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Frauenmordversuch überlebt: «Was mich nie mehr loslässt»

Ein Mitschüler wollte sie töten – 15 Jahre später erzählt Daniela Magnani Hüller in einer Doku, was damals wirklich geschah.

08.05.2026, 04:45 Uhr

Dokumentarfilm über überlebten Femizidversuch feiert Premiere in München

Schon in der Schule fällt ihr auf, wie ein Mitschüler sie ständig fixiert. Später folgen bedrohliche Nachrichten über soziale Netzwerke. Ihre Eltern erstatten Anzeige, in der Schule gibt es ein Gespräch – doch viel mehr geschieht nicht. In den Sommerferien 2011 greift der Jugendliche Daniela Magnani Hüller in München auf offener Straße an und verletzt sie mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich. Sie ist damals 16 Jahre alt und überlebt einen versuchten Femizid.

Am Samstag, 9. Mai, wird beim Münchner DOK.fest ihr biografischer Dokumentarfilm „Was an Empfindsamkeit bleibt“ uraufgeführt. In einer collageartigen Erzählweise spricht die Regisseurin mit Menschen aus ihrer Vergangenheit und rekonstruiert Erinnerungen. Den Täter rückt sie dabei bewusst nicht in den Mittelpunkt. Es gehe nicht darum, ihm Raum zu geben, sagte Magnani Hüller der Deutschen Presse-Agentur.

Entstanden aus dem Blick in die Akten

Die Idee zum Film kam ihr, nachdem sie ihre Fallakten erstmals gelesen hatte. Jahrelang lagen diese unbeachtet im Keller. Danach entschied sie sich, Gespräche mit Personen aus ihrem damaligen Umfeld zu führen – unter anderem mit einer Lehrerin, einer Polizistin und einer früheren Mitschülerin.

„Ich habe den Film nicht aus Wut oder aus Rache gemacht“, sagt die 31-Jährige. Im Zentrum habe vielmehr das gemeinsame Erinnern gestanden.

Ausgangspunkt für die Dokumentation war ein Satz, der sie bis heute begleitet. Kurz nach dem Erwachen im Krankenhaus habe ein Kommissar zu ihr gesagt: „Ich weiß, du hast heute etwas zutiefst Ungerechtes erlebt. Aber du musst mir versprechen, den Glauben an die Menschen nicht zu verlieren.“

An diese Worte habe sie immer wieder gedacht. Zwar habe sie den Umgang von Polizei und Justiz mit Betroffenen von Gewalt oft als unzureichend erlebt und sich auch in ihrem eigenen Fall mehr Einsatz gewünscht. Gleichzeitig sei ihr dadurch klar geworden, wie stark einzelne Menschen innerhalb eines Systems etwas bewirken können. Genau dieser Frage wolle der Film nachgehen: wie sehr Strukturen von einzelnen Personen geprägt werden.

Den damaligen Kommissar hätte sie für den Film gern getroffen. Dazu kam es jedoch nicht. Er sei inzwischen pensioniert und habe keinen Kontakt mehr zu seiner früheren Arbeit. Dass sie sich bei ihm nicht bedanken konnte, empfinde sie als schmerzhaft.

Überlebt zu haben sei „großes Glück“

Die Dokumentation erzählt eine sehr persönliche Geschichte, verweist aber zugleich auf ein größeres gesellschaftliches Problem. Verlässliche Zahlen zu Femiziden – also Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – gibt es in der polizeilichen Kriminalstatistik bislang nicht. Nach Angaben des Bayerischen Landeskriminalamts fehlt dafür eine bundesweit einheitliche Definition.

Einer Auswertung zufolge wurden 2024 in Bayern 40 Frauen Opfer eines Femizids. Magnani Hüller sagt, sie fühle sich diesen Frauen verbunden. Dass sie selbst überlebt habe, sei „einfach ein großes Glück“ und auch Zufall gewesen.

Der alternative englische Titel des Films, „Sometimes I imagine them all at a party“, soll die ermordeten Frauen mit einschließen. Sie stelle sich vor, wie diese Frauen gemeinsam feiern, eine gute Zeit haben und von ihren Hoffnungen und Wünschen erzählen. Damit solle sichtbar werden, was ihnen genommen wurde – weil Männer entschieden hätten, ihr Leben zu beenden.

Warum reichte die Anzeige nicht?

In einem Gespräch mit der Kriminalhauptkommissarin Marion Inhuber stellt die Regisseurin eine zentrale Frage: „Warum hat die Anzeige nicht gereicht, um mich vor der Tat zu schützen?“

Inhuber beschreibt, dass die Möglichkeiten der Ermittlungsbehörden in solchen Fällen oft eng begrenzt seien. Allein wegen einer Drohung könne in der Regel niemand festgenommen werden. Häufig gingen schweren Gewalttaten jedoch zunächst Delikte voraus, die kleiner erscheinen. Dass Femizide oft von Drohungen oder anderer Gewalt angekündigt werden, bestätigt auch eine Veröffentlichung der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Mehr als zehn Jahre nach dem Angriff muss sich Magnani Hüller weiterhin selbst um ihre Sicherheit kümmern, denn der Täter ist inzwischen wieder auf freiem Fuß. Schutzmaßnahmen wie eine Auskunftssperre im Melderegister seien mit großem bürokratischem Aufwand verbunden. Dafür müsse sie eine konkrete Gefährdung nachweisen.

„Es ist wahnsinnig, was Frauen zugemutet wird“, sagt sie. Gerade in einer psychischen Ausnahmesituation müssten sie enorme bürokratische Hürden bewältigen. Dieses Thema werde sie ihr Leben lang begleiten.

Film soll breite Debatte anstoßen

Mit „Was an Empfindsamkeit bleibt“ will Magnani Hüller einen sehr persönlichen Blick auf ein Phänomen werfen, das sonst meist nur von außen betrachtet wird. Der Film richte sich nicht ausschließlich an ein feministisches Publikum. Vielmehr solle er möglichst viele Menschen dazu bringen, miteinander ins Gespräch zu kommen und genauer hinzusehen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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