Cannes setzt mit der Goldenen Palme ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt
Mit der Auszeichnung für das Drama „Fjord“ hat das Filmfestival von Cannes zum Abschluss ein klares Signal für Empathie, Offenheit und das Aushalten unterschiedlicher Sichtweisen gesendet. Der neue Film des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu überzeugte die Jury nicht nur ästhetisch, sondern auch durch seine gesellschaftliche Relevanz.
Jurypräsident Park Chan-wook erklärte bei der Preisverleihung, die Goldene Palme sei an einen Film gegangen, der das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt auf herausragende künstlerische Weise thematisiere.
Worum es in „Fjord“ geht
Im Zentrum von Mungius Drama stehen Fragen nach Familie, Erziehung und kulturellen Gegensätzen. Die Hauptrollen spielen Sebastian Stan und Renate Reinsve als streng religiöses Ehepaar mit rumänisch-norwegischen Wurzeln, das mit seinen fünf Kindern in ein abgelegenes Dorf in Norwegen zieht.
Als Lehrer bei ihrer Tochter Verletzungen bemerken, geraten die Eltern in Verdacht, das Kind misshandelt zu haben. Die Behörden nehmen ihnen daraufhin vorübergehend alle Kinder weg, selbst das Baby. Der Streit landet bald vor Gericht. Dort werden nach und nach viele Elemente ihres Lebensstils gegen sie ausgelegt – darunter ihre religiös geprägte Erziehung, Bibelunterricht und ihre grundlegenden Wertvorstellungen.
Keine einfachen Antworten
Mungiu, der damit seine zweite Goldene Palme gewann, inszeniert den Stoff bewusst kühl und nüchtern. Statt eindeutige Urteile zu fällen, lässt er unterschiedliche moralische Positionen aufeinanderprallen. Der Film fordert das Publikum dazu auf, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen und andere Sichtweisen zumindest zu akzeptieren, auch wenn sie den eigenen Überzeugungen widersprechen.

In seiner Dankesrede sagte Mungiu, die Gesellschaft wirke heute gespalten, fragmentiert und radikalisiert. Sein Film verstehe sich daher als Absage an jede Form von Fundamentalismus. Zugleich sei er ein Bekenntnis zu Toleranz, Inklusion und Empathie. Solche Begriffe würden in Europa oft beschworen, müssten aber viel häufiger mit Leben gefüllt werden.
Pawlikowski: Das Kino muss widersprechen
Auch der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski griff diese Grundidee in seiner Rede auf. Er teilte sich den Preis für die beste Regie mit Javier Calvo und Javier Ambrossi aus Spanien, die für ihr Drama „The Black Ball“ („La bola negra“)“ geehrt wurden.
Pawlikowski sagte bei der Entgegennahme seines Preises für „Vaterland“, man lebe in einer Zeit, in der immer mehr Menschen fest davon überzeugt seien, allein im Recht zu sein. Genau das sei beängstigend.
Nach seiner Ansicht müsse das Kino dem etwas entgegensetzen und sichtbar machen, dass die Welt eben nicht so eindeutig sei. Das sei auch ein Antrieb für seinen Film gewesen, in dem Hanns Zischler und Sandra Hüller als Thomas Mann und Erika Mann durch das Deutschland des Jahres 1949 reisen.
Politische Töne bei der Abschlussgala
Die Abschlussveranstaltung war mehrfach von politischen Statements geprägt. Der französische Filmemacher Emmanuel Marre, der für „A Man of His Time“ („Notre Salut“)“ den Preis für das beste Drehbuch erhielt, verurteilte auf der Bühne jede Form von Gewalt.
Besonders eindringlich äußerte sich der russische Regisseur Andrej Swjaginzew, der für seinen Politthriller „Minotaur“ mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. In seiner Rede auf Russisch sprach er mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine davon, dass Millionen Menschen auf beiden Seiten der Front nur eines wollten: dass das Töten endlich ende. Der einzige, der diesem Blutvergießen ein Ende setzen könne, sei der Präsident der Russischen Föderation, sagte er mit direktem Verweis auf Wladimir Putin. Die ganze Welt warte darauf.
Swjaginzew hatte Russland wie viele andere Kunstschaffende nach dem Angriff auf die Ukraine verlassen und lebt inzwischen in Frankreich. Sein Film „Minotaur“ erzählt von einem russischen Unternehmer, der gleichzeitig mit massiven Problemen in seiner Firma und einer Affäre seiner Frau konfrontiert ist. Die private Geschichte wird dabei eng mit der ständigen Präsenz des Krieges verknüpft.
Valeska Grisebach erhält den Preis der Jury
Auch eine deutsche Regisseurin wurde in Cannes ausgezeichnet: Valeska Grisebach bekam für „Das geträumte Abenteuer“ den Preis der Jury. Der Film spielt in einer Grenzregion Bulgariens und begleitet eine Archäologin, die immer tiefer in ein von Kriminalität geprägtes Umfeld gerät, nachdem sie einem Bekannten helfen will.
Grisebach verbindet ihre Handlung mit einer fast dokumentarischen Beobachtung des Alltags in dieser Region. Auf der Bühne sagte sie, die Arbeit an diesem Film nahe der Außengrenze Europas habe sie gezwungen, sich mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen, wenn sie von Europa spreche.
Weitere ausgezeichnete Filme und Darsteller
Der Blick auf andere Lebenswelten und Perspektiven prägte auch weitere prämierte Arbeiten. Als beste Schauspieler wurden Emmanuel Macchia und Valentin Campagne geehrt. In „Coward“ von Lukas Dhont spielen sie zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg, die sich ineinander verlieben.
Als beste Schauspielerinnen wurden Virginie Efira und Tao Okamoto für „All of a Sudden“ („Soudain“)“ ausgezeichnet. Der japanische Regisseur Ryūsuke Hamaguchi erzählt darin in leisen, eindringlichen Bildern von zwei Frauen, deren Begegnung das Leben beider unerwartet verändert.
Cannes setzte damit zum Festivalende insgesamt ein klares Zeichen: weg von einfachen Gewissheiten, hin zu mehr Verständnis für Widersprüche, Vielfalt und andere Perspektiven.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion