Häftlinge wachen in Apulien über Badegäste
Weil an Italiens Küsten Tausende Rettungsschwimmer fehlen, setzt die Region Apulien in diesem Sommer auf ein ungewöhnliches Modell: Erstmals arbeiten dort zwölf Gefängnisinsassen als Strandaufsicht. Die Männer wurden in Schnellkursen ausgebildet und fahren morgens von der Haftanstalt in Lecce mit dem Bus zu den Stränden. Nach Feierabend kehren sie wieder ins Gefängnis zurück.
Das Projekt trägt den Namen „Io salvo“ („Ich rette“) und soll vor allem der Resozialisierung dienen, berichtete die Zeitung La Stampa. Zugleich reagiert es auf ein seit Jahren wachsendes Problem: Für Italiens mehr als 5.000 Strände gibt es zu wenig Bademeister. Offiziell sind landesweit rund 11.000 bis 15.000 sogenannte Bagnini im Einsatz, benötigt würden Schätzungen zufolge aber 3.000 bis 4.000 zusätzliche Kräfte. Der Beruf hat an Attraktivität verloren, außerdem wird vielerorts schlecht bezahlt.
Ausbildung hinter Gittern
Vor ihrem Einsatz mussten die Häftlinge aus dem Gefängnis Borgo San Nicola in Lecce zunächst ein Auswahlverfahren bestehen. Anschließend absolvierten sie innerhalb der Haftanstalt einen dreimonatigen Kurs. Auf dem Lehrplan standen Badevorschriften, Sicherheitsregeln und Erste Hilfe, darunter auch der Umgang mit einem Defibrillator.
Nach den ersten Wochen fiel die Bilanz positiv aus: Keiner der Teilnehmer nutzte die Arbeit außerhalb des Gefängnisses für einen Fluchtversuch. Laut La Stampa erhalten die Männer einen Tageslohn von 50 Euro.
Einer der neuen Strandaufseher, der 44-jährige Antonio V., sagte der Zeitung, nach so vielen Jahren im Gefängnis fühle er sich zum ersten Mal wieder nützlich. Mauro della Valle, Vorsitzender des Strandbäderverbandes Confirmprese Demaniali, bezeichnete den Einsatz als starke Form der Wiedergutmachung. Die Männer riskierten ihr Leben, um Badegäste zu schützen. Entstanden ist das Vorhaben in Zusammenarbeit von Verband, Gefängnisleitung und Behörden.
Ausweitung auf weitere Gefängnisse denkbar
Inzwischen wird geprüft, ob das Modell auch in anderen Haftanstalten Italiens eingeführt werden kann. In Apulien arbeiten bereits zwei weitere Gefangene als Bademeister an einem Swimmingpool in einer Ferienanlage.
An Italiens Stränden gelten strenge Sicherheitsvorschriften: Mindestens alle 150 Meter muss ein Bademeister oder Rettungsschwimmer erreichbar sein. Voraussetzung für den Job sind ein Mindestalter von 18 Jahren und mindestens 30 Stunden Ausbildung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber