Allgemein

Dschungelflug ins Beben-Chaos

Nach dem Beben bleibt oft nur der Luftweg: Ein deutscher Pilot bringt Hilfe in Kolumbiens abgeschnittene Küstenorte.

16.08.2026, 06:58 Uhr

Unter einer kleinen einmotorigen Propellermaschine breitet sich der dichte, sattgrüne Regenwald des kolumbianischen Pazifikraums aus. An Bord liegen Medikamente, Windeln und Toilettenpapier für Menschen, die nach dem schweren Erdbeben vom vergangenen Montag dringend Hilfe brauchen, auf dem Landweg aber nicht erreichbar sind. Das Ziel des Flugs ist Pizarro, ein abgelegenes Fischerdorf im Departamento Chocó nahe dem Epizentrum.

Am Steuer sitzt der Deutsche Gerhard Thyben, ehemaliger Honorarkonsul und Vorstandsmitglied der Deutschen Schule in Cali. Für ihn ist der Flug weit mehr als reine Logistik. Er sagt, dass er hier seine Leidenschaft fürs Fliegen mit konkreter Hilfe verbinden könne und so Orte erreiche, die völlig vom Rest des Landes abgeschnitten seien. Gerade das gebe ihm große Genugtuung.

Kurz darauf landet die Maschine in Pizarro. Sofort fällt die schwüle Hitze auf. Zwischen einfachen, meist einstöckigen Häusern verlaufen unbefestigte Wege, direkt dahinter beginnt dichter Regenwald. Der Ort liegt in einer der niederschlagsreichsten Regionen der Welt an der Pazifikküste. Die Bevölkerung ist überwiegend afro-kolumbianisch, viele Familien leben von Fischerei und Landwirtschaft.

Auch in Pizarro hat das Beben Spuren hinterlassen. An vielen Gebäuden sind Risse zu sehen. Dennoch sind die Schäden dort geringer als in besonders schwer getroffenen Städten wie Cali und anderen Orten der Region. Thyben berichtet, dass Pizarro selbst nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen worden sei, es habe dort aber zwei Todesopfer gegeben. Möglicherweise habe geholfen, dass der Ort fast nur aus kleinen, einstöckigen Häusern besteht und größere Gebäude kaum vorhanden sind.

Das Erdbeben ist für die Menschen trotzdem allgegenwärtig. Der Bewohner Alexander Moreno erinnert sich an den Moment des Bebens als chaotisch und von Angst geprägt. Viele Menschen seien losgerannt, um verzweifelt nach ihren Angehörigen zu suchen. Er selbst habe nicht gewusst, ob er bei seinen Eltern bleiben oder zur Schule fahren solle, um seine Kinder zu holen. Für ihn sei es eine sehr schwierige Situation gewesen.

Abgeschnitten vom Rest des Landes

Pizarro liegt an der Mündung des Río Baudó direkt am Pazifik. Wer von dort nach Buenaventura will, dem wichtigsten Hafen Kolumbiens an der Pazifikküste, ist mehrere Stunden mit dem Boot unterwegs. Eine Straßenverbindung gibt es nicht.

Gerade diese Isolation erschwert nach dem Erdbeben die Versorgung. Von Pizarro aus werden Hilfslieferungen in weitere ländliche Gebiete gebracht, die besonders betroffen sind. Ein Mitglied der Gemeinde koordiniert die Verteilung. Von dort gelangen die Güter per Boot oder Motorrad noch tiefer in abgelegene Gegenden.

Die Pazifikregion ist ohnehin schwer zugänglich. Hinter der Küste erheben sich hohe Berge, dazwischen liegt dichter Regenwald. Straßenbau ist vielerorts kaum möglich. Auch für die ehrenamtlichen Piloten sind die Einsätze anspruchsvoll. Thyben sagt offen, dass die Flüge nicht ungefährlich seien. Mit einer einmotorigen Maschine und einem kolbengetriebenen Motor bewege man sich im Gebirge oft an der Grenze des Machbaren.

Zwei Minuten, die wie eine Ewigkeit wirken

Thyben weiß aus eigener Erfahrung, was die Menschen durchgemacht haben. In der Großstadt Cali erlebte er die Erschütterungen selbst. Zunächst habe das Beben harmlos begonnen, dann aber deutlich an Stärke gewonnen. Im Haus hätten Menschen geschrien und angefangen zu beten. Er selbst sei in den Garten gegangen. In der Nachbarschaft hätten Hochhäuser geschwankt, von Fassaden sei Putz herabgefallen.

Besonders eindrücklich sei für ihn nicht nur das bedrohliche Knacken gewesen, sondern vor allem die Dauer. Zwei Minuten, in denen die Erde bebt, fühlten sich an wie eine Ewigkeit.

Zunächst nahm Thyben in seinem eigenen Viertel nur wenig Schaden wahr. Erst als er später durch Cali fuhr, begriff er das Ausmaß. Vor allem weiter südlich bot sich ihm ein immer schlimmeres Bild. Viele Gebäude waren schwer beschädigt, einige sogar komplett eingestürzt.

Der in Cali geborene 70-Jährige hat bereits mehrere Erdbeben erlebt. Doch diesmal sei ihm nach eigenen Worten besonders bewusst geworden, wie fragil das Leben ist und wie vergänglich Besitz sein kann. Auch die Deutsche Schule in Cali, für die er sich seit Jahren engagiert, sei von den Folgen betroffen und brauche dringend Unterstützung.

Ein Netzwerk für abgelegene Orte

Die Hilfsflüge organisiert Thyben gemeinsam mit der Patrulla Aérea Civil del Pacífico, der Zivilen Luftpatrouille des Pazifikraums. Die Organisation besteht seit Jahrzehnten. Ursprünglich half sie bei der Suche nach abgestürzten Flugzeugen. Heute stellen private Besitzer ihre Maschinen zur Verfügung, um Menschen in schwer zugänglichen Regionen zu versorgen.

Nach dem Erdbeben, das bislang fast 300 Menschen das Leben gekostet hat, bringt dieses Netzwerk Spender, Hilfsorganisationen, Ärzte und Piloten zusammen. Ziel ist es, schnell herauszufinden, welche Hilfe an welchem Ort gebraucht wird, und diese dann dorthin zu bringen. Laut Thyben lebt das System davon, dass viele Beteiligte ihre Kontakte und Möglichkeiten einbringen.

Für ihn ist die Arbeit persönlich sehr erfüllend. Am Ende eines Tages bleibe das Gefühl, wirklich etwas getan zu haben. Gleichzeitig richte sich der Blick sofort auf den nächsten Einsatz und auf die Frage, was am folgenden Tag noch zusätzlich möglich ist.

Der nächste Flug steht bereits an. Pizarro ist nur einer von vielen abgelegenen Orten an Kolumbiens Pazifikküste, die nach dem Beben auf Hilfe angewiesen sind. Wo Straßen fehlen, bleibt den Helfern oft nur der Weg durch die Luft.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen