechtsextreme Präsenz auf Imageboards und Gaming-Diensten
Rechtsextremisten greifen dem Bericht zufolge neben bekannten sozialen Netzwerken und Messengern – vor allem Telegram – auch auf alternative Videoportale und Imageboards wie Kohlchan zurück. Auch Plattformen aus dem Gaming-Bereich wie Steam oder Kommunikationsdienste wie Discord würden genutzt, um Kontakte zu knüpfen.

Als Beispiel nennt die Behörde die internationale Telegram-Gruppe "Brenton Fanclub", benannt nach dem Attentäter von Christchurch. Der Rechtsextremist hatte am 15. März 2019 in zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen ermordet, zuvor ein Manifest veröffentlicht und die Tat live im Internet übertragen. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden führten Ermittlungen im Zusammenhang mit dieser Gruppe auch zu polizeilichen Maßnahmen gegen einen 15-Jährigen und einen 19-Jährigen. Beide hatten dort unabhängig voneinander konkrete Anschlagsdrohungen veröffentlicht – in einem Fall gegen eine Schule und eine Moschee in Bremerhaven, im anderen gegen eine Synagoge in Halle.
Linksextreme setzen auf große Social-Media-Kanäle
Linksextremistische Gruppen nutzen laut Verfassungsschutz vor allem etablierte Plattformen wie Instagram, um ihre Inhalte über die eigene Szene hinaus zu verbreiten und zu Demonstrationen oder Veranstaltungen aufzurufen. Jugendorganisationen aus diesem Spektrum seien zum Teil auch auf TikTok, X, Videoportalen, Karriereplattformen, Musik-Streamingdiensten und Facebook aktiv.
Islamistische Gruppen auf Telegram, Rocket-Chat und mit KI
Islamistische Terrororganisationen wie der sogenannte Islamische Staat und Al-Kaida sind der Analyse zufolge besonders auf Telegram und Rocket-Chat präsent. Inzwischen setzten sie zudem zunehmend auf Künstliche Intelligenz und produzierten auch Deepfakes. Unterstützer nutzten darüber hinaus TikTok und Gaming-Plattformen, um sich zu vernetzen und Propagandamaterial zu verbreiten.
Islamistische Gruppierungen, die vor allem Muslime in Deutschland von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollten, seien dagegen vor allem auf klassischen sozialen Netzwerken aktiv.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber